Wirtschaft

Ende der Siemens-Chaostage? Löscher streicht die Segel

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Peter Löscher muss gehen: "Die Interessen Einzelner haben hinter dem Wohlergehen des Unternehmens zurückzustehen."

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Personalie Löscher ist ad acta gelegt. Er räumt seinen Platz an der Siemens-Spitze sofort und "in gegenseitigem Einvernehmen". Nachfolger wird der bisherige Finanzvorstand Kaeser. Ob jetzt Ruhe einkehrt, ist fraglich. Aufsichtsratschef Cromme hat seinen Willen bekommen, ist aber schwer angezählt.

Bis zur Pensionsgrenze wollte der Österreicher und Quereinsteiger Peter Löscher an der Spitze von Siemens bleiben. Daraus ist nichts geworden. Nach sechs Jahren ist Schluss mit seiner Karriere bei dem größten deutschen Technologiekonzern. Der neue Mann an der Spitze des weltweit agierenden Unternehmens ist ab sofort der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser. Der Wechsel geschieht "im gegenseitigen Einvernehmen", wie der Konzern mitteilt. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende könnte man nach der tagelangen Hängepartie und dem beispiellosen Kommunikationsdesaster meinen.

Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und Neu-Vorstandschef Joe Kaeser haben ihren Willen bekommen. Und Löscher kann sich damit trösten, das Schlimmste abgewendet zu haben. Er wurde wenigstens nicht offiziell gefeuert. Der Abgang des geschassten Konzernchefs zeugt am Ende sogar von einer gewissen Größe, denn er geht mit dem Wissen, dem Ansehen des Konzerns nicht noch mehr Schaden  zugefügt zu haben. "Die Interessen Einzelner, auch meine eigenen, haben hinter dem Wohlergehen des Unternehmens zurückzustehen", heißt es in der offiziellen Erklärung des 55-Jährigen. Eine "vertrauensvolle Basis für einen Verbleib an der Spitze der Siemens AG" sei nicht mehr gegeben gewesen. Ein Unternehmen brauche "ein Höchstmaß an Geschlossenheit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat". Diplomatisch zurückhaltend gibt er damit zu verstehen, dass zwischen den beiden Machtpolen am Ende gar nichts mehr ging.   

Kommunikation der anderen Art

Am Ende hat Löscher offenbar selbst eingesehen, dass seine Tage an der Konzernspitze gezählt waren, dass die Absetzbewegung von ihm nicht mehr aufzuhalten war, und dass er gegen die Ränkespiele seiner einstigen Mitstreiter keine Chance mehr hatte. Diese bittere Einsicht muss gewissermaßen über Nacht gekommen sein. Noch vor wenigen Tagen hatte er gelobt, standzuhalten: "Mir bläst der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art, aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen." Da war es schon einsam um ihn geworden. Spätestens am Wochenende hat er das wohl eingesehen.

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Auf eine Kampfabstimmung über seinen Verbleib an der Konzernspitze hat Löscher es deshalb auch nicht mehr ankommen lassen. Am Ende gab er kampflos auf und trat still den Rückzug an: Nach den Chaostagen soll endlich wieder Ruhe einkehren. Das hätte das Management vielleicht auch leiser haben können.

Dass ein Führungswechsel an der Spitze eines großen Unternehmens große Wellen schlägt, überrascht nicht. Dass es aber so kracht, dass die Grabenkämpfe derart in der Öffentlichkeit ausgetragen werden, das überrascht schon. Mit Professionalität hat das nichts mehr zu tun. Löschers Abgang geriet zu einem Spektakel, wie es für jedes Unternehmen schädlich ist und wie es für einen Konzern dieser Größenordnung völlig unangemessen ist.

Ob Löscher rausgemobbt wurde, in eine Falle gelaufen ist oder schlicht niemals angekommen ist im Konzern, lässt sich schwer beurteilen. Fest steht aber: einen Führungswechsel wie diesen gibt es wohl kaum ein zweites Mal. Die Berichterstattung hat über die vergangenen Tage tief blicken lassen. Und das, was zum Vorschein kam, hat nicht gefallen: In der Presse war die Rede von einem "infamen Komplott", einer "Nacht- und Nebelaktion" und einem "Putsch gegen Löscher". Der Konzern, der sich nach zahlreichen Schmiergeldaffären einen guten Ruf erarbeitet hat und Vorbildfunktion für gute und saubere Unternehmensführung ("Corporate Governance") hatte, stand erneut in den Negativ-Schlagzeilen. Viel Kritik wurde laut: Kommentatoren schalten den internen Kampf als "Intrigenstadl" und "Affentheater". Dem öffentlichen Ansehen des Konzerns hat das definitiv geschadet.

Nach dem Machtkampf ist vor dem Machtkampf

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Löscher geht, Cromme bleibt. Die Frage ist wie lange noch?

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Führungswechsel von Löscher zu Kaeser wird voraussichtlich auch nur kurz Ruhe einkehren lassen. Denn zunehmend tritt eine Frage in den Vordergrund: Welche Rolle spielt Aufsichtsratschef Gerhard Cromme noch bei Siemens? Die Personalie Löscher hat tiefe Gräben im Aufsichtsgremium aufgerissen – ausgelöst ausgerechnet durch den ehemaligen Freund und Förderer Löschers, aber eben auch großen Taktierer Cromme. Der für gute Unternehmensführung verantwortlich schreibende Manager, der den unbekannten Löscher im Mai 2007 überhaupt erst aus dem Ärmel gezogen und erfolgreich inthronisiert hat, steht in keinem guten Licht da.

Ob lautstark in der Öffentlichkeit oder leise hinter den Kulissen ausgetragen, der Abgang Löschers dürfte nur der Anfang weiterer Machtquerelen sein. Insider berichten, dass Josef Ackermann Ansprüche auf Crommes Posten erhebt. Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Ackermann und zwei weitere Aufsichtsratmitglieder waren angeblich nicht damit einverstanden, wie Löscher abserviert wurde.

Kritiker geben außerdem zu bedenken, dass Cromme dem glücklosen Löscher während dessen Amtszeit offenbar nicht genau genug auf die Finger geschaut habe. Darüber hinaus haftet dem Aufsichtsratschef noch sein eigener Abgang bei ThyssenKrupp an. Erst im Frühjahr musste er dort nach Milliardenverlusten, Kartellverfahren und Personalquerelen das Handtuch als Aufsichtsratschef werfen. Für Cromme könnte es in der nächsten Zeit also unbequem werden.

Branchenkenner sehen in der Ablösung von Löscher nur einen halbherzigen Versuch, einen Neuanfang zu schaffen. Ein wirklicher Neustart sei nur möglich, wenn auch Cromme gehe, heißt es. Aktionärsschützer fordern offen seinen Rücktritt. Irgendwann zwischen heute und dem Tag der Hauptversammlung 2014 wird die Frage nach seiner Nachfolge wohl gestellt werden müssen.

Kaeser – ein Mann ohne Visionen?

Ob Kaeser auf Dauer der richtige Mann an der Spitze ist, ist ebenfalls umstritten. Mancher in der Branche sieht in ihm allenfalls einen Übergangschef. Der langjährige Siemens-Manager und Löscher-Rivale ist wegen seiner profunden Kenntnis des verzweigten Weltkonzerns bei den Aktionären zwar beliebt. Aber Siemens braucht Visionen, heißt es allenthalben. Und Kaeser sei kein Visionär.

Siemens hat genug Baustellen. Machtkämpfe kann der Konzern sich in der Situation eigentlich nicht leisten. Der Austausch von Löscher kann hier auch nur bedingt helfen. Ein kompletter Neustart mit frischem Vorstands- und Aufsichtsratschef auf einen Streich wäre wohl die bessere Lösung gewesen.

Quelle: n-tv.de

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