Wirtschaft

Skepsis in der Wirtschaft Die Euphorie des Wachstums

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Ganz schön gewachsen, oder?

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Solche Zahlen verkündet man in Berlin gerne: Der Standort D kommt gut aus der Krise, die Wirtschaft legt ordentlich zu. Doch der Jubel fällt verhalten aus. Denn mit der Herrlichkeit könnte es schnell vorbei sein.

Seit Tagen herrscht eitel Sonnenschein über den Wirtschaftsstandort Deutschland. Der Grund: Die führenden Wirtschaftsinstitute haben herausgefunden, dass Deutschland die Wirtschaftskrise deutlich schneller als erwartet hinter sich lassen wird. In einem goldenen Herbstgutachten prognostizierten sie für das Gesamtjahr 2010 einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 3,5 Prozent. Ein derart starkes Wachstum sei hierzulande seit der Wiedervereinigung nicht mehr gesehen worden, hieß es.

Dieser Meinung schloss sich die Bundesbank an und erhöhte ihre Prognose auf mehr als drei Prozent. Da muss die Bundesregierung nicht zurückstehen, sondern kann von einem Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent ausgehen – ein deutliches Plus gegenüber der Frühjahrsschätzung, wo der Bund nur 1,4 Prozent Wachstum gesehen hatte.

Aufschwung? Welcher Aufschwung?

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Aber immer schön den Ausgangspunkt im Auge behalten.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

So etwas liest der Bürger angesichts der vergangenen dürren Jahre sicherlich gerne, aber wirklich angekommen ist der Aufschwung bei den breiten Schichten der Bevölkerung nicht. Genauso wenig übrigens wie das kräftige Wirtschaftswachstum der ersten Nuller-Jahre oder der Einbruch auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.

Grund ist die ungleiche Verteilung. Am Wachstum vor der Krise nahm fast nur die wohlhabende Bevölkerung teil; Löhne und Gehälter des Mittelstandes stagnierten weitgehend. Und sich jetzt über die anziehende Löhne, beispielsweise in der Industrie, zu freuen, dürfte vielen Angestellten schwer fallen, sind sie doch das Resultat des Auslaufens der Kurzarbeit, die zuvor für empfindliche Einkommenseinbußen gesorgt hatte.

Zu hohe Erwartungen

Und die Unternehmen? Die freuen sich über das BIP-Plus, lassen aber gleichzeitig durchscheinen, dass die Zahlen für sie eine Vergangenheitsbetrachtung sind. Der Blick nach vorne trübt sich bereits wieder ein. So warnen die deutschen Exporteure vor hochfliegenden Erwartungen an das kommende Jahr. Außenhandelspräsident Anton Börner rechnet mit einem Wachstum von lediglich knapp unter 1,5 Prozent. Auch die Chemiebranche, die sich in den vergangenen Monaten als Musterbeispiel für fulminante Wachstumsraten etabliert hatte, rechnet nicht damit, das Tempo halten zu können. "2010 war für die Branche ein sensationelles Jahr", erklärte unlängst Merck-Chef Karl-Ludwig Kley. Er gehe aber nicht davon aus, dass sich das Wachstum im nächsten Jahr so fortsetzen werde.

Auch professionelle Anleger und Analysten stellen sich angesichts der weltweiten Abkühlung auf schwächere Raten ein. Das vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bei Börsenprofis ermittelte Konjunkturbarometer sank im Oktober zum sechsten Mal in Folge, der Index für die kommenden sechs Monate ging auf minus 7,2 Punkte zurück. Kummer mache vor allem die nachlassende Nachfrage aus dem Ausland und die schwierige Position des Euro in der aktuellen Währungsdiskussion, erklärten Experten.

Niedriges Ausgangsniveau, großes Wachstum

Angesichts dieser Aussichten ist für einige Experten, wie zum Beispiel den Star-Ökonomen Nouriel Roubini, die Euphorie um die deutschen Wachstumsraten völlig unerklärlich. "Die deutsche Wirtschaft ist längst nicht wieder auf Vorkrisen-Niveau angekommen", erklärte Roubini. "Die aktuelle Wachstumsrate sieht zwar auf dem Papier gut aus, aber es handele sich dabei vor allem um einen statistischen Effekt."

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Sonst wird zuviel Wachstumseuphorie schnell albern.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Allerdings könnte dieser statistische Effekt auch realwirtschaftliche Folgen haben: Wenn die Verbraucher aufgrund der guten Konjunkturaussichten die Portemonnaies weiter öffnen, hätten auch die Unternehmen und der Staat etwas davon. Steuerschätzer rechnen bereits wieder mit deutlich mehr Einnahmen des Staates, als bisher angenommen.

Ein wenig auf der Strecke bleibt dabei allerdings die bereits jahrzehntelange Diskussion über die Grenzen des Wachstums. Besonders die Konzentration auf das BIP als alleiniger Wohlstandsindikator sorgt schon seit langem für Kritik – auch, weil damit weder die Zufriedenheit der Gesellschaft, noch der Raubbau an der Natur gemessen werden kann. Grüne und SPD haben daher eine Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag beantragt, die sich mit den Grenzen des Wachstums beschäftigen soll.

Auch wenn derzeit keiner in Berlin den Spielverderber geben will, gelten immer noch die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler: "Es geht um mehr als Wachstum, wie wir es bisher gewohnt waren. Wir sollten nach einer neuen Art von Wachstum streben: nach wachsendem Wohlergehen für Mensch und Schöpfung." Das wäre auch für den neuen Bundespräsidenten Christian Wulff ein gutes Thema.

Quelle: n-tv.de, mit DJ/rts/dpa

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