Wirtschaft

Draghi sieht keine Deflation EZB gibt sich betont gelassen

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Mit einer Deflationstendenz im Rücken: Der Spielraum der Währungshüter wird enger.

(Foto: REUTERS)

Der Zinsschritt bleibt aus. Wie weithin erwartet, rührt die EZB ihr wichtigstes Werkzeug vorerst nicht an. Für weitere Aktionen fehle es derzeit an ausreichend Informationen, sagte EZB-Chef Draghi. Dies aber könnte im März schon ganz anders aussehen.

Die niedrige Inflation in der Eurozone bringt die Europäische Zentralbank (EZB) nicht aus der Ruhe. "Die Antwort ist: Es gibt keine Deflation", sagte EZB-Präsident Mario Draghi. Derzeit gebe es wenig Auf- oder Abwärtsrisiken für den Preisausblick, und diese seien "weitgehend ausgewogen". Zuvor hatte der EZB-Rat beschlossen, die Zinsen unverändert zu lassen. Allerdings ließ er sich eine Hintertür offen.

Die Inflation im Euroraum war zuletzt mit 0,7 Prozent so niedrig, dass die EZB-Prognose für 2014 von 1,1 Prozent nur noch schwer erreichbar sein dürfte. Deshalb hatten manche Beobachter spekuliert, dass Draghi "Abwärtsrisiken" einräumen würde. Doch dazu kam es nicht.

Die Wirtschaft des Euroraums schrumpft seit dem Frühjahr 2013 nicht mehr und ist im dritten Quartal 2013 um 0,1 Prozent gewachsen. Angesichts der seitdem gestiegenen Frühindikatoren rechnen Beobachter auch für das vierte Quartal mit einem leichten Wirtschaftswachstum.

"Wir brauchen mehr Informationen"

Allerdings ist dabei die Inflation für den Geschmack der EZB viel zu niedrig. Eine Abwärtsspirale aus fallenden Preisen und sinkendem Konsum kann eine Volkswirtschaft lähmen. Japan hat dies über viele Jahre schmerzlich erfahren müssen. Die Euro-Zone ist laut Draghi aber weit von japanischen Verhältnissen entfernt, doch rechnet auch er mit einer langen Phase niedriger Inflation. "Dies ist eine Gefahr an sich. Das bedeutet, dass die EZB das genau im Auge behalten muss." Das schwache Weihnachtsgeschäft in der Euro-Zone sei kein ermutigendes Signal gewesen. Die Materie sei komplex, daher überstürze die EZB nichts. "Wir haben heute nicht gehandelt, weil wir mehr Informationen brauchen."

So beließ der EZB-Rat den Hauptrefinanzierungssatz auf seinem Allzeittief von 0,25 Prozent und den Einlagensatz bei null. Die Erwartungen der Beobachter richten sich nun auf den 6. März, wenn die EZB neue Projektionen für Wachstum und Inflation veröffentlichen wird. Draghi wies darauf hin, dass dann auch erstmals Prognosen für 2016 zu erwarten sind. Derzeit prognostiziert der EZB-Stab für 2014 und 2015 Inflationsraten von 1,1 und 1,3 Prozent. Beides liegt deutlich niedriger als jene knapp 2 Prozent, auf deren mittelfristige Gewährleistung die EZB verpflichtet ist.

Volkswirte wollten dennoch Lockerungsmaßnahmen der Zentralbank noch nicht völlig abschreiben. "Ich glaube, der EZB-Rat war heute einfach noch unsicher, was genau er tun will, aber man merkte ganz deutlich, dass er die Marktphantasien in Bezug auf unkonventionelle Maßnahmen am Leben halten wollte", sagte Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, der sich sicher ist: "Es wird noch was kommen."

Auch Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen meinte: "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir gehen davon aus, dass die EZB in den kommenden Monaten weitere expansive Maßnahmen ergreifen wird, weil die Kernteuerungsrate weiterhin deutlich hinter den Erwartungen der EZB zurückbleiben wird. Dabei halten wir eine Zinssenkung - vermutlich schon im März - unverändert für die wahrscheinlichste Option."

Sorge um Schwellenländer

Kritisch äußerte sich der Italiener indes zu den Turbulenzen an den Finanzmärkten vieler Schwellenländer und wertete sie als Risiko für die wirtschaftliche Erholung im Euroraum. Die Krise der aufstrebenden Volkswirtschaften sei jedoch außerhalb des Einflussbereichs der EZB, erklärte Draghi. Schwächere Exporte könnten die Euro-Wirtschaft ebenso gefährden wie mangelnde Binnennachfrage und verschleppte Strukturreformen in einigen Mitgliedsländern der Währungsunion.

Zugleich aber wollte er die Geschehnisse nicht überbewertet wissen. "Wir dürfen uns von den jüngsten Marktschwankungen nicht irritieren lassen, sondern müssen abwarten, ob sie ein vorübergehendes Phänomen sind, oder und uns für eine Weile begleiten werden", sagte er.

An der aktuellen Ratssitzung hatte erstmals auch Sabine Lautenschläger teilgenommen. Die bisherige Bundesbank-Vizepräsidentin war Ende Januar zur EZB gewechselt. Sie komplettiert als Nachfolgerin von Jörg Asmussen das sechsköpfige Direktorium.

Asmussen war zum Jahreswechsel bei der Notenbank ausgeschieden und als Staatssekretär ins Arbeits- und Sozialministerium nach Berlin gegangen. Lautenschläger ist im EZB-Vorstand für den Aufbau der künftigen Bankenaufsicht unter dem Dach der Zentralbank verantwortlich.

Quelle: ntv.de, mmo/jwu/AFP/rts/DJ