Wirtschaft

Im Schatten der Atomkraftwerke Merkel ignoriert Wüstenstrom

Schwere Zeiten für Sonnenstrom aus der Wüste: In der Debatte um Deutschlands Energiekonzept kommt Desertec nicht vor. Dabei arbeiten die Initiatoren weiter intensiv an dem Projekt.

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Strom aus der Wüste: Desertec gilt als das größte Energieprojekt der Menschheit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist still geworden um den Strom aus der Wüste. Vor knapp einem Jahr unter großem Presserummel von deutschen Großkonzernen auf den Weg gebracht, führt das ehrgeizige Desertec-Projekt mittlerweile ein Schattendasein.

Während sich Politiker aller Parteien die Köpfe heißdiskutieren über längere Laufzeiten für Kernkraftwerke und die Brennelementesteuer, ist von den Solarkraftwerken in der Sahara im Energiekonzept der Bundesregierung nach bisherigen Informationen nicht einmal mehr die Rede.

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Skizze einer Vision: Die durch die roten Quadrate markierten Flächen für Solarkollektoren würden nach Angaben der Projekt-Initiatoren genügen, um in solarthermischen Kraftwerken den Strombedarf der Welt (18.000 TWh/y, 300x300 km2), Europas (EU, 3.200 TWh/y, 125x125 km2) und Deutschlands abzudecken.

(Foto: www.desertec.org)

Die Initiatoren beklagen bereits mangelnde Unterstützung aus der deutschen Politik. Dabei hatte sich nicht nur die Industrie, sondern auch die Bundesregierung anfangs hinter die Wüstenstrom-Pläne gestellt und sie sogar in den Koalitionsvertrag als Option für die langfristige Energieversorgung aufgenommen, sagt der Niederländer Paul van Son. Seit vergangenen November leitet er die mit der Umsetzung betraute Projektgesellschaft Desertec verzichtet auf Namen in München.

In vielen Ländern der Welt werde das Projekt als visionär geschätzt, sagt van Son. Niemand würde verstehen, wenn das Thema ausgerechnet in Deutschland jetzt in den Hintergrund geriete.

"Unsere Pläne sind für die Bundesregierung eine hochinteressante Option zur Erreichung ihrer Klimaziele und auch für die Technologieführerschaft der deutschen und europäischen Industrie von großer Bedeutung", heißt es bei Desertec. In einem Brief hatte sich das Industriekonsortium deshalb kürzlich bei Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und mehreren Ministerien beschwert - bisher ohne nennenswerte Reaktion aus Berlin.

Kabel nach Europa

Zu einem Teil dürfte die Zurückhaltung daran liegen, dass bisher noch kein Bagger angerollt, noch kein Spatenstich gemacht ist. Denn das Szenario klingt eigentlich verlockend: Solarthermische Kraftwerke, Photovoltaik- und Windkraftanlagen mit bisher ungekannter Kapazität in den Wüsten Nordafrikas und des Mittleren Ostens könnten nicht nur die Menschen in der Region mit Strom versorgen, sondern bis zum Jahr 2050 über ein geeignetes Leitungsnetz auch 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Van Son weiß, dass die Pläne möglichst rasch umgesetzt werden müssen, um Unterstützer und potenzielle Investoren bei der Stange zu halten. "Wenn wir uns ins Studierzimmer zurückziehen, werden wir nicht ernst genommen."

Greifbar werden soll Desertec deshalb mit einem ersten Projekt in Marokko. Der Standort gilt als besonders geeignet, weil das nordafrikanische Land bereits über Leitungen mit Europa verbunden ist und auch selber einen ehrgeizigen Solarplan verfolgt. Der erste Strom aus Marokko könnte ab etwa 2015 auch nach Europa fließen. Im Kreis der beteiligten Unternehmen werden die Vorbereitungen durchaus als konkret eingestuft. Im Hintergrund werde intensiv an Kalkulationen gearbeitet, heißt es beim Elektrokonzern Siemens, der mit seinen Lösungen etwa beim Netzausbau zum Zuge kommen könnte. Auch der Energieversorger RWE lobt die Zusammenarbeit. "Wir sind auf einem sehr guten Weg", sagt ein Konzernsprecher.

Voreilige Preisschilder

Bis es so weit ist, sind allerdings noch komplexe Abstimmungen zu bewältigen. Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen sondieren van Son und sein Team vor allem die Marktchancen für den zu erzeugenden Strom. Sie sprechen mit Herstellern über Möglichkeiten zur Kostensenkung, mit der EU-Kommission, Regierungen und Stromnetzbetreibern über den nötigen Netzausbau. Bis 2012 soll das Geschäftsmodell stehen, das dann als Blaupause auch für weitere Anlagen in anderen nordafrikanischen Ländern angewendet werden kann.

Anfangs hatte das gigantische Investitionsvolumen für das Wüstenstrom-Projekt von rund 400 Mrd. Euro auch für Kopfschütteln in der Öffentlichkeit gesorgt. Doch van Son winkt ab: Die Summe sei nur eine grobe Schätzung aus einer Studie, doch verstehe sich Desertec als Netzwerk vieler Solar- und Windkraftwerke mit jeweils mehreren Ausbaustufen in den nächsten Jahrzehnten. Ein Preisschild für alles zum jetzigen Zeitpunkt mache da wenig Sinn, sagt der DII-Chef. Er glaubt fest daran, dass sich Geldgeber für das Projekt finden werden. "Sobald die erforderlichen Rahmenbedingungen geschaffen sind, werden sie auch investieren."

Quelle: n-tv.de, Christine Schultze, dpa, und Erik Nebel, dpa-AFX

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