Wirtschaft

Neue Wirtschaftsmacht im Süden Nigeria überholt Südafrika

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Lagos ist Nigerias wirtschaftliches Zentrum und mit mehr als zehn Millionen Einwohnern die größte Stadt Afrikas.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Als Wirtschaftsmacht in Afrika kommt vielen zuerst das Land an der Südspitze des Kontinents in den Sinn. Doch das könnte sich bald ändern, denn der Bevölkerungsriese Nigeria stellt mittlerweile die größere Volkswirtschaft - mit Folgen für das politische Gleichgewicht.

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Die Ölförderung im Niger-Delta gehört zu Nigerias wichtigsten Wirtschaftszweigen. Die Schäden für die Umwelt sind jedoch immens.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nigeria hat überraschend den Titel als stärkste Wirtschaftsmacht Afrikas übernommen. Das Land liegt nach neuen Berechnungen weit vor dem bisherigen Spitzenreiter Südafrika. Die neuen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) Nigerias sind nicht nur ein wichtiger Erfolg für das Land, sondern bestätigen auch die Investitionspläne vieler ausländischer Unternehmen, die in Afrika zunehmend risikoreichere Märkte im Visier haben.

Das BIP von Nigeria lag im vergangenen Jahr bei 510 Milliarden US-Dollar und damit um 89 Prozent über dem Wert, den die meisten Ökonomen der Wirtschaft zugetraut hatten, teilte die nationale Statistikbehörde mit. Damit liegt die Wirtschaftsleistung von Nigeria um 190 Milliarden Dollar über der von Südafrika. Die bisherige Nummer eins hat mit einer langsam wachsenden Wirtschaft zu kämpfen.

Die Berechnung des BIP war ein Kraftakt für die Statistiker. Über fünf Jahre lang hat die Behörde Daten über eine der größten informellen Märkte der Welt gesammelt. Das letzte Mal, als Nigeria eine so vollständige Erhebung vorgenommen hat, schrieb man das Jahr 1990. In den vergangenen Jahren haben Statistiker mit Motorrädern und Schnellbooten das Land durchquert, um Internetcafe-Besitzer, Filmproduzenten und andere Geschäftsleute aufzusuchen und bisher nicht berücksichtigte Branchen endlich auch bei der amtlichen Erhebung zu erfassen.

"Ja, wir sind angesichts der Daten überrascht", sagte Chefstatistiker Yemi Kale. Die Behörde hat die Veröffentlichung der Ergebnisse dreimal verschoben, um die Berechnungen noch einmal zu prüfen. Die starke Wirtschaftsentwicklung zog in den vergangenen Jahren viele internationale Konzerne ins Land.

Nigeria könnte bis 2045 drittgrößtes Land der Welt werden

Dieses Jahr wird der Autobauer Nissan erstmals tausende Fahrzeuge in Nigeria produzieren, die dann auf den mit Schlaglöchern übersäten Straßen fahren werden. General Electric hatte angekündigt, für bis zu 10 Milliarden Dollar neue Turbinen für private Kraftwerke zu bauen. Der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble will ein weiteres Werk errichten, in dem Windeln hergestellt werden sollen. Nigeria soll laut Daten der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2045 die USA als Land mit der weltweit drittgrößten Bevölkerung ablösen.

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Die Filmindustrie des Landes, Nollywood genannt, gehört zu den produktivsten der Welt. Nur in Indien werden derzeit mehr Filme gedreht als in Nigeria.

(Foto: Reuters)

Für Südafrika haben die neuen Daten mehr als nur Symbolcharakter. Das Land hatte seine Position als größte Wirtschaft Afrikas dafür genutzt, um für die Aufnahme Südafrikas in die Liste der weltweit stärksten Nationen zu werben. Im Jahr 1999 war das Land der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer beigetreten. Erst seit vier Jahren gehört Südafrika zur erweiterten Gruppe der sogenannten BRICS-Länder, zu denen auch Brasilien, Russland, Indien und China zählen. Zudem hatte sich Südafrika für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat eingesetzt.

Von einigen Offiziellen ist zu hören, dass die Tage vorbei seien, an denen das Land darauf warten könne, das multinationale Unternehmen von alleine nach Südafrika kommen. "Südafrikaner sind nicht hungrig nach Investitionen", hatte Finanzminister Pravin Gordhan im März gesagt. "Wir denken, dass wir ein königliches Recht (auf Investitionen) haben, aber das ist nicht wahr."

Südafrikas Wirtschaft schwächelt

Der Aufstieg Nigerias ist vor allem auf die Demografie zurückzuführen. Die Bevölkerung des Landes ist jung und wächst schnell. Allein bis zum Jahr 2050 wird die Bevölkerung siebenmal so groß sein wie die von Südafrika, geht aus Studien der Vereinten Nationen hervor. Diese Entwicklung hat schon viele Unternehmen dazu bewegt, in dem Land zu investieren.

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Im Norden des Landes befindet sich Nigerias Regierung seit Jahren im Kampf mit den radikalislamischen Anhängern von Boko Haram, die regelmäßig schwere Anschläge auf die Zivilbevölkerung verüben.

(Foto: REUTERS)

Für Südafrika spricht allerdings weiterhin die Infrastruktur, die als die beste des ganzen Kontinents gilt. Das Land produziert zehnmal so viel Strom wie Nigeria, und das für eine Bevölkerung, die wesentlich kleiner ist: Die Bevölkerung Nigerias ist heute etwa dreimal so groß wie die Südafrikas.

Allerdings gibt es erste Kratzer in dieser Bilanz. Der staatliche Stromkonzern Eskom hatte zuletzt den Strom abschalten müssen, da heftige Regenfälle die Kohlevorräte des Unternehmens durchnässt hatten. Das Wirtschaftswachstum erreichte im vergangenen Jahr nicht mal die Marke von 2 Prozent. Nach den jüngsten Turbulenzen in den Schwellenländern hat der südafrikanische Rand innerhalb eines Jahres 20 Prozent gegen den US-Dollar an Wert verloren. Investoren haben dieses Jahr südafrikanische Aktien und Anleihen im Wert von mehr als 1,6 Milliarden Dollar verkauft.

Nigeria bleibt Entwicklungsland

Zudem drücken Korruptionsvorwürfe auf die Stimmung in Südafrika. In Nigeria sind die Vorfälle in Sachen Bestechlichkeit allerdings gravierender. Für Unternehmen ist das bevölkerungsreichste Land des Kontinents mit vielen Schwierigkeiten verbunden.

Einer Studie der Weltbank zufolge liegt Nigeria 106 Plätze hinter Südafrika, wenn es darum geht, die Geschäftstätigkeit für Unternehmen zu erleichtern. Steuern zu zahlen, Eigentum eintragen zu lassen oder einfach nur die Stromversorgung sicherzustellen. All dies ist in Nigeria nicht nur wesentlich schwieriger als in Südafrika, sondern schwieriger als in den meisten anderen Ländern.

Einige wichtige Investoren haben ihr Engagement bereits zurückgefahren. Große Ölkonzerne sind angesichts der täglichen Diebstähle von Öl frustriert. Versicherungsunternehmen fordern wegen der Übergriffe durch Piraten auf hoher See mittlerweile die gleichen Prämien von Reedern wie vor der Küste Somalias. Während einige Unternehmen Nigeria den Rücken zukehren, versuchen andere dort ihr Glück.

Besonders für Autohersteller, Fastfoodketten oder Einzelhändler bieten sich angesichts der jungen Bevölkerung enorme Chancen. Das Unternehmen Yum Brands beispielsweise eröffnete jüngst seine 25. Filiale von Kentucky Fried Chicken. Bei Domino's Pizza sind die fünf Filialen in Nigeria diejenigen, die am stärksten von Kunden aufgesucht werden.

Quelle: ntv.de, bwe/Drew Hinshaw und Patrick McGroarty, DJ