Wirtschaft

Per Federstrich zur Staatspleite Die Macht der Ratingagenturen

Vor einem Jahr waren die drei großen Rating-Agenturen noch die Schuldigen an der Finanzkrise. Nun treten sie als mächtige Akteure wieder in Erscheinung, die sogar die europäische Politik mitbestimmen können: Eine Warnung, eine Änderung des Ausblicks oder - im schlimmsten Fall - eine Herabstufung von Fitch, Standard & Poor's oder Moody's steigert die Kreditkosten für Regierungen und liefert der Opposition Munition.

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Wenige Buchstaben aus dem Hause einer Ratingagentur können die Staatsfinanzen kräftig durcheinanderwirbeln.

(Foto: wrw / PIXELIO)

"Ihre Bedeutung ist kolossal, weil es einfach keine andere neutrale Instanz gibt, die die Volkswirtschaften bewertet", sagt Steve Schifferes, Professor für Finanzjournalismus an der City University in London. "Es klingt ironisch, weil sie erst vor kurzem für die Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht wurden." Die Agenturen hatten neu verpackte US-Hypothekenschulden mit dem höchsten Rating AAA ausgestattet. Nachdem der Häusermarkt zusammenbrach, lasteten jedoch massenhafte Zahlungsverzüge auf dem Finanzsystem, zerstörten Banken und lösten eine weltweite Rezession aus.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Agenturen achten nun extrem darauf, nicht erneut Risiken zu verschlafen und dafür Schelte einzustecken. Des weiteren reicht derzeit eine negative Analysten-Äußerung, um Währungen unter Druck zu setzen und Risiko-Aufschläge auf Staatsanleihen in die Höhe zu treiben.

Beben in Athen

Griechenland hat nach einer Fitch-Herabstufung Tage damit verbracht, verunsicherte Investoren zu beruhigen. Ministerpräsident George Papandreu versprach, alles zu tun, um die Glaubwürdigkeit des Landes wieder herzustellen. Als die Märkte in Griechenland ins Taumeln gerieten, verzichteten Europas Politiker aber bewusst darauf, dem Mittelmeerstaat finanzielle Unterstützung zu versprechen.

"Die Politiker sorgen sich viel stärker über Aussagen von Rating-Agenturen, als sie das früher getan haben", sagt Analyst David Lea von Control Risks. Im Blickpunkt steht derzeit das britische AAA-Rating. S&P versah es im Mai 2009 mit einem negativen Ausblick. Während Moody's und Fitch ihren Ausblick nicht änderten, forderte S&P zuletzt immer wieder größere Sparsamkeit von der Regierung in London. Dies könnte wahlentscheidend sein. Die konservativen Tories nutzen die S&P-Kommentare bereits jetzt - wenige Monate vor der Wahl - gezielt für Nadelstiche gegen Premierminister Gordon Brown.

Rating-Sorgen haben auch das von der Finanzkrise arg gebeutelte Irland sowie Spanien. Standard & Poor's senkte den Ausblick für das iberische Land diese Woche auf "negativ" und warnte somit die spanische Regierung wegen des starren Arbeitsmarktes und der hohen Verschuldung des privaten Sektors vor einer Herabstufung.

Westlichen Ländern fehlt Aufpasser

Rating-Änderungen betrafen in den vergangenen Jahren vornehmlich Schwellenländer. Da der Internationale Währungsfonds (IWF) aber meist seine hütende Hand über diese Staaten hielt und ihnen gegebenenfalls mit milliardenschweren Hilfen unter die Arme griff, beunruhigten die Änderungen die Anleger nicht so stark wie derzeit bei den westlichen Volkswirtschaften. Ihnen fehlt ein unabhängiger Aufpasser im Rücken, was den Agenturen gleichzeitig mehr Macht und Einfluss verleiht.

Kritiker warfen den Agenturen Interessenskonflikte vor. Sie bemängelten, dass die Agenturen für die Bewertung der Subprime-Hypothekenpapiere, die die Weltwirtschaft ins Taumeln brachten, von den Emittenten selbst bezahlt wurden. Dies ist nicht der Fall bei Bewertungen von Ländern wie Griechenland und Spanien. Während einige kleinere Länder für Kreditratings bezahlen, verzichten größere Länder üblicherweise darauf. Dies legt das Schicksal vieler Staaten in die Hände weniger Analysten, die mit Länder-Ratings beschäftigt sind.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der fehlende Wettbewerb unter Agenturen und deren fehlende Überwachung. Es gibt lediglich drei große Agenturen und ihre Methoden unterliegen nicht der gleichen Kontrolle, die sie für die Bewertung der Kreditwürdigkeit anderer anwenden. "Es ist nicht so, dass sie zwangsläufig mehr wissen als andere Analysten", sagt Schifferes. "Da es aber leicht ist, sich auf das Kreditrating zu konzentrieren, haben sie viel mehr Macht. Das ist nicht sehr demokratisch."

Quelle: n-tv.de, rts

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