Olympia

Sogar die IOC-Chefin weintOlympias "Moment der Schande" ist ein Sieg für Russland

12.02.2026, 13:07 Uhr
imageVon David Bedürftig und Tobias Nordmann, Cortina
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Wut und Tränen: Der Ausschluss des ukrainischen Athleten Wladyslaw Heraskewytsch erregt die Gemüter bei den Olympischen Spielen. Russland freut es. Doch immerhin: Der Mut des Sportlers wird in Erinnerung bleiben - und seine Botschaft hört man nun umso lauter.

Kirsty Coventry weinte. Und die Tränen der IOC-Präsidentin wirkten echt. Sie und ihr Internationales Olympisches Komitee hatten am Donnerstagvormittag eine Entscheidung getroffen, die so offiziell niemand wollte. Nicht Coventry und schon gar nicht Wladyslaw Heraskewytsch.

Der ukrainische Skeleton-Fahrer wird von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Weil er im Wettkampf am Vormittag, wie bereits zuvor im Training, erneut einen Helm tragen wollte, auf dem Porträts von im Krieg von russischen Soldaten getöteten Sportlern aus der Ukraine zu sehen sind. Aber er durfte nicht. Verstoß gegen Regel 50 der IOC-Charta. Politische Meinungsäußerungen auf dem sportlichen Spielfeld sind untersagt.

Das IOC beharrt weiterhin darauf, das Politische aus den Spielen herauszuhalten. Es ist allerdings pure Verzweiflung. Ein Hängen an einer Realität, die es nicht mehr gibt. Die es vielleicht noch nie gegeben hat. Auf der globalen politischen Bühne wird Sport seit Langem, etwa von Gastgeberländern, als Mittel zur Einflussnahme eingesetzt. Ob die Olympischen Winterspiele in Russland (2014) oder China (2022), die Fifa-Weltmeisterschaften in Russland (2018), Katar (2022) oder das bevorstehende Turnier in den USA, Sport ist heute politischer denn je.

Russland sportlich auf dem Vormarsch

Und schon bei diesen Olympischen Spielen, noch vor dem Fall Heraskewytsch, war das Politische präsent auf der Wintersport-Bühne. Die Anwesenheit der US-amerikanischen ICE-Agenten, der Besuch des US-Vizepräsidenten JD Vance, die Pfiffe gegen das israelische Team bei der Eröffnungsfeier, der Auftritt des Rappers Ghali, der für seine propalästinensische Position bekannt ist; all das hatte Reaktionen vorgerufen, die nichts mit dem Sport zu tun haben.

Neutralität, das geht nicht. Auch nicht für die russischen Sportlerinnen und Sportler, die nur vereinzelt dabei sind und deren Startrecht von Russland aber bereits als "Rückkehr auf die Bühne des Weltsports" gefeiert wird. Einige russische Athletinnen und Athleten, die als "neutrale" Teilnehmer an internationalen Wettkämpfen antreten, haben zudem Verbindungen zum Kreml oder ihre Unterstützung für den Krieg gegen die Ukraine zum Ausdruck gebracht.

Auch Coventry ließ in Italien durchblicken, dass Russland rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles wieder in die olympische Familie zurückkehren könnte. Pragmatische Business-Entscheidungen scheinen über die Jahre moralische Verpflichtungen zu verdrängen. Trotz des andauernden Krieges werden Beschränkungen für russische und belarussische Athletinnen und Athleten schrittweise gelockert, so wie Moskau sich das wünscht. Im Gegensatz zu den Athleten wurden die russischen und belarussischen Sportfunktionäre ohnehin nie vollständig suspendiert, sodass sie weiterhin Einfluss auf internationale Sportorganisationen nehmen konnten.

Coventry fängt an zu weinen

Auch die Disqualifikation Heraskewytschs ist nun ein Teil dieses Prozesses. Mit dem Fall erreicht die Diskussion um das Politische eine ganz neue Ebene. Ist das Gedenken an verstorbene Sportler politisch? Interpretationssache. Die menschliche Antwort lautet: Nein, natürlich nicht. In der kontextuellen Gesamtbetrachtung sieht die Lage anders aus: Natürlich schwingt eine Botschaft mit, die über die Trauer des Athleten hinausgeht. Die Bilder rücken zwangsläufig die Brutalität des russischen Angriffskriegs ins kollektive Bewusstsein. Einer der Athleten, die auf dem Helm zu sehen sind, soll gerade erst neun Jahre alt gewesen sein. Das löst etwas beim Betrachter aus.

Das IOC hatte Heraskewytsch als Kompromiss angeboten, mit einer schwarzen Armbinde als Zeichen der Trauer zu starten. Außerdem soll die Möglichkeit bestanden haben, dass er den Helm später in der Mixed Zone, dort, wo die Interviews geführt werden, hätte zeigen dürfen. Das war schon ein Spagat, eine Dehnung der Regel 50, die man dem IOC nicht zugetraut hatte. Dass nun wieder einmal eine historische Chance vertan wurde, ist leider Teil der IOC-Geschichte. Aus der sich auch Coventry nicht löst, nicht lösen will. Mit der harten Komitee-Haltung wurde der Fall größer. Viel größer, als wenn Heraskewytsch einfach mit dem Helm gefahren wäre. Was indes nicht zu kalkulieren gewesen wäre: die Konsequenzen für die sportpolitsche Dimension, die es ja nicht geben soll.

Und so stößt auch das IOC an Grenzen, die kaum zu ertragen sind. Kirsty Coventry erlebt erstmals die Härte ihres Amts. Ihrer Verantwortung. Noch an der Bahn hatte sie versucht, so sagt sie, mit Heraskewytsch eine Lösung zu finden. "Ich wollte unbedingt mit ihm und seinem Vater zusammen einen Weg finden, damit er heute an den Start gehen kann. Sie haben beide gesagt, dass man die Bilder auf dem Helm eh nicht richtig sehen kann und da haben sie auch recht: Die Bilder kann man nicht wirklich erkennen. Und danach hätte er den Helm abgenommen. Aber leider haben wir keine Lösung gefunden, mit der er heute starten kann. Ich wollte ihn heute wirklich gern im Rennen sehen. Es war ein wahnsinnig emotionaler Morgen." Danach fing sie an zu weinen.

Heraskewytsch will vor Sportgerichtshof ziehen

Auch Heraskewytsch selbst wurde an der Strecke weinend gesehen. Ebenso sein hemmungslos heulender Vater. Aus Kreisen der Familie heißt es, man sorge sich nun um die Zukunft von Wladyslaw Heraskewytsch, denn er könnte von Russland als eine Art Staatsfeind Nummer eins betrachtet werden. Der Fall hat eine Ebene erreicht, in der es viele Verlierer gibt. Und einen Gewinner: Russland.

"Ich habe keine Regeln verletzt", befand Heraskewytsch und klagte das IOC vor internationalen Medienvertretern an: "Mir ist mein olympischer Moment gestohlen worden!" Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sprach in einer ersten Reaktion von einem "Moment der Schande". Heraskewytsch erklärte, dass er zu keiner Zeit bereit war, einen Kompromiss einzugehen. "Ich habe nie darüber nachgedacht, nicht mit dem Helm zu starten", sagte er am ZDF-Mikrofon und kündigte an, noch lange nicht aufgeben und vor den Internationalen Sportgerichtshof ziehen zu wollen: "Wir werden einen Fall für den CAS vorbereiten."

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) findet es zwar "ein starkes Zeichen, dass ukrainische Athletinnen und Athleten an diesen Spielen teilnehmen können. Das ist vier Jahre nach dem Überfall Russlands auf ihr Heimatland auch ein wichtiges Signal der Widerstandskraft des ukrainischen Volkes." Aber, so das DOSB-Statement, im Wettkampf "sind politische Botschaften und solche, die so interpretiert werden können", eben untersagt.

Ein Vermächtnis des Muts und der Liebe

Doch mit der Zeit wird man sich an Heraskewytsch als einen Athleten erinnern, der mutig Stellung bezogen hat. Der die Liebe zu seinen Landsleuten über das Streben nach Gold, Silber oder Bronze gestellt hat. Der dem Angriffskrieg Russlands und dessen Normalisierung die Stirn geboten hat. Zwar ohne Medaille, aber einen Eintrag ins Geschichtsbuch hat der Sportler trotzdem sicher.

Einer der meistdiskutierten Momente bei den Olympischen Spielen in Peking 2022 kam, als Heraskewytsch nach seinem Rennen, nur wenige Tage bevor Russland seine großangelegte Invasion startete, ein Schild mit der Aufschrift "Kein Krieg in der Ukraine" hochhielt. Sein Appell blieb damals ungehört.

Diesmal protestierte Wladyslaw Heraskewytsch vor dem Rennen - und sollte mundtot gemacht werden. Was komplett in die Hose ging. Die IOC-Disqualifikation verstärkt seine Botschaft nur noch. Statt kurzer Aufregung über einen Helm beim Wettkampf springt nun der Nachrichtenzyklus der Olympischen Spiele erst richtig an. Jetzt erfährt die ganze Welt von den im Krieg getöteten ukrainischen Sportlerinnen und Sportlern. Über 500 sollen es bereits sein.

Quelle: ntv.de

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