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Kann das Huawei P20 Pro auch das iPhone X hinter sich lassen?
Kann das Huawei P20 Pro auch das iPhone X hinter sich lassen?(Foto: kwe)
Montag, 09. April 2018

Auch iPhone X geschlagen?: Huawei P20 Pro knipst sich an die Spitze

Von Klaus Wedekind

Das Huawei P20 Pro ist das erste Smartphone mit drei Kameras auf der Rückseite. Der Test zeigt, dass das nicht nur Spielerei ist, sondern neue Maßstäbe setzt. Auch das Gesamtpaket stimmt und Huawei ist jetzt auf Augenhöhe mit Apple und Samsung.

Schritt für Schritt hat sich Huawei in den vergangenen Jahren nach oben gearbeitet und sich mit jedem neuen Top-Smartphone näher an Samsung und Apple herangearbeitet. Mit dem aktuellen Flaggschiff P20 Pro wollen die Chinesen jetzt die Lücke endgültig schließen und vielleicht sogar am iPhone X und dem Galaxy S9 vorbeiziehen. Ob das gelungen ist, hat n-tv.de ausprobiert.

Ähnlichkeit mit iPhone X

Die Kamera ist wie beim iPhone X ein wirklich herausragendes Merkmal.
Die Kamera ist wie beim iPhone X ein wirklich herausragendes Merkmal.(Foto: kwe)

Nicht zum ersten Mal hat sich Huawei optisch einiges bei Apple abgeschaut. So hat das P20 Pro wie das iPhone X im Display eine Aussparung ("Notch") für Frontkamera und Sensoren, einen ähnlich geformten Rahmen und die Doppel-Kamera auf der Rückseite ragt wie bei Apples Gerät an gleicher Stelle deutlich aus der Glasfläche heraus. Trotzdem ist das P20 keine reine Kopie, sondern hat noch eine eigene Note. So gibt es unter dem Display noch einen Fingerabdrucksensor und als größtes Unterscheidungsmerkmal eine dritte Kamera auf dem Rücken. Dazu kommen schöne Farben, die Apple so nicht zu bieten hat.

Insgesamt wirkt das Design stimmig, das Gerät fühlt sich sehr angenehm an und die Verarbeitung ist über jede Kritik erhaben. Auch ein Schutz vor Wasser und Staub nach IP67 fehlt nicht. Es gibt aber die gleichen Probleme wie beim iPhone X:  Durch die hervorstehende Kamera kippelt das Smartphone, wenn man es auf dem Tisch liegend bedient und das Glasgehäuse ist rutschig und verschmiert schnell.

Wer die "Notch" nicht mag, kann sie in den Einstellungen verschwinden lassen.
Wer die "Notch" nicht mag, kann sie in den Einstellungen verschwinden lassen.(Foto: kwe)

Das 6,1 Zoll große OLED-Display ist hervorragend und kann bei Helligkeit, Kontrasten und Farben gut mit den Bildschirmen des Galaxy S9 und iPhone X mithalten. Es bietet auch eine automatische Anpassung der Farbtemperatur an das Umgebungslicht. Die "Notch" zu kritisieren ist eigentlich unsinnig, da durch sie einfach mehr Display geboten wird. Wer sich trotzdem daran stört, kann sie in den Einstellungen beseitigen und sieht dann einen durchgehenden schwarzen Balken.

Tolles Display, praktischer Sensor

Der Fünfach-Zoom ...
Der Fünfach-Zoom ...(Foto: kwe)

Auch beim P20 Pro hat Huawei auf eine ultrahohe Auflösung verzichtet, was eine weise Entscheidung war. Denn auch mit Full-HD+ (2240 x 1080 Pixel) ist die Darstellung des Bildschirms gestochen scharf. Bei Konkurrenten mit mehr Pixeln ist die Auflösung in den Grundeinstellungen gewöhnlich auch nicht höher, weil sonst der Akku unnötig belastet wird. Lediglich für den Einsatz in VR-Brillen lohnt es sich, Quad-HD einzustellen.

Ein Fingerabdrucksensor auf der Rückseite hätte das Gerät kompakter werden lassen, aber wer einen Home-Button mit Zusatz-Funktionen mag, wird begeistert sein. Denn der Sensor reagiert nicht nur extrem zackig, er kann auch die virtuellen Tasten auf dem Display bestens ersetzen, wenn man dies so einstellt. Dann geht's mit einem einfachen Tipper einen Schritt zurück, drückt man länger, kommt man zum Homescreen. Ein Wischer zur Seite zeigt die zuletzt genutzten Apps an, den Google-Assistenten ruft man mit einem Wischer neben dem Sensor nach oben auf. Gut gelöst!

... ist fast verlustfrei.
... ist fast verlustfrei.(Foto: kwe)

Klanglich kann das P20 Pro sowohl mit seinen Lautsprechern als auch der Bluetooth-Übertragung mit aptX HD, LDAC und Dolby Atmos überzeugen. Ein Klinkenstecker für Kopfhörer fehlt allerdings. Ob man sie vermisst, hängt von der eigenen Ausstattung ab. Der beiliegende Adapter für den USB-C-Eingang dürfte für die meisten Nutzer mit Kabel-Kopfhörern aber ein akzeptabler Kompromiss sein.

Dual-SIM statt microSD

Technische Daten
  • System: Android 8.1 Oreo
  • Display: 6,1 Zoll, OLED, Full HD+ (2240 x 1080 Pixel)
  • Prozessor: Kirin 970
  • Arbeitsspeicher: 6 GB
  • Interner Speicher: 128 GB, nicht erweiterbar
  • Kameras: 40 MP + 20 MP (Schwarz-Weiß) + 8 MP (Tele), f/1.8 + f/1.6 + f/2.4
  • Frontkamera: 24 MP, f/2.2
  • Bluetooth 4.2, WLAN ac, LTE Cat. 18
  • USB-C, USB 3.1
  • IP67
  • Akku: 4000 mAh, Schnelllade-Funktion
  • Maße: 155 x 73,9 x 7,8 mm
  • Gewicht: 180 g

Die inneren Werte sind auf Top-Niveau. Die Rechenarbeit leistet Huaweis Spitzen-Chip Kirin 970, der auf 6 Gigabyte Arbeitsspeicher zugreifen kann. Der interne Speicher ist satte 128 Gigabyte groß, weshalb der fehlende Einschub für microSD-Karten vertretbar ist. Dazu kommt ein Akku mit stolzen 4000 Milliamperestunden, der keine Sorgen aufkommen lässt, dass dem Gerät auch bei intensiver Nutzung vorzeitig die Puste ausgeht.

Im Test sank die die Anzeige selbst an langen Tagen mit viel Fotografie, Musik- und Video-Streaming selten unter 30 Prozent. Das dürfte den meisten Nutzern wichtiger sein als induktives Laden, das beim P20 Pro trotz gläserner Rückseite nicht möglich ist. Klasse ist auch, dass das Gerät standardmäßig eine zweite SIM-Karte gestattet.

Im Alltag macht Huaweis neues Flaggschiff also schon eine sehr gute Figur und zeigt sich auf Augenhöhe mit den Konkurrenten von Samsung und Apple. Mit seiner Triple-Kamera setzt das P20 Pro aber neue Maßstäbe. Wie bei den Vorgängern kombiniert Huawei einen Schwarz-Weiß-Sensor mit einem Farb-Sensor. Doch im Vergleich zum P10 oder Mate 10 Pro haben die Chinesen nochmal eine kräftig aufgerüstet. So liefert die Monochrom-Kamera jetzt Aufnahmen mit 20 Megapixeln und die RGB-Kamera sogar mit bis zu 40 Megapixeln. Dazu ist der Sensor auch noch größer als bei anderen Smartphones üblich.

Detailreiche Zoom-Aufnahmen

Dieses Bild wurde vier Sekunden belichtet.
Dieses Bild wurde vier Sekunden belichtet.(Foto: kwe)

Die dritte Optik ist eine 8-Megapixel-Kamera, die Fotos schießt, die einem dreifachen Zoom entsprechen. Mit Blende F/2.4 lohnt sich ihr Einsatz vor allem bei guten Lichtverhältnissen. Der Unterschied bei der Vergrößerung ist im Vergleich zu den Zweifach-Teles beim Galaxy S9 Plus oder dem iPhone X ist erheblich, wobei die Bildqualität vergleichbar ist. Wird noch stärker gezoomt, hängt das P20 Pro aber auch hier seine Konkurrenten ab, weil die Algorithmen die Informationen aller drei Sensoren kombinieren können. So sind bei fünffacher Vergrößerung noch sehr viele Details erkennbar und auch Aufnahmen mit zehnfachem Zoom können sich noch durchaus sehen lassen.

Nachts unschlagbar gut

Bei Tageslicht liegen alle Top-Smartphones mehr oder weniger gleichauf. Je schwächer das Licht wird, umso mehr kann Huaweis Kamera-Kombi zeigen, was sie kann. Denn zum einen ist die Schwarz-Weiß-Kamera ohne Farbfilter bei einer großen Blende F/1.6 schon sehr lichtstark und liefert viele Details. Dazu kombiniert Huawei standardmäßig bei der RGB-Kamera (F/1.8) jeweils vier Pixel zu einem großen Pixel, was die Lichtempfindlichkeit bei geringerer Neigung zum Rauschen zusätzlich erhöht. Außerdem hilft der neuronale Prozessor des Kirin 970 mit "künstlicher Intelligenz" kräftig mit.

Bei Porträts zaubert das P20 Pro ein fast natürlich wirkendes Bokeh.
Bei Porträts zaubert das P20 Pro ein fast natürlich wirkendes Bokeh.(Foto: kwe)

Das Resultat sind imponierend gute Nachtaufnahmen, bei denen man sogar Belichtungszeiten von bis zu 6 Sekunden ohne Stativ halten kann. Möglich machen dies Algorithmen, die mehrere Aufnahmen in Echtzeit abgleichen. Das wirkt teilweise sogar unnatürlich, da auf dem Foto noch Dinge zu erkennen sind, die das Bloße Auge nicht gesehen hat - beispielsweise Wolken im Nachthimmel.

Während man fotografiert, ahnt man, wie das funktioniert. Denn man sieht, dass abwechselnd auf helle und dunkle Bereiche belichtet wird. Erstaunlicherweise gelingt es dem Smartphone sogar meistens, bewegte Objekte "einzufrieren". Beachtlich ist außerdem, dass das Gerät auch unter solchen Bedingungen gewöhnlich noch schnell und zielsicher fokussiert.

Master AI oder Profi-Modus

Huawei hat auch die Algorithmen für die Motiverkennung verbessert, wodurch die Automatik in den meisten Fällen die richtigen Einstellungen vornimmt. Im günstigsten Fall sieht sie nicht nur, was grundsätzlich fotografiert wird, sondern erkennt auch weitere Details. So sollen sich die Einstellungen bei Aufnahmen von Pasta-Gerichten von denen für asiatische Mahlzeiten unterscheiden. Ob's funktioniert, ist schwer nachzuweisen, auf alle Fälle kann man Huaweis "Master AI" normalerweise vertrauen. Das gilt auch für Porträtaufnahmen, bei denen das Smartphone ein hübsches künstliches Bokeh erzeugt.

Bilderserie

Bei Tageslicht bietet es sich aber manchmal an, die volle Auflösung zu wählen, um mehr Details zu fotografieren oder man möchte aus der Kamera noch mehr herausholen. Vielleicht mag man auch nicht, dass die Automatik manchmal zu stark nachschärft, entrauscht oder aufhellt. Dafür gibt's den Pro-Modus, in dem man fast alles nach eigenem Geschmack einstellen und auch Fotos im RAW-Format machen kann. Mit etwas Geduld gelingen so auch noch bessere Nachtaufnahmen.

Nicht immer stabil

Nur die Zoom-Kamera hat laut Huawei-Angaben eine optische Bildstabilisierung, ansonsten entwackelt das Smartphone digital. Wie man an den Nachtaufnahmen sieht, klappt das erstklassig. Videos werden allerdings nur bei Full-HD-Auflösung stabilisiert, bei 4K muss man eine ruhige Hand beweisen. Schade, denn ansonsten zeigt das P20 Pro auch bei bewegten Bildern eine starke Leistung und muss sich nicht vor der Konkurrenz verstecken. [Update]Seltsamerweise haben laut "The Verge" alle drei Kameras die Technik für optische Bildstabilisierung an Bord. Warum sie nicht eingesetzt wird, ist nicht bekannt. "The Verge" spekuliert, Huawei wolle eventuell die KI stärker aussehen lassen als sie tatsächlich ist. Vielleicht funktioniert auch einfach das Zusammenspiel von drei optischen Stabilisatoren nicht. Hübsch ist jedenfalls, dass das Gerät Superzeitlupen mit 960 Bildern pro Sekunde kann. Eine automatische Auslösung wie sie das Galaxy S9 bietet, fehlt aber.

Die 24-Megapixel-Frontkamera ist gut, aber nicht herausragend. Hier stößt auch das P20 Pro an die Grenzen eines kleinen Sensors mit zu vielen Pixeln. Tagsüber sehen Selfies aber sehr schön aus und wenn man nachts das Display als Fotolicht aufleuchten lässt, kommt man auch zu recht ansprechenden Resultaten.

Die Frontkamera dient auch zur Gesichtserkennung, die ziemlich schnell und auch bei wenig Licht arbeitet. Sie bietet aber keine 3D-Scans wie die True-Depth-Kamera des iPhone X und ist damit keine allzu sichere Methode, das Gerät zu entsperren.

Vorlieben entscheidend

Insgesamt ist das Huawei P20 Pro eins der drei besten Smartphones, die man aktuell kaufen kann. Es liefert sich mit einer exzellenten Kamera-Kombination und großer Ausdauer ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Galaxy S9 Plus und dem iPhone X, wobei persönliche Vorlieben entscheidend sind.

Apples Flaggschiff segelt dabei noch relativ sicher vorneweg. Zwar kann es bei der Kamera nicht ganz mithalten. Aber Face ID und innovative Wischgesten zur Steuerung sind nach wie vor einzigartig. Für das P20 Pro spricht allerdings auch der Preis. Mit 900 Euro ist das Gerät schon jetzt deutlich günstiger als das iPhone X und der Abstand dürfte schon bald noch größer werden.

Das Galaxy S9 Plus liegt mit seiner Doppel-Kamera nur knapp hinter Huaweis Drei-Auge. Hier ist entscheidend, wie wichtig Nutzern erweiterbarer Speicher, kabelloses Laden und Klinkenanschluss sind.

Quelle: n-tv.de