Wirtschaft

Der Wundervogel ist gelandet Airbus A350 absolviert Jungfernflug

Premiere in Toulouse-Blagnac: Airbus schickt den Prototyp einer A350-900 XWB auf Jungfernflug. Mit einem Bilderbuchstart bringt Cheftestpilot Chandler den zweistrahlige Jet problemlos in die Luft. Nach knapp vier Stunden ist der erste Probeflug erfolgreich überstanden. Der Dreamliner von Boeing bekommt bald ernsthaft Konkurrenz.

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Der Hoffnungsträger hebt ab: An seinem Erfolg hängen auch tausende Arbeitsplätze.

(Foto: Airbus S.A.S.)

Das neue Langstreckenflugzeug Airbus A350 XWB hat seinen Erstflug erfolgreich absolviert. Der Test drei Tage vor Beginn der Pariser Flugmesse Le Bourget dauerte wie geplant rund vier Stunden. Die Maschine landete nach einem reibungslos verlaufenen Rundflug sicher und ohne Probleme auf dem Flugplatz Toulouse-Blagnac am Hauptwerk des Flugzeugbauers.

Vor 10.000 Mitarbeitern und Besuchern hatten die gebogenen Flügelspitzen des Leichtbau-Fliegers zuvor erstmals die Wolken über dem südfranzösischen Toulouse durchschnitten. Die sechs Besatzungsmitglieder in orangen Overalls benötigten ihre angeschnallten Fallschirme nicht - nach dem ausführlich vorbreiteten Testflugprogramm in verschiedenen Höhen und Fluglagen setzte die Maschine wieder sanft auf dem Boden auf.

Am Steuer waren zwei ehemalige britische und französische Kampfpiloten: "Das Flugzeug verhält sich extrem gut", funkte der oberste Airbus-Testpilot Peter Chandler bereits während des Fluges an die Testflug-Leitstelle am Boden. Für Airbus bildet die Flugerprobung den vorläufige Endpunkt einer achtjährigen Entwicklungsphase, die EADS 15 Mrd. Dollar (rund 11,2 Mrd. Euro) gekostet hat.

Mit dem erfolgreichen Jungfernflug erreicht Airbus einen wichtigen Meilenstein im europäischen Flugzeugbau: Der hochmoderne Großraumjet A350 XWB ("Extra Wide Body") soll vor allem gegen die Konkurrenz von US-Hersteller Boeing bestehen. Mit dem Erstflug beginnt eine etwa einjährige Testphase von insgesamt fünf Prototypen.

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Nach einem vierstündigen Rundflug setzt die Maschine wieder auf: Die A350 XWB hat ihren Jungfernflug mit Bravour bestanden.

(Foto: REUTERS)

Der Termin ist günstig: Airbus schickt seinen Hoffnungsträger kurz vor Beginn der wichtigen Branchentreff Le Bourget zum ersten Mal in den Himmel. Vor aller Augen rückt der Bilderbuchstart des zweistrahligen Passagierflugzeugs den Wettbewerb zwischen dem europäischen Airbus-Konzern und dem US-Hersteller Boeing ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Während des ersten Testflugs führte die sechsköpfige Crew aus ausgewählten Airbus-Spezialisten Manöver in verschiedenen Flughöhen zum Test von Fahrwerk, Landeklappen und Ruder durch. Außerdem sollte die Testflug-Besatzung das Flugverhalten der A350 in unterschiedlichen Höhen und bei verschiedenen Geschwindigkeiten erproben.

Das neuartige Flugzeug in Leichtbauweise ist darauf ausgelegt, dem europäischen Flugzeugbau neue Marktanteile im prestigeträchtigen Langstreckensegment zu verschaffen. Die Maschine gilt aufgrund ihrer Auslegung und ihrer Zielgruppe schon jetzt als schärfster Konkurrent des pannengeplagten Leichtbaufliegers Boeing 787 "Dreamliner" und der angekündigten Boeing "777X".

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Vor dem Start in Toulouse: Das Testflugzeug der neuen A350-Familie.

Airbus will die A350 in drei Versionen für 270 bis 350 Passagiere bauen. Die teuerste Variante steht mit rund 250 Mio. Euro in der Preisliste. Die erste Auslieferung ist für das zweite Halbjahr 2014 geplant. Bisher haben laut Airbus 33 Fluglinien 613 Maschinen des neuen Typs geordert.

Ein europäisches Produkt

Der Produktionsprozess bei Airbus ist überaus komplex: Unter dem Dach des dezentral aufgestellten Europa-Konzerns kommen die Bauteile der A350 nach einem aufwändig abgestimmten Logistiksystem aus verschiedenen europäischen Richtungen: Aus Hamburg-Finkenwerder stammen zum Beispiel Heck und Teile der hinteren Flügel, am Airbus-Standort Bremen werden die Flügelkanten gefertigt. Airbus-Mitarbeiter im britischen Broughton steuern die Flügel bei. Aus dem spanischen Getafe werden horizontale Teile der Heckflügel geliefert. Alles andere wird in Frankreich gebaut. Auch die Endmontage findet im Airbus-Werk in Toulouse statt.

Die Geschichte der neuen Baureihe reicht weit zurück: Erste Vorüberlegungen stammen aus dem Jahr 2004. Ursprünglich wollte Airbus dazu die A330 weiterentwickeln, in deren Größenklasse sich die A350 bewegt. Forderungen der Fluggesellschaften mündeten dann aber in einem völlig neuen Flieger: Die Planung hat unter anderem wegen Problemen mit den Flügeln länger gedauert als gedacht und mit geschätzt gut 10 Mrd. Dollar auch mehr gekostet als erwartet. Nun sollen moderne Verbundwerkstoffe das Gewicht senken und den Treibstoffverbrauch nach Airbus-Rechnung um 25 Prozent senken.

Die A350 in Zahlen

Ein Modell, drei Versionen:

  • A350-800
  • A350-900
  • A350-1000

Eckdaten:

  • Spannweite: 64,75 Meter
  • Rumpfdurchmesser: 5,96 Meter
  • Höhe (über alles): 17,08 Meter
  • Länge: 60,54 Meter (A350-800) bis 73,78 Meter (A350-1000)
  • Reichweite: bis zu 15.750 Kilometer
  • Triebwerke: 2 x "RR Trent XWB"
  • Schubkraft: je 432 Kilonewton
  • max. Startgewicht: 308,0 Tonnen

Experten zufolge schließt Airbus mit der A350-Familie eine wichtige Lücke im Langstreckensegment, in dem Konkurrent Boeing unter anderem mit der 747 und der 787 punktet. Nach dem Ärger von Konkurrent Boeing mit den Batterien des Dreamliners setzt Airbus bei der A350 auf herkömmliche Nickel-Akkus anstatt die ursprünglich geplante, leichtere Lithium-Ionen-Technik einzubauen. Im Testflieger stecken allerdings noch die neuen Akkus.

Blick nach Le Bourget

Der erfolgreiche Erstflug kommt für den europäischen Boeing-Rivalen gerade noch rechtzeitig: In wenigen Tagen trifft sich die Branche in Paris zur Luftfahrtausstellung Le Bourget, einer der wichtigsten Show- und Verkaufsveranstaltung für Flugzeughersteller.

Tom Enders, Chef der Airbus-Konzernmutter EADS, rechnet mit "einigen hundert" neuen Order auf der Pariser Luftfahrtmesse. Das Unternehmen werde allerdings wohl nicht mehr Aufträge einfahren als bei der vergangenen Airshow vor zwei Jahren, sagte Enders vor Journalisten. Damals hatte die EADS-Tochter mehr als 700 Bestellungen an Land gezogen.

Wettbewerb der Schwergewichte

Im Rennen um die Marktführerschaft hatte der europäische Flugzeugbauer seinen Erzrivalen Boeing zu Jahresbeginn überholt. Mit netto 410 Flugzeugbestellungen lag die EADS-Tochter im ersten Quartal vor dem US-Konzern, der für sich 209 Order verbuchen konnte. Im vergangenen Jahr musste sich Airbus den Amerikaner dagegen knapp geschlagen geben. Airbus verkaufte 588 Maschinen und damit 13 weniger als Boeing.

Zur Pariser Flugschau wird in diesem Jahr schon jetzt eine Rekordbeteiligung erwartet. Von kommendem Montag an wollen 2215 Aussteller aus 44 Ländern sieben Tage lang Produkte und Entwicklungen präsentieren. Zur 50. Ausgabe der wichtigen Industriemesse, die alle zwei Jahre in Le Bourget stattfindet, dürften nach Veranstalterangaben rund 350.000 Besucher kommen. Sie können weit mehr als 100 Luftfahrzeuge in Hallen und auf dem Freigelände sehen.

Fliegt die A350 nach Paris?

Airbus schickt in jedem Fall das Flaggschiff der Flotte, das Großraumflugzeug A380, und den Militärtransporter A400M. Boeing will mit dem 787 "Dreamliner" in Le Bourget dabei sein. Der französische Hersteller Dassault Aviation schickt den Kampfjet Rafale, der in Europa unter anderem mit dem Eurofighter konkurriert.

Nach dem erfolgreichen Erstflug könnte auch die A350 zu den Höhepunkten in Le Bourget zählen. Schon mit Flügen über das Gelände würde der hochmoderne Flieger mancher Maschine auf dem Rollfeld die Schau stehlen. Airbus wollte nicht ausschließen, dass der Prototyp der A350 auf den Luftweg von Toulouse nach Paris geschickt wird. Enders dazu: "Ich könnte mir vorstellen, dass er über Le Bourget fliegt."

(Zur 360°-Cockpit-Ansicht)

Quelle: ntv.de, mmo/dpa/rts