Wirtschaft

Centogene-Gründer im Interview "Exitstrategie funktioniert nur mit mehr Tests"

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Wenn die Risikogruppen regelmäßig getestet würden, brauche man rund eine Million Tests am Tag, sagt Arndt Rolfs.

(Foto: picture alliance/dpa)

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) werden in Deutschland jede Woche eine halbe Million Menschen auf Covid-19 getestet. International bringt das viel Lob ein. Centogene-Gründer Arndt Rolfs hält trotzdem viel mehr Tests für notwendig. Dann müsse man die Wirtschaft auch nicht monatelang lahmlegen.

Sie wollen mithilfe von Mittelständlern und Startups deutliche höhere Testkapazitäten aufbauen und viel mehr Menschen in Deutschland auf Corona testen. Was bringt das?

Arndt Rolfs: Wir testen im Moment erst, wenn Menschen schon Symptome zeigen und bereits viele Menschen angesteckt haben. So proklamiert es das Robert-Koch-Institut, weil die Tests knapp sind und das RKI die Test-Ressourcen schonen will. Besser wäre es aber, prophylaktisch und systematisch möglichst viele Menschen auf Covid-19 zu testen. Je früher wir testen, umso besser. Länder wie Taiwan oder Singapur machen das. Dann müssen wir auch die Menschen nicht kollektiv ins Homeoffice verbannen und eine ganz Nation mitsamt ihrer Wirtschaft wochen- oder vielleicht sogar monatelang zumachen. Das empfinde ich als absurd angesichts des immensen volkswirtschaftlichen Kollateralschadens. Der Shutdown kostet uns geschätzt zwischen 12 und 15 Milliarden Euro am Tag. Eine nachhaltige Exitstrategie funktioniert nur mit sehr, sehr viel mehr Tests. Denn wir brauchen rationale und objektive Daten, um zu entscheiden, wie es nach dem 19. April weitergehen soll.

Laut Robert-Koch-Institut werden doch bereits rund eine halbe Million Menschen in Deutschland jede Woche getestet, macht rund 70.000 am Tag. Das ist im Vergleich zu den meisten Staaten eher viel.

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Arndt Rolfs ist Mediziner, Wissenschaftler und Gründer des Biotech-Unternehmens Centogene. Das in Rostock angesiedelte Unternehmen (500 Mitarbeiter) ist auf die Diagnostik seltener angeborener Erkrankungen spezialisiert und Weltmarktführer in dieser Nische.

(Foto: picture alliance / dpa)

Selbst wenn die Zahl stimmen sollte, woran ich zweifele, reicht das bei Weitem nicht. Wir reden hier von mindestens einer halben Million Tests am Tag. Wir haben eine Modellrechnung gemacht. Wenn wir die Risikogruppen, also die Menschen in Alten- und Pflegeheimen plus die systemrelevanten Berufsgruppen, regelmäßig testen, brauchen wir rund eine Million Tests am Tag. Das ist machbar.

Sie haben sich ihren Test selbst zusammengebaut.

Ende Februar haben wir entschieden, eine Covid-19-Plattform zu entwickeln und einen Teil unserer Entwicklungsabteilung, rund 25 Leute, darauf angesetzt. Und wir sind beileibe nicht die einzigen, die so was können. Statt abzuwarten, ob Diagnostik-Unternehmen wie Roche oder Qiagen uns genügend Testkits liefern oder nicht, müssen wir die Testformate selbst entwickeln und aus den Komponenten zusammensetzen. Alles andere macht uns kritisch zu abhängig.

Sie haben vor ein paar Tagen die Covid-19-Mittelstandsinitiative ins Leben gerufen und in ganzseitigen Anzeigen Unternehmen aufgerufen, in der Krise zu helfen.

Wir haben eine enorme Resonanz. Nach wenigen Tagen hatten wir schon über 500 Rückmeldungen von Unternehmen. Viele brennen regelrecht darauf, etwas zu machen. Drei Viertel von ihnen sagen uns, dass sie öffentlichen Stellen bereits Hilfe angeboten hätten, aber abgeblitzt seien. Keiner hätte bislang mit ihnen geredet. Sie wären in Dauerschleifen gelandet oder hätten wenig informative Mails bekommen, sinngemäß "wir melden uns bei Gelegenheit". Wir wünschen uns jetzt, dass die Bundesregierung das in die Hand nimmt, wir brauchen eine Abteilung für Logistik, zentrale Beschaffung im Wirtschaftsministerium und/oder eine Koordinierungsstelle beim Kanzleramt. Centogene ist ja kein Groß- und Zwischenhändler, sondern ein Biotech-Unternehmen für seltene Erkrankungen.

Sie haben auch ein konkretes Angebot bekommen?

Ja, wir hatten einen Engpass bei Abstrichspateln. Die werden verrückterweise in Singapur, teilweise in Taiwan hergestellt mit all den Unklarheiten des Lieferweges. Aber zum Glück hat sich da ein Mittelständler aus Brandenburg gemeldet, ein Kunststoffverarbeiter, der uns die jetzt liefern will. Wir haben einen so innovativen Mittelstand, das müssen wir mehr nutzen.

In Rostock, Ihrem Heimatsitz in Deutschland, testet Centogene Menschen aus systemrelevanten Berufen seit Anfang März kostenlos.

Wenn wir Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Polizisten, Altenpfleger oder auch die Kassiererin nicht frühzeitig testen, laufen wir in ein relevantes gesundheitliches und strukturelles Problem. Ein Feuer können sie nicht zu Hause löschen, Kriminelle am Schreibtisch jagen, Supermärkte müssen geöffnet sein, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. Diese Menschen setzen sich jeden Tag dem Ansteckungsrisiko aus. Zum Teil haben wir Mitarbeiter schon drei bis vier Mal getestet, wöchentliche Tests sind vorerst nötig. Insgesamt haben wir in Rostock über 6000 Menschen auf Sars-CoV-2 getestet, bundesweit sind es rund 50.000. Momentan sind wir dabei, unsere Testkapazität auf ca. 25.000 pro Tag zu erweitern. Uns sprechen auch viele Firmen an.

Bei der Polizei ist der Landesinnenminister jetzt eingeschritten.

Das Innenministerium hat verfügt, dass sich Rostocker Polizisten nicht testen lassen dürfen, weil das als verdeckte Bestechung interpretiert werden könnte. Das finde ich grotesk. Eigentlich müsste es Teil der Fürsorgepflicht gegenüber jedem Polizisten sein, ihn zu schützen und testen zu lassen, damit er sofort isoliert werden kann, falls er positiv sein sollte.

Mecklenburg-Vorpommern hat vergleichsweise geringe Infektionszahlen. Der Lockdown trifft das Land härter als andere Regionen.

Die Epidemie trifft Deutschland sehr unterschiedlich. Die Zahl der Infizierten steigt von Süd nach Nord und von Ost nach West, vereinfacht gesagt, im Süden sind es vor allem die Skifahrer, im Westen die Karnevalisten. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Covid-"Durchseuchungsrate" bei unter einem Promille, einer von 2000 Menschen ist infiziert, einer von ungefähr 20.000 muss damit ins Krankenhaus. Gleichzeitig haben wir einen noch dünnen Mittelstand und Kleinstunternehmer. Natürlich müssen wir uns hüten, zu fragen, wie viele Umsatzeinbußen ein Toter rechtfertigt, aber trotzdem müssen wir es in Relation zu dem setzen, was unser Gesundheitssystem ansonsten leistet und akzeptiert. Wir brauchen eine Politik, die nach Regionen und deren Infektionsquoten unterscheidet. Einheitliche Regeln für die Bundesrepublik wären fatal.

Also einen Lockdown light für Mecklenburg-Vorpommern.

Angesichts niedriger Infektionszahlen lassen sich produzierende Firmen und später Schulen und Universitäten wieder öffnen - unter Maßgabe strikter Hygiene- und Abstandsregeln von mindestens 1,50 Meter. Diese Hygieneregeln sind vermutlich genauso effektiv wie die soziale Isolation.

Mit Arndt Rolfs sprach Monika Dunkel

Das Interview erschien am 8. April 2020 bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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