Wirtschaft
In Dresden sieht man der EU-weiten Freizügigkeit gelassen entgegen.
In Dresden sieht man der EU-weiten Freizügigkeit gelassen entgegen.(Foto: dpa)
Montag, 11. April 2011

Aufbruch im Dreiländereck: Freizügigkeit erreicht Sachsen

Am 1. Mai fallen in Deutschland die letzten Schranken für Arbeitnehmer aus den europäischen Nachbarländern im Osten. Mit gleich zwei Außengrenzen liegt Sachsen besonders exponiert. Dass sich demnächst viel ändert, glaubt dort trotzdem niemand.

Fest verankertes Grundrecht: In Deutschland garantiert das Grundgesetz die Freizügigkeit der Bundesbürger - auf EU-Ebene ist es Artikel 45 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union.
Fest verankertes Grundrecht: In Deutschland garantiert das Grundgesetz die Freizügigkeit der Bundesbürger - auf EU-Ebene ist es Artikel 45 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Über Fachkräftemangel kann sich Ralph Grohmann nicht beklagen. Und genau das ist sein Problem. "Wir brauchen willige und gute Fachkräfte, nicht irgendwelche", sagt der Gastronom aus dem sächsischen Zittau. Und Tschechisch sollten sie auch sprechen. Nun ist Tschechien gleich nebenan, doch das hat Grohmann bislang nicht viel geholfen: "Denn dann müsste ich nachweisen, dass es hier keine Fachkräfte gibt", sagt er. Nur dann dürfe er derzeit Arbeitnehmer aus den Nachbarländern beschäftigen.

Künftig sollen es Gastronomen wie Grohmann und alle anderen Unternehmer leichter haben. Am 1. Mai fallen die letzten Schranken der sogenannten Arbeitnehmer-Freizügigkeit für Länder wie Tschechien und Polen, die 2004 der EU beigetreten sind. Von dort stammende Arbeitnehmer sind ihren deutschen Kollegen dann gleichgestellt. Sie brauchen keine besonderen Genehmigungen mehr, um jenseits der Grenze arbeiten zu können.

Grohmann setzt große Erwartungen in die Öffnung. Viele seiner Kunden im Dreiländereck sind Tschechen, die er gern in deren Landessprache bedienen möchte. "Wir wollen und müssen reagieren", betont er. Für alle, denen es ähnlich geht, hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) in der vergangenen Woche ein Job-Speed-Dating organisiert, bei dem sich deutsche Firmen und ausländische Bewerber kennenlernen konnten. Grohmann hat auch mitgemacht. "Ein, zwei Leute waren da schon dabei", sagt er.

"Wo es sich wirklich lohnt"

Dass bald im richtig großen Maßstab polnische und tschechische Arbeitnehmer in sächsischen Firmen werkeln, glaubt im Freistaat allerdings niemand so richtig. Michal Kopriva und seine Kollegen von der IHK Dresden haben im vergangenen Jahr einmal bei den Unternehmen herumgefragt, ob sie eigentlich Interesse haben, Fachkräfte aus den Nachbarländern einzustellen. Gut 700 hätten geantwortet, sagt Kopriva, nur 7 Prozent davon mit Ja. "So riesig ist das Interesse im Moment nicht", betont der Experte.

Auch auf der anderen Seite der Grenze nicht. "Es ist nicht so, dass die Leute irgendwo Schlange stehen", sagt Kopriva. Polen und Tschechien hätten längst ähnliche Fachkräfte-Probleme wie Deutschland, zudem sei vielen gut ausgebildeten Kandidaten die Bezahlung im Osten Deutschlands zu schlecht. "Wenn ich schon umziehe, gehe ich dahin, wo es sich auch wirklich lohnt", sagt Kopriva.

Einfallstor für Billigkräfte?

Auch Markus Schlimbach vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) geht davon aus, dass die Zahl osteuropäischer Arbeitnehmer in Sachsen allenfalls langsam und über mehrere Jahre ansteigen wird. "Große Hoffnungen würde ich dämpfen, große Sorgen habe ich aber auch nicht", sagt er. Verwerfungen befürchte der DGB vor allem bei der Leiharbeit. "Da ist der Mindestlohn ein erster Schritt - wenn er denn auch kontrolliert wird", betont Schlimbach. Ansonsten könne die Branche als Einfallstor dienen, um Löhne zu drücken.

Den Unternehmen sagt er ein "böses Erwachen" voraus, sollten diese auf die Lösung aller ihrer Probleme gehofft haben. Nicht nur, dass das Interesse eher gering sei. Arbeitgeber müssten sich auch auf viele praktische Probleme einstellen. "Mit der Sprache zum Beispiel", sagt Schlimbach. "Deutsch ist längst nicht mehr so verbreitet in Polen wie früher." Auch müssten die deutschen Firmen erst einmal lernen, mit den ausländischen Abschlüssen umzugehen.

Um den 1. Mai herum sind zumindest in Polen sowieso andere Themen wichtig. Der polnische Papst Johannes Paul II. wird an diesem Tag seliggesprochen, am 3. Mai folgt schon der Nationalfeiertag, wie Schlimbach auflistet. "Da wird also sicher nicht viel passieren."

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Quelle: n-tv.de