Wirtschaft

Investor dreht Geldhahn zu Neckermann.de pleite

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"Neckermann macht's möglich": Der Handelsriese war einst ein Symbol des Wirtschaftswunders

(Foto: dpa)

Neckermann.de steht vor dem Aus. Der Versandhändler mit bundesweit rund 2.400 Arbeitsplätzen meldet Insolvenz an. Zuvor waren die Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi gescheitert, der US-Finanzinvestor Sun Capital stellt keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung.

Der traditionsreiche Versandhändler Neckermann ist pleite. Der US-Finanzinvestor Sun Capital, dem das mehr als 60 Jahre alte Frankfurter Unternehmen seit 2008 mehrheitlich gehört, drehte den Geldhahn zu. Neckermann.de kündigte daraufhin einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Frankfurt an. Der Eigentümer muss nun die 200 Mio. Euro, die er nach eigenen Angaben seit 2008 in den Versandhändler investiert hat, in den Wind schreiben. Von der Insolvenz nicht betroffen sind Neckermann Reisen, die seit längerem zum Touristikkonzern Thomas Cook gehört.

Mit der Pleite eskaliert ein seit Monaten schwelender Streit mit den Arbeitnehmervertretern und der Gewerkschaft Verdi um einen drastischen Umbau des Unternehmens. Sie hatten sich mit eigenen Konzepten und Demonstrationen gegen den Abbau von fast 1400 Arbeitsplätzen gewehrt und um Abfindungen für die Betroffenen gerungen. Beinahe mit Erfolg: Die Geschäftsführung hatte sich mit dem Betriebsrat im Grundsatz bereits auf Abfindungen "in begrenztem Umfang" und Transfergesellschaften geeinigt. Finanziert werden sollten sie nach und nach aus dem bis Anfang 2013 erwarteten Mittelzufluss aus dem operativen Geschäft. Der mit dem Eigentümer vereinbarte Businessplan hätte das hergegeben, erklärte Neckermann.

Rettung zu teuer

Doch dann kam das Nein von Sun. "Der Eigentümer des Unternehmens hält das Ergebnis dieser Verhandlungen nicht für tragfähig und wird keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen", erklärte Neckermann nun. Damit könne das Unternehmen in der bestehenden Form nicht fortgeführt werden. Eine Sprecherin von Sun Capital begründete die Absage damit, dass das Sanierungskonzept der Neckermann-Führung zu teuer geworden wäre. Sun wäre bereit gewesen, bis zu 25 Mio. Euro in Neckermann zu stecken. Doch das Konzept des Managements hätte mehr als 60 Mio. Euro gekostet, sagte sie.

Von der Insolvenz betroffen sind nach Gewerkschaftsangaben rund 2000 Mitarbeiter von Neckermann.de und der Logistik-Tochter Neckermann Logistik. Die Geschäftsführung hatte ohnehin 1.380 Stellen streichen wollen. Das schrumpfende Katalog-Geschäft sollte aufgegeben werden, nachdem das Geschäft über das Internet inzwischen 80 Prozent des Umsatzes ausmacht. Statt der eigenen Textilmarken wollte Neckermann Markenware ins Sortiment nehmen, so dass die eigene Logistik-Tochter in Frankfurt mit knapp 900 Mitarbeitern überflüssig geworden wäre.

Ikone des Wirtschaftswunders

Der Handelskonzern Arcandor hatte die Mehrheit an dem 1950 von Josef Neckermann gegründeten Unternehmen schon vor der eigenen Pleite verkauft. Doch auch nach der symbolträchtigen Umbenennung in Neckermann.de schaffte es die Firma nicht, mit der neuen Konkurrenz aus dem Internet Schritt zu halten. Amazon & Co gruben den klassischen Versandhändlern das Wasser ab. Von den drei im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit groß gewordenen Versandhändlern ist nur noch Otto übrig.

Die zu zögerliche Hinwendung zum Online-Geschäft war schon der früheren Neckermann-Schwester Quelle zum Verhängnis geworden, die vom Arcandor-Insolvenzverwalter umgehend abgewickelt wurde. Nun droht Neckermann das gleiche Schicksal. Das Geschäftsmodell ist stark von der Belieferung durch die Hersteller abhängig. Der Insolvenzverwalter kann Verluste nicht lange hinnehmen.

Der Eigentümer der Neckermann-Zentrale im Frankfurter Osten, die britische Immobiliengesellschaft Segro, erklärte, die Miete sei bis Ende Juli bezahlt. Im vergangenen Jahr habe Neckermann 15 Mio. Euro gezahlt. Auf das riesige und zum Teil leerstehende Areal müssten nun umgerechnet 55 Mio. Euro abgeschrieben werden.

Quelle: ntv.de, dpa/rts

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