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Dienstag, 10. Mai 2016

Umzugsflaute wegen "Lock-in-Effekt": Mieter sitzen in ihren vier Wänden fest

Von Ann-Katrin Sättele

Jeder Vierte würde gern in eine neue Wohnung ziehen, kann es aber nicht. Grund sind die explodierenden Mieten. Experten warnen: Die Folgen sind dramatischer als bisher gedacht.

Das Problem kennt inzwischen fast jeder: der Wunsch in eine neue Wohnung zu ziehen ist da, aber die hohen Mieten machen einen Strich durch die Rechnung. Häufig lohnt sich ein Umzug für den Mieter nicht mehr, weil er für das gleiche Geld in der neuen Wohnung weniger Quadratmeter bekommt. Ökonomen sprechen vom sogenannten Lock-in-Effekt, was übersetzt so viel wie "eingesperrt" bedeutet. Die Mieter stecken in den eigenen vier Wänden regelrecht fest.

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Dieses Gefühl eingesperrt zu sein, kennen viele Deutsche nur zu gut. Lag die Umzugsquote im Jahr 2007 noch bei 13 Prozent, sank sie im vergangenen Jahr bereits auf neun Prozent. Das zeigen die Daten des Energiedienstleisters Techem, der im Rahmen von Heizkostenabrechnungen regelmäßig über Mieterwechsel informiert wird. Das Ende der Talfahrt ist noch nicht absehbar.

Besonders Großstädte betroffen

Vor allem Mieter in beliebten Großstädten leiden unter der Preisexplosion. Laut "Die Welt" sind in den vergangenen acht Jahren allein in Berlin die Mieten um 47 Prozent gestiegen. Es folgen München mit 36 und Hamburg und Hannover mit jeweils 30 Prozent.

Das ganze Ausmaß der Schieflage am Wohnungsmarkt zeigt sich im Kreis Stuttgart. Allein in Böblingen sind derzeit 12.000 Haushalte auf staatliche Unterstützung angewiesen, ohne die sie die Miete gar nicht zahlen könnten - Tendenz steigend. Wie die "Stuttgarter Zeitung“ berichtet, hat der Landrat im April deswegen den Wohnungsnotstand ausgerufen.

Die großen Leidtragenden sind Familien - und vor allem Arbeitnehmer. Sie müssen wegen des Jobs häufiger umziehen und damit neue und teurere Mietverträge abschließen. Auch Rentnern oder Pflegebedürftigen wird es schwer gemacht. Ihnen ist der Umzug ins Stadtzentrum und damit beispielsweise in die Nähe eins Arztes, regelrecht verbaut.

Einzig Studenten lässt der Mietanstieg offenbar kalt, denn sie sind eher gewillt sich zu verkleinern, in Wohngemeinschaften zu wohnen oder auf den geliebten Balkon zu verzichten.

Folgen noch nicht absehbar

Experten warnen inzwischen vor den langfristigen Auswirkungen dieser Entwicklung. Damit die Mieter auch in Zukunft die hohen Kosten stemmen können, müssen Unternehmen die Löhne anheben oder am Arbeitsort für Mitarbeiterwohnungen sorgen, heißt es. Entscheiden sich die Arbeitnehmer zu pendeln, muss die Infrastruktur dafür ausgebaut werden. Auch die Pflegekosten dürften weiter in die Höhe schießen, wenn ein Umzug für die Betroffenen nicht in Frage kommt. Denn, um den Bedarf in den angrenzenden Dörfern und Kleinstädten zu decken, müsste bei längeren Strecken zum Kunden auch die Zahl der Pflegekräfte erhöht werden.

Mit dem "bundesweiten Bündnis für bezahlbares Wohnen" hat die Politik schon auf das Problem reagiert. Von den zahlreich diskutierten Konzepten wurde bisher allerdings nur die Mietpreisbremse beschlossen.

Quelle: n-tv.de