Wirtschaft

Reaktionen auf den Stresstest Experten bleiben skeptisch

Mit dem Stresstest im europäischen Bankensektor wollen Aufsichtsbehörden und Notenbanker die Unsicherheiten im Markt ausräumen. Doch von New York über London bis Tokio: Analysten, Ökonomen und Händler reagieren skeptisch.

RTR2GO6O.jpg

Wollte Vertrauen schaffen: Der Vorsitzende der Europäischen Bankenaufsicht: CEBS-Chef Giovanni Carosio.

(Foto: REUTERS)

Der Stresstest im europäischen Bankensektor zeigt offiziellen Angaben zufolge Schwächen bei nur sieben von 91 geprüften Instituten auf. In Deutschland haben die Postbank und die NordLB den Test nur knapp bestanden. Beide Institute weisen in den beiden härtesten Krisen-Szenarien jeweils Kernkapitalquoten von unter sieben Prozent aus. Die Messlatte, um den Test zu bestehen, lag bei sechs Prozent. Insgesamt nahmen 14 deutsche Banken am Stresstest teil. Als einziges Institut fiel wie erwartet der Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate durch.

Während sich die europäische Aufsicht , die Europäische Zentralbank (EZB), die deutsche Bundesbank und die deutsche Finanzaufsicht zusammen mit anderen offiziellen Stellen zufrieden äußerten, stoßen die Ergebnisse unter Fachleuten auf deutliche Skepsis. Ökonomen, Bankenexperten, Branchenvertreter und Börsianer nehmen die Ergebnisse zur Kenntnis, bezweifeln aber die Aussagekraft des Test. Darüber hinaus werfen offenbar die Details beim Abschneiden einzelner Institute neue Fragen auf.

"Es gibt einige Mängel in dem Test", sagte zum Beispiel Dirk Becker, Analyst bei Kepler Capital Markets in einer ersten Reaktion. "Viele werden misstrauisch sein, dass 84 von 91 Banken den Test bestanden haben. Aber ich glaube, es steckt noch viel Potenzial in den Banken. In der ersten Hälfte (diesen Jahres) war die Entwicklung (der Banken) nicht besonders gut. Das lag an all den Spekulationen rund um den Euro, die Schuldenkrise und den Stresstest. Meiner Meinung nach wird es eine große Erholung geben, nachdem das alles aus dem Weg ist."

DIW-Expertin Dorothea Schäfer kritisierte dagegen die ihrer Ansicht nach generell schwache Kapitalausstattung der Banken. "Es ist überraschend, dass die WestLB so viel Eigenkapital bei dem schärfsten Szenario verliert", sagte die Finanzmarktforscherin. "Die Landesbank Berlin hat den Test hingegen überraschend gut gemeistert. Insgesamt kann das aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass im deutschen Landebankensektor Kapitalarmut herrscht - ohne staatliche Unterstützung läuft wenig."

Dass alle Landesbanken die Testhürde genommen haben, bedeute nicht, "dass auch alle Probleme gelöst wurden", betonte Schäfer. "Ungewöhnlich ist, dass in dem verschärften Krisenszenario der Tests ein Abschlag auf deutsche Staatsanleihen von 4,7 Prozent simuliert wurde. Das ist offenbar ein politisches Zugeständnis an die anderen EU-Partner. Ich hielte einen nur rund halb so hohen Abschlag in diesem Test für realistisch."

Internationale Beobachter

Auch im fernen Osten wurde der Stresstest mit kritischen Blicken verfolgt. Chris Rupkey, Finanzökonom bei der japanischen Großbank Mitsubishi UFJ, äußerte sich zuversichtlich, dass mit dem Test die beabsichtigt Wirkung erzielt werden kann. "Die Währungshüter müssen die globalen Investoren davon überzeugen, dass die europäischen Banken ihr Geld wert sind. Ungeachtet der Fragen über die Transparenz der europäischen Stresstests und dass sie nicht an die US-Stresstests im Vorjahr heranreichen würden, werden diese Tests meiner Meinung nach die Sorgen um die Eurozone beenden", sagte Rupkey. "Vielleicht gibt es anfänglich ein wenig Enttäuschung, die am Montagmorgen nach Börseneröffnung zu einigen Verkäufen führen wird, aber der Markt wird das schnell wegstecken."

Welche Reaktionen zu Verkäufen führen könnten, beschrieb Bankanalyst Joe Dickerson von Brokerage Executive Noble. "Auf den ersten Blick wirkt es, als ob die Banken nach einem Schönwetter-Szenario getestet wurden, nicht nach einem Stress-Szenario. Es sieht nicht so aus, als wäre das besonders stressig gewesen."

"Die Namen derer, die durchgefallen sind, sind die kleineren, aber keine Überraschungen", bestätigte Peter Chatwell, Zinsstratege in der Londoner Niederlassung des französischen Großbank Credit Agricole, die ersten Eindrücke. "Das Wichtigste ist, dass die großen Namen bislang solide sind. Es wird immer eine Debatte geben, ob sie streng genug waren, aber es gibt den Leuten die Hoffnung auf mehr Vertrauen ihren Geschäftspartnern gegenüber." Wenn es mehr Details gebe, werde man glücklich sein zu wissen, was jede Bank auf ihren Büchern hat. Damit werde "das Vertrauen an den Finanzmärkten langsam wieder zurückkehren", prognostizierte Chatwell.

"Bislang gibt es keine größeren Überraschungen bei den Test-Ergebnissen", stellte Währungsstratege Wassili Serebriakow fest. "Bei den meisten Banken, die durchgefallen sind, haben wir das erwartet", meinte Serebriakow, der den Test für die US-Großbank Wells Fargo von New York aus verfolgte. "Jetzt müssen noch die Einzelheiten der Ergebnisse genau geprüft werden." Aus seiner Sicht bleibe die Frage, ob der Test für die europäischen Banken zu weich gewesen sei. "Noch ist es zu früh, das zu sagen. Gleichzeitig kann ich in den Berichten nichts erkennen, das wirklich positiv für den Euro ist und ihn stützt."

Guido Hoymann, Analyst bei Metzler Equities, lenkte die Aufmerksamkeit auf die umfassende Debatte um globale Bankenstandards: "Man kann sagen, dass die Konkretisierung der Maßnahmen des Baseler Ausschusses ein nächster wichtiger Meilenstein für den Bankensektor ist. Die Diskussionen und Ergebnisse zu Fragen des Kernkapitals können dann auch wieder als Impulsgeber für den ganzen Sektor wirken", sagte Hoymann mit Blick auf die neuen Eigenkapitalregeln, die im Rahmen der Umsetzung von anstehen.

"Im Großen und Ganzen würde ich sagen, ist das Ergebnis das, was wir erwartet haben", erklärte Andrew Melitz, der als Händler für ICF Kursmakler die Banken im Blick behielt. "Jeder in Deutschland hat gewusst, dass die Hypo Real Estate ein Problemkind gewesen ist. Sie ist im Grunde in Staatsbesitz, deshalb gibt es da keine Überraschung. Ich denke, dass die Kurse der Bankaktien nach oben gehen werden. Die Titel haben in den vergangenen drei Monaten underperformed, und meiner Meinung nach war die ganze Idee des Stresstests, die Unsicherheiten im Markt abzumildern. Wenn der Markt dem Stresstest vertraut, und ich denke zum größten Teil wird er das tun, gehe ich davon aus, dass die Bankaktien deutlich zulegen werden."

"Die Ergebnisse des Stresstests sind keine Riesen-Überraschung, auch die Namen der Durchfaller nicht", zog Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck, sein Fazit. "Die Konsequenzen für den Kapitalmarkt dürften begrenzt sein, denn die meisten Durchfaller sind ja in öffentlicher Hand, eine Welle von Kapitalerhöhungen bei großen Banken wird es also nicht geben. Insofern dürfte der Markt die Ergebnisse insgesamt positiv aufnehmen. Was das Ausmaß der Transparenz angeht, war das mehr als erwartet."

Kritische Wissenschaftler

Finanz- und Bankwirtschaftsprofessor Klaus Fleischer von der FH München hielt Auswirkungen auf die zukünftige Anzahl der deutschen Landesbanken für möglich. "Die seit Jahren geforderten Fusionen von Landesbanken, die stets an politischen Widerständen in den Ländern scheiterten, könnten nun wieder auf die Tagesordnung kommen", meinte Fleischer.

Klaus Abberger vom Ifo-Instit betonte einen bereits im Vorfeld kritisierte Schwachstelle des Tests hervor: "Leider wurde das Szenario eines staatlichen Zahlungsausfalls nicht durchgespielt." Das Beispiel Argentiniens zeige, dass ein staatlicher Zahlungsausfall nach schweren Krisen kein ungewöhnliches Ereignis sei. "Dennoch sind die Stress-Tests insgesamt positiv zu bewerten", hielt Abberger fest. "Wir brauchen, mehr Transparenz im Bankenbereich. Es ist ein richtiger Schritt, diesen Weg zu gehen."

"Auch wenn es nur die HRE erwischt hat, heißt das nicht, dass sich alle Institute zufrieden zurücklehnen können, die die Latte nicht gerissen haben", meinte Bankexperte Wolfgang Gerke vom Bayerischen Finanzzentrum. "Ich meine insbesondere die Landesbanken, von denen viele Missmanagement betrieben haben. Sie sind aufgerufen, sich neu zu strukturieren. Das gilt besonders für die Institute, die mit staatlichem Geld versorgt wurden und jetzt mit guten Kernkapitalquoten glänzen."

Der Test sei, so Gerke weiter, dazu bestimmt gewesen, die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Ich habe Zweifel daran, ob dies der optimale Weg war", sagte Gerke. "Unter diesen Umständen konnte nicht der härteste Maßstab für den Extremfall angelegt werden. Beispielsweise kann man sich für griechische Anleihen noch weit höhere Abschläge vorstellen, als jetzt in dem Testszenario mit 23,1 Prozent unterstellt.“

"Es ist für mich erstaunlich, dass die NordLB relativ schlecht abgeschnitten hat", sagte Bankenprofessor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Gerade die NordLB sei bisher recht gut durch die Krise gekommen. "Für die HRE kam der Test definitiv zu früh. Man hätte warten müssen, bis sie umstrukturiert ist. In Spanien kracht es jetzt richtig. Offensichtlich werden die Sparkassen von der Politik kritisch gesehen. Der Stresstest dient offenbar auch dazu, den spanischen Sparkassensektor neu zu organisieren. Es ist für mich nicht verwunderlich, dass ein Institut wie die Caja Sur durchgefallen ist. Was beispielsweise in Malaga von der Bank an Immobilienprojekten finanziert wurde, ist ja ungeheuer."

Kritisch hob Burghof hervor, dass "die Abschläge auf die Staatsanleihen nur im Handelsbuch und nicht im Bankbuch berücksichtigt wurden. Wir sind die Tests insgesamt nicht so entschieden angegangen wie in den USA. Die Stresstests sind dennoch auch in Europa ohne Alternative."

Zufriedene Branchenverteter

Positiv äußerten sich dagegen die Vertreter der Bankenbranche. "Die Ergebnisse zeigen, dass das europäische Bankensystem in besserer Verfassung und krisenresistenter ist, als mancherorts vorab erwartet wurde. Auch die deutschen Banken haben alles in allem gut abgeschnitten", sagte Manfred Weber vom Bundesverband Deutscher Banken (bdb).

"Alle Landesbanken haben die Stresstests bestanden", hieß es beim Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB). "Dies zeigt, dass Eigenkapitalausstattung und Kernkapitalquote der Landesbanken solide sind."

"Die Ergebnisse belegen, dass auch unter einem extremen Szenario der europäische Bankenmarkt stabil ist", teilte der Zentrale Kreditausschuss mit, der als Spitzenverband der deutschen Kreditwirtschaft fungiert. "Dass dies in besonderem Maße für den deutschen Markt gilt, zeigt das insgesamt gute Abschneiden der deutschen Institute."

Susanne Hahl, Händlerin bei der Baader Bank, wies dagegen ganz praktisch auf die bisherigen Auswirkungen des Stresstest auf die Märkte hin. "Es ist rein gar nichts im Handel passiert, nachdem die Ergebnisse veröffentlicht worden sind. Es gab ja auch keine großen Überraschungen, die großen Banken haben die Tests schließlich alle bestanden."

Quelle: ntv.de, mmo/rts