Olympias "Moment der Schande"Wer sind die Getöteten auf dem verbotenen Helm?

Wladyslaw Heraskewytsch darf nicht bei den Olympischen Spielen starten, weil sein Helm mit den Bildern von 20 getöteten Sportlerinnen und Sportlern gegen die Olympische Charta verstieße. Der Sportler opfert seinen olympischen Traum, um die Toten zu ehren. Wer sind diese Menschen?
Am sechsten Wettkampftag produzieren die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo einen "Moment der Schande", wie es der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha bezeichnet. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet dem ukrainischen Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch, auf der Fahrt durch den olympischen Eiskanal 22 während des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine getötete Sportlerinnen und Sportler in Gedenken ganz nahe bei sich zu haben.
Weil er sich weigert, im Wettkampf auf seinen Helm mit den Bildern der Getöteten zu verzichten, wird Heraskewytsch disqualifiziert. Das IOC beruft sich auf die Regel, dass Athletinnen und Athleten politische Äußerungen verboten sind. IOC-Präsidentin Kirstie Coventry beweint die Entscheidung während einer Stellungnahme vor Kameras, doch Heraskewytsch will sich nicht auf Kompromisse einlassen.
Also opfert Heraskewytsch seinen olympischen Traum. "Mein olympischer Moment wurde gestohlen. Aber es gibt Dinge, die wichtiger sind", sagte der 27-Jährige nach seiner Disqualifikation. Der Skeletoni hatte den Helm bereits in den Trainingsläufen getragen und immer wieder betont, dass er dies auch im Wettkampf plane. Einen offiziellen Antrag lehnte das IOC aber ab. "Von Tag eins sagte ich: Ich werde diese Athleten nicht verraten. Wir sind auch wegen ihnen am Leben, wegen der Opfer, die sie gebracht haben. Sie verdienen es, hier zu sein."
Wer sind die Menschen auf dem verbotenen Helm?
Auf seinem Instagramkanal teilte Heraskewytsch eine Auflistung der Sportlerinnen und Sportler, deren Biografien sich nicht bis ins Detail verifizieren lassen. Viele Angaben stammen von der vom staatlichen Sport-Komitee betriebenen Seite "Engel des Sports". Nicht alle von ihnen waren Stars, einige hatten ihre sportliche Laufbahn schon hinter sich, manche waren noch Kinder, als sie bei Bombardements oder Drohnenangriffen getötet wurden. Es handelt sich um einen Querschnitt des ukrainischen Sports.
Dmytro Sharpar, Eiskunstläufer
Der Eiskunstläufer Dmytro Sharpar wurde am 23. Januar 2023 in einem Kampf bei Bachmut getötet. Er wurde nur 25 Jahre alt. Sharpar stammte aus Charkow, war im Paarlauf gemeinsam mit Anastasia Pobizhenko unterwegs. Nach der Silbermedaille bei den ukrainischen Meisterschaften im Jahr 2016 schafften sie es bei den Olympischen Jugendspielen im selben Jahr unter die Top 10. Doch den großen Durchbruch schafften sie nicht, Sharpar war anschließend in Eiskunstlaufshows unterwegs.
Pavlo Ishchenko, Strongman
Der mehrfache ukrainische Meister im Strongman-Bereich und Welt- und Europameister im Kraftdreikampf starb bei einem Kampfeinsatz im Oktober 2025.
Maksym Halinichev, Boxer
Der Boxer Maksym Halinichev hatte seine Karriere noch vor sich, als er im März 2023 in der Region Luhansk tödlich verwundet wurde. Halinichev war Jugend-Europameister 2017, gewann 2018 die Silbermedaille bei den Olympischen Jugendspielen und stand 2022 bei der U22-Europameisterschaft. Halinichev starb mit 22 Jahren, im März 2024 wurde er von Präsident Selenskyj posthum mit einem Tapferkeitsorden ausgezeichnet.
Yevhen Malyshev, Biathlet
Der Tod von Yevhen Malyshev schlug kurz nach dem Angriff Russlands hohe Wellen. Bereits Anfang März 2022 wurde das ehemalige Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft getötet. Er hatte seine Karriere bereits beendet, doch die Internationale Biathlon-Union drückte ihr Beileid aus. Malyshev war 19 Jahre alt, als er nach ukrainischen Angaben in einer Schlacht bei Charkow fiel.
Andrii Kutsenko, Radrennfahrer
Kutsenko war mehrfacher ukrainischer Meister im Bahnradsport, nahm an Welt- und Europameisterschaften teil. Nach seinem Karriereende lebte er in Italien, kehrte nach Beginn des russischen Angriffs aber in seine Heimat zurück. Dort wurde der ehemalige Profisportler am 3. Juli 2024 getötet. "Andrij hat immer Ratschläge gegeben, was und wie man es besser machen könnte, denn er hatte viel Erfahrung im Radsport. Er hat sich nie geweigert zu helfen", schrieb ein einstiger Freund auf Facebook.
Oleksii Lohinov, Eishockeyspieler
Lohinov spielte als Torwart in der höchsten Eishockeyklasse der Ukraine, 2018 wurde er mit seinem Team Bilyi Bars ukrainischer Jugendmeister. Lohinov, der sich freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatte, "rannte los, um seinem verwundeten Kameraden zu helfen, als in seiner Nähe eine Artilleriegranate explodierte", heißt es auf der Seite "Engel des Sports". Der junge Eishockeyspieler starb am 8. November 2023 im Alter von 23 Jahren.
Karyna Bakhur, Kickboxerin
Bakhur war Jugend-Europameisterin im Kickboxen. Sie wurde auf der Flucht in einen Schutzraum durch russische Granatsplitter tödlich verletzt - wenige Tage vor ihrem 18. Geburtstag.
Mykyta Kozubenko, Wasserspringer
Der einstige ukrainische Meister im Wasserspringen starb im Alter von 31 Jahren während eines Kampfeinsatzes.
Roman Polishchuk, Leichtathlet
Polishchuk hat sich gleich zu Beginn der russischen Invasion für den Kriegsdienst gemeldet. Er wurde im März 2023 bei den Kämpfen um Bachmut getötet. Bei der Leichtathletik war er im Hoch- und Weitsprung aktiv, nahm aber nicht an internationalen Meisterschaften teil.
Andrii Yaremenko, Ringer
Am 5. Dezember 2025 starb der Ringer Andrii Yaremenko während eines Kampfeinsatzes. Yaremenko war erst im vergangenen Jahr mobilisiert worden, zuvor war er mehrfacher Medaillengewinner bei ukrainischen Meisterschaften. Yaremenko wurde wenige Tage vor seinem 26. Geburtstag getötet.
Taras Shpuk, Trainer des Invictus-Games-Teams
Als Trainer und Koordinator war er für das ukrainische Team bei den Invictus Games verantwortlich, der Sportveranstaltung für im Dienst verwundete oder erkrankte Soldatinnen und Soldaten, die 2014 von Prinz Harry ins Leben gerufen wurde. Schon 2014 war er als Soldat bei der Maidan-Revolution im Einsatz, als Russland die Krim annektierte. Shpock starb am 17. September 2025.
Fedir Yepifanov, Fechter
Schon in den ersten Tagen der russischen Invasion schloss sich Yepifanov den ukrainischen Streitkräften an. Der Florettfechter starb am 11. Dezember 2023 im Alter von 19 Jahren.
Kateryna Troian, Leichtathletin
Die ehemalige professionelle Leichtathletin Troian hatte sich nach ihrer Sportlaufbahn eine veritable Karriere im IT-Bereich aufgebaut, bevor sie sich entschloss, sich den Streitkräften anzuschließen. Mit blauen Haaren und einem charakteristischen Tarnhut mit Katzenohren wurde Troian, die als Drohnen-Operator diente, zu einer Ikone des ukrainischen Widerstands. Kateryna "Meow Troian wurde am 4. Juni 2025 bei einem Angriff in der Region Pokrowsk schwer verletzt, einen Tag später starb sie im Krankenhaus.
Mariia Lebid, Sporttanz
15 Jahre alt war Mariia Lebid, als ein Angriff auf das Hochhaus in Dnipro, in dem sie mit ihrer Familie lebte, ihr Leben beendete. Die Neuntklässlerin war Tänzerin. "Ich möchte Ihnen ein wenig über mich erzählen: Ich bin 15 Jahre alt, habe eine musikalische Ausbildung und lerne leidenschaftlich gerne Englisch", schrieb sie in ihrer Bewerbung als Schülersprecherin. "Mein Hobby ist die Zimmerpflanzenzucht. Ich bin entschlossen, freundlich und fleißig. Ich versuche, das Leben mit Humor und Positivität anzugehen." Mariia Lebid starb im Januar 2023.
Wolodymyr Androshchuk, Leichtathlet
"Er wollte in die Sturmbrigade, um vorne zu sein. Und dort ist er auch angekommen. Seine Lieblingsworte waren "Vorwärts, vorwärts!", schrieb Ljudmila Androshchuk, Volodymyrs Schwester, nach dessen Tod auf Facebook. "Warum hat man ihm so wenig Zeit gegeben? Er sollte noch leben und leben. So viele Pläne für die Zukunft, die nie verwirklicht werden." Wolodymyr Androshchuck, in der Jugend erfolgreicher Mehrkämpfer mit dem Ziel, sich für die Olympischen Spiele von Paris 2024 zu qualifizieren, wurde im Januar 2023 bei einem Gefecht in der Region Donezk getötet. Er wurde 22 Jahre alt.
Oleksii Khabarov, Schütze
Mehrfacher ukrainischer Meister, nationaler Rekordhalter und Mitglied der Nationalmannschaft: Oleksii Khabarov vertrat sein Land international als Schütze, zuletzt kehrte er im November 2024 mit einem zweiten Platz von einem internationalen Wettkampf zurück. Im August 2025 wurde er bei einem Gefecht getötet.
Dariia Kurdel, Tänzerin
Daria Kurdel trainierte gerade mit ihrem Vater, als ein russischer Angriff am 9. Juli 2022 ihr Leben beendete: Durch Schrapnelle tödlich an Leber und Herz verletzt, starb die ukrainische Tanzmeisterin, die auch zahlreiche internationale Wettbewerbe gewann, mit nur 20 Jahren.
Ivan Kononenko, Strongman und Schauspieler
Kononenko wurde schon seit November 2024 vermisst, erst am 9. Dezember 2025 war klar, dass er im Alter von 41 Jahren verstorben ist. Er war Veterinärmediziner und strebte zudem nach sportlichen Titeln als Kraftsportler. Außerdem war er als Schauspieler in TV-Serien, Filmen und Werbung zu sehen. Kononenko hatte sich bereits am 24. Februar 2022 zum Kriegsdienst gemeldet, wurde im November schwer verwundet, erholte sich aber und kehrte zurück in den Einsatz.
Alina Perehudova, Gewichtheber
Viele hatten Alina Perehudova eine große Karriere als Gewichtheberin prophezeit. Dazu wird es aber nicht kommen, das Mädchen aus Mariupol starb mit nur 14 Jahren als sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach einem Bombardement ihr Haus verließen und von Granatsplittern getroffen wurden. Perehudova war ukrainische U17-Meisterin der Gewichtsklasse bis 40 Kilogramm, sie bereitete sich auf die EM 2023 vor.
Karyna Diachenko, rhythmische Sportgymnastin
Die Turnerin war eine Nachwuchsathletin in der rhythmischen Sportgymnastik. Sie wurde nur elf Jahre alt. Bei einer Bombardierung von Mariupol starb sie am 10. März 2022 - wie auch ihre Eltern und ihr Bruder.
Viktoriia Ivashko, Judo
Die jüngste Sportlerin auf Heraskewytschs Helm ist Viktoriia Ivashko. Die Neunjährige hatte gerade ihre ersten Stunden als junge Judoka auf der Matte absolviert, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter durch russischen Beschuss am 1. Juni 2023 in Kiew ums Leben kam.
Nazar Zui, Boxer und Fußballer
Eine Fliegerbombe beendete das junge Leben von Nazar Zui. Der Junge starb bereits im März 2022 gemeinsam mit seinen Eltern bei einem russischen Angriff auf das Hochhaus in Mariupol, in dem die Familie lebte.
Das Echo auf den Ausschluss von Heraskewytsch ist weltweit gewaltig, zahlreiche Sportler und Verbände solidarisieren sich mit dem Ukrainer. Der englische "Guardian" schreibt, der Sportler habe es mit seinem Protest und seiner Beharrlichkeit geschafft, "die Schrecken des Krieges in der Ukraine wieder auf die Tagesordnung zu setzen".
Ukrainischen Angaben zufolge sind seit dem Beginn des russischen Angriffs im Februar 2022 mehr als 650 ukrainische Sportler und Trainer getötet, sowie mehr als 800 Sporteinrichtungen beschädigt worden. Bei seinem Wettkampf bei den Olympischen Winterspielen in Peking hatte Heraskewytsch im Februar 2022 ein kleines Schild mit der Botschaft "No War in Ukraine" in die Kameras gehalten. Das IOC hatte ihm das damals als frommen Wunsch durchgehen lassen, nicht als politische Botschaft, und ihn nicht sanktioniert.
Wenige Tage später überfiel Wladimir Putin die Ukraine. Hunderttausende Tote später zeigte sich das IOC nicht mehr so gnädig mit Heraskewytsch.