Wirtschaft

Niederländer retten Schweden GM verkauft Saab an Spyker

Fans und Mitarbeiter der schwedischen Automarke Saab atmen auf: Nach einem denkbar harten Verhandlungspoker verkauft der US-Autokonzern General Motors seine schwedische Tochter nun doch an den niederländischen Sportwagen-Hersteller Spyker. Eine Schließung des Spyker-Werks in Trollhättan mit seinen 3400 Mitarbeitern ist vom Tisch. Bei Opel wächst der Unmut.

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Erleichtertes Händeschütteln in Stockholm: Spyker-Chef Victor Muller (links) posiert mit Saab-Chef Jan-Aake Jonsson vor der Presse.

(Foto: REUTERS)

Der schwedische Autohersteller Saab ist buchstäblich in letzter Minute gerettet worden. Der US-Mutterkonzern General Motors (GM) verkauft seine angeschlagene Tochter für insgesamt 400 Mio. Dollar (283 Mio. Euro) an den niederländischen Sportwagen-Hersteller Spyker. GM bestätigte den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen. Die geplante und mehrfach angekündigte Schließung von Saab mit seinen 3400 Mitarbeitern ist damit abgewendet.

"Die Vereinbarung mit Spyker Cars hat Saabs Zukunft gesichert", sagte Saab-Chef Jan Ake Jonsson. Mit frischen Modellen wie der Limousine 9-5 will das chronisch defizitäre Unternehmen wieder in die richtige Spur kommen. "Ich bin sicher, wir werden erfolgreich sein." Spyker-Chef Victor Muller versprach Saab alle nötige Hilfe. Die Mitarbeiter waren erleichtert. "Wir sehen mit dem neuen Besitzer eine Zukunft", sagte Gewerkschafterin Anette Hellgren dem schwedischen Sender SVT. Eine Arbeitsplatz-Garantie gibt es indes keine.

Spyker wolle nach der Übernahme ein neues Unternehmen mit dem Namen Saab Spyker Automobiles gründen, das die schwedische Marke fortführen werde, teilte GM mit. Die Transaktion hänge unter anderen noch von der Zustimmung der Kartellbehörden, der Regierung und des Insolvenzgerichts ab. Der Verkauf solle bis Mitte Februar abgeschlossen sein.

Käufer Spyker stellt eigentlich Sportwagen her. Einer breiten Öffentlichkeit ist das kleine Unternehmen mit dem Einstieg in den Rennsport im Rahmen der Formel 1 bekanntgeworden. Die Niederländer hatten 2006 das Team Midland um den deutschen Piloten Adrian Sutil übernommen, aber ein Jahr später schon wieder an den indischen Milliardär Vijay Mallya weiterverkauft.

GM denkt an die Aktionäre

Spyker zahlt für Saab 74 Mio. Dollar in bar. Darüber hinaus bekommt General Motors Vorzugsaktien an dem neuen Unternehmen im Wert von 326 Mio. Dollar. "Wir haben einen fairen Preis für die GM-Aktionäre erzielt", sagte der mit dem Verkauf betraute GM-Planungschef John Smith. Die Schließung von Saab sei nie das bevorzugte Ziel gewesen, beteuerte er. GM habe selbst eine harte Zeit durchgemacht. "Wir wünschen das niemand anderem."

GM war im vergangenen Jahr in die Insolvenz geschlittert. Nur dank einer 50 Milliarden Dollar umfassenden Finanzspritze der USA und Kanadas gelang der Neustart. Beim Weg zurück in die schwarzen Zahlen bleiben tausende Mitarbeiter, ganze Werke und sogar Marken auf der Strecke. Die Einstellung von Pontiac und Saturn ist bereits beschlossene Sache, die Hummer-Geländewagen hat GM nach China verkauft.

Saab stand bereits seit längerem auf der Streich- und Schließliste der Amerikaner. Seit 20 Jahren gehört die Marke zu General Motors und hat in dieser Zeit fast durchgängig rote Zahlen geschrieben. Im vergangenen Jahr fiel ein operativer Verlust von 400 Mio. Euro an - bei einem Umsatz von nur noch rund einer Milliarde Euro. Der Absatz war wegen der Wirtschaftskrise und der anhaltenden Unsicherheit über das weitere Schicksal von knapp 95.000 auf 40.000 Autos eingebrochen.

In den letzten Tagen hatte sich eine Annäherung von General Motors und Spyker abgezeichnet. Allerdings war bis zuletzt unklar, ob es Spyker gelingen wird, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Die Niederländer hatten schon einmal Ende vergangenen Jahres vergeblich versucht, genug Geld aufzutreiben. Damals war der Verkauf geplatzt.

Die schwedische Regierung gibt nun Rückendeckung. Sie bürgt für einen 400 Mio. Euro schweren Kredit, den Saab bei der Europäischen Investitionsbank beantragt hat. Der Verkauf sei das Ergebnis einer "langen, mühsamen Arbeit" gewesen, sagte Wirtschaftsministerin Maud Olofsson. Nun muss noch die Europäische Kommission der Hilfe zustimmen.

Ecclestone aus dem Rennen

GM-Manager Smith erwartet, dass der Verkauf bis Mitte Februar in trockenen Tüchern ist. Er versprach, dass GM auch danach "für einen begrenzten Zeitraum" Saab unterstützen werde. So sollen weiterhin einzelne Zulieferteile, Know-how und komplett montierte Fahrzeuge Richtung Schweden gehen. "Natürlich wollen wir eine starke Saab", sagte Smith.

GM-Konzernchef Ed Whitacre hatte in den vergangenen Wochen Spyker kräftig unter Druck gesetzt. Er drohte mehrfach damit, Saab abzuwickeln, sollten die Niederländer ihr Angebot nicht nachbessern. GM hatte als Bedingung für den Verkauf gemacht, dass der neue Eigentümer auch den langfristigen Betrieb sicherstellen kann. Mit dem Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, der sich mit der Luxemburger Investment-Firma Genii Capital zusammengetan hatte, war erst am Montag ein weiterer Interessent abgesprungen.

Whitacre drängte auf eine schnelle Lösung bei Saab, weil er GM noch in diesem Jahr in die schwarzen Zahlen zurückbringen und seine Schulden bei den US-amerikanischen und kanadischen Steuerzahlern begleichen will. Mit neuen, spritsparenden Modellen will er das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen.

Widerstand bei Opel

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Was Opel nicht vergönnt war, gestattet Detroit den Schweden: Saab löst sich von der Mutter.

(Foto: AP)

Bei seiner anderen europäischen Tochter, dem deutschen Autobauer Opel, zeichnen sich dagegen für General Motors Probleme ab. Der Sanierungsplan für den krisengeschüttelten Autobauer Opel ist fertig - doch die Mitarbeiter laufen gegen die geplante Werkschließung in Antwerpen Sturm. Dessen ungeachtet erwartet Unternehmenschef Nick Reilly, dass das Konzept im Februar unterzeichnet werden kann. "Jetzt geht es nur noch darum, zu einer abschließenden Einigung (mit den Gewerkschaften und Betriebsräten) zu kommen. Ich hoffe, das wird in den kommenden zwei bis drei Wochen passieren", sagte Reilly in Rüsselsheim. Die Verhandlungen sollen kommenden Montag fortgesetzt werden.

Zunächst blockieren Gewerkschaften und Betriebsräte aus Protest gegen die geplante Werkschließung einen Abschluss. Sie schließen die geforderten Lohnabstriche aus. Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz sagte nach einer Betriebsversammlung in der belgischen Hafenstadt mit Opelanern aus ganz Europa: "Für die Schließung des Werkes hier in Antwerpen wird niemand - weder in Spanien noch England noch in Polen noch sonst wo - einen Cent Arbeitnehmerbeiträge leisten." Franz betonte, dass ihm der Sanierungsplan noch nicht vorliege.

Nach Reillys Worten wird das Konzept derzeit auch von den Regierungen der Opel-Standortländer geprüft. Der Autobauer erwartet für die Opel-Restrukturierung 2,7 Mrd. Euro Staatshilfen. Möglicherweise auch um auch die zuletzt zögerliche Bundesregierung zu einer finanziellen Unterstützung zu bewegen, hat Opel einen neuen Cheflobbyisten engagiert: Der hessische CDU-Politiker und frühere Landesminister Volker Hoff wird das Management des Autobauers Opel von Februar an verstärken. Hoff werde "Vize-Präsident für Regierungsangelegenheiten", erklärte Reilly. Der 52-Jährige war von 2006 bis 2009 als Landesminister zuständig für Bundes- und Europaangelegenheiten.

Lohnverzicht trotz Antwerpen?

Trotz der Proteste der Arbeitnehmer gegen das angekündigte Aus für Antwerpen rechnet Reilly weiter fest mit einem Lohnverzicht der Belegschaft von jährlich 265 Mio. Euro in den kommenden fünf Jahren. Der Beitrag ist neben den Staatshilfen ein wichtiger Bestandteil des 3,3 Mrd. Euro schweren Restrukturierungsplans des Autobauers. Es gilt als wahrscheinlich, dass Reilly den Betriebsräten bei weiteren Forderungen etwa nach einer Umwandlung der Adam Opel GmbH in eine Aktiengesellschaft entgegen kommen muss, wenn er eine Einigung erzielen will.

Betriebsrat und Gewerkschaften lehnen diesen Lohnverzicht ab, wenn das Management an der Werkschließung festhält. Um ihr weiteres Vorgehen zu beraten, trafen sich Opelaner aus ganz Europa in der flämischen Hafenstadt. Sie werten das Aus als Wortbruch. Antwerpen sei der Bau von kleinen Geländewagen zugesagt und eine Bestandsgarantie für den Standort gegeben worden. Daher hätten die Mitarbeiter in Belgien bereits seit 2007 auf jährlich 20 Mio. Euro verzichtet. Den Zuschlag für die kleinen Geländewagen-Modelle hatte aber Südkorea bekommen.

Gegen diese Entscheidung sei eine Klage der Antwerpener Gewerkschaften anhängig, teilten der europäische Betriebsrat und die europäischen Metall-Gewerkschaften in einer gemeinsamen Erklärung mit. Sie machten deutlich: "Wir sind strikt gegen jede Werkschließung und werden unter diesen Umständen keine Opfer bringen."

Immer noch zu viele Kapazitäten

Reilly verteidigte den Schritt hingegen erneut. "Wir haben 2009 etwa 1,1 Mio. Autos hergestellt, zu guten Zeiten waren es 1,4 Mio.: Selbst wenn wir Antwerpen schließen, haben wir noch immer eine Kapazität von 1,5 Mio. Fahrzeugen", sagte er. Angesichts des erwartet schwachen westeuropäischen Marktes in den kommenden zwei bis drei Jahren müssten deshalb die Kapazitäten gesenkt werden. "Selbst wenn der Markt anzieht, wir unsere Anteile ausbauen und auch in andere Märkte expandieren, haben wir noch genügend Spielraum in der Produktion", betonte Reilly.

Zwar seien derzeit keine weiteren Werkschließungen geplant. Die Kosten müssten jedoch überall in Europa gedrückt werden, um Opel auch in einem schwachen Marktumfeld profitabel zu machen. Dies strebt Reilly für 2011 an. Bis dahin solle die Belegschaft von 48.000 um rund 8000 Mitarbeiter verkleinert werden. Ein weiterer Stellenabbau sei nicht vorgesehen.

Die Gespräche mit den Regierungen der Opel-Standortländer über Staatshilfen liefen bereits, sagte der Opel-Chef. "Es ist durchaus denkbar, dass wir nicht den gesamten Betrag (von 2,7 Mrd. Euro) erhalten werden, aber ich erwarte eine beträchtliche Summe." Derzeit reiche die Liquidität des Autobauers bis weit ins zweite Quartal hinein. Deutschland habe ein externes Gutachten gefordert. "Ich erwarte, dass es Ende der kommenden Woche vorliegt", betonte Reilly. Danach werde der Autobauer formal Staatshilfen in Berlin beantragen.

Quelle: n-tv.de, mmo/DJ/dpa/rts

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