Wirtschaft

Die Rezession ist da - oder nicht? Böses "R"-Wort macht die Runde

r.jpg

Abstieg der deutschen Wirtschaft? Die Meinungen der Wirtschaftsforscher gehen auseinander.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jetzt ist es raus: Die Wirtschaftsforscher des IMK sehen die deutsche Konjunktur 2012 nicht mehr wachsen. Die Rezession ist da, angetrieben von den Unwägbarkeiten rund um die Eurokrise. Andere Wirtschaftsexperten malen in ihren Prognosen für das kommende Jahr nicht ganz so schwarz.

Die deutsche Wirtschaft wird im kommenden Jahr kein gutes Bild abwerfen. In ihren Einschätzungen gehen die Meinungen der Experten aber auseinander. Nach Ansicht von RWI und IfW wird noch - wenn auch nur leichtes - Wachstum generiert. Nach Ansicht der IMK-Forscher wird die deutsche Volkswirtschaft 2012 der Euro-Krise Tribut zollen und um 0,1 Prozent schrumpfen.

"Hauptursachen für die drastische wirtschaftliche Abkühlung sind die nach wie vor ungelöste Vertrauenskrise im Euroraum sowie die ausgeprägten Sparprogramme in immer mehr Ländern der Währungsunion und der EU", teilten die gewerkschaftsnahen Forscher des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in ihrer Konjunkturprognose mit. Die gesamte Euro-Zone werde deshalb sogar in eine Rezession rutschen und 0,6 Prozent an Wirtschaftskraft verlieren. Der Nachfragerückgang aus den Nachbarländern bremse sowohl die hiesigen Exporte als auch die Investitionen in Deutschland.

Leichter Rückgang der Arbeitslosigkeit

Die Stagnation setzt nach Einschätzung der Düsseldorfer Forscher auch der kräftigen Erholung am deutschen Arbeitsmarkt ein Ende: Die Arbeitslosigkeit sinke im Jahresdurchschnitt 2012 zwar noch einmal geringfügig auf 2,9 von 2,98 Millionen. "Im Jahresverlauf wird sie aber wieder zunehmen." Ähnlich entwickle sich die Beschäftigung: Die Zahl der Erwerbstätigen werde im Schnitt zwar um 180.000 zulegen, nach rund 500.000 in diesem Jahr. In der zweiten Hälfte 2012 dürfte die Zahl der Erwerbstätigen um jahreszeitliche Schwankungen bereinigt aber sinken.

"Wir werden im kommenden Jahr erleben, welche Folgen ein harter Sparkurs bei unseren wichtigsten Handelspartnern im Euroraum hat - ein Kurs, den insbesondere die Bundesregierung forciert hat", sagte IMK-Direktor Gustav Horn. "Natürlich müssen vor allem die Euro-Krisen-Staaten ihre Haushalte konsolidieren." Aber die Sparpolitik, wie sie jetzt auch Italien, Frankreich, Großbritannien oder Belgien praktizierten, sei keine Strategie zur Krisenbewältigung, sondern verschärfe die Vertrauenskrise im Euroraum. "Wenn das Wachstum massiv einbricht, wird das den Konsolidierungserfolg sogar in Frage stellen. Und das dürfte die Anleger eher verunsichern als beruhigen."

IMK fällt aus der Reihe

Ökonomen sagen der deutschen Wirtschaft nach etwa 3 Prozent Wachstum für 2011 im nächsten Jahr zwar eine deutliche Abkühlung voraus; die Bundesregierung rechnet noch mit einem Plus von 1 Prozent. Eine Schrumpfung wie das IMK allerdings hat bisher im Basisszenario kaum einer auf der Agenda.

Das IMK hatte der deutschen Konjunktur im Oktober für 2012 noch ein Plus von 0,7 Prozent vorausgesagt. In ihrem Risikoszenario erwarten die IMK-Experten nun sogar ein Minus von 1,5 Prozent und eine tiefe Rezession für Deutschland. Dies gelte im Falle einer Verschärfung der Schuldenkrise, wenn die EU-Staaten mit Konsolidierungsprogrammen ihre Defizit-Ziele verfehlen und dann den Sparkurs verstärken sollten

IfW reduziert Ausblick

Eine Rezession sieht auch das IfW nicht. Die Forscher des Kieler Instituts für Weltwirtschaft rechnen im kommenden Jahr nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes um 0,5 Prozent - nach 2,9 Prozent in diesem Jahr. "Ausschlaggebend sind die dämpfenden Effekte, die von der Staatsschuldenkrise in Europa ausgehen", begründete das IfW seine Prognose. Sie habe die Unsicherheit bei Investoren und Konsumenten erhöht. "Bedeutender für die Konjunkturschwäche ist jedoch die Rezession im übrigen Euroraum, die als Folge großer Unsicherheit, hoher Zinsen und teilweise sehr restriktiver Finanzpolitik zu erwarten ist", erklärte das IfW. "Dadurch werden die deutschen Exporte gedämpft."

Ab Sommer kommenden Jahres werde die Konjunktur zudem wieder Fahrt aufnehmen. Vor allem höhere Investitionen der Unternehmen und steigende Konsumausgaben der Verbraucher nennt das IfW zur Begründung. Für 2013 sagt das IfW ein robustes Wachstum von 1,7 Prozent voraus.

Einig ist sich das IfW mit dem IMK beim Thema Arbeitslosigkeit: Sie werde um 113.000 auf knapp 2,9 Millionen fallen, hieß es in der Prognose. Ende 2013 sollen es sogar nur noch etwas mehr als 2,6 Millionen sein. "Die konjunkturelle Schwäche dürfte keine größeren Bremsspuren am Arbeitsmarkt hinterlassen", schrieben die Kieler Forscher.

RWI senkt Prognose

Ebenfalls mit einer reduzierten Prognose wartet das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) auf. Wegen der "weiteren Eintrübung des außenwirtschaftlichen Umfeldes" verringerte es seine bereits im September gesenkte Prognose für das deutsche Wachstum nochmals und erwartet nun für 2012 nur noch einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 0,6 Prozent. Im laufenden Jahr sollen es noch 3,0 Prozent sein. In ihrer Septemberprognose hatten die Experten ein Wachstum von 1,0 Prozent für 2012 und von 2,9 Prozent für 2011 vorausgesagt.

Grundlage der aktuellen Prognose ist allerdings, dass es der Wirtschaftspolitik gelingen wird, eine weitere Eskalation der Krise der Staatsfinanzen im Euroraum zu vermeiden, schreiben die RWI-Forscher. "Aufgrund der gegenwärtig sehr nervösen Finanzmärkte und des Fehlens klarer Perspektiven für die Lösung der Schuldenkrise ist diese Annahme aber keineswegs gesichert", warnen die Experten.

Die leichte Rezession im Euroraum und schwächer werdende Zuwächse in den Schwellenländern werden den Anstieg der Exporte wohl weiter dämpfen. Wegen der deutlich verschlechterten Rahmenbedingungen dürfte die Außenwirtschaft nach RWI-Einschätzung 2012 "keinen Wachstumsbeitrag liefern".

Quelle: ntv.de, bad/rts/DJ