Wirtschaft
Faszinierte Studenten: Die Robert Boschs der Zukunft?
Faszinierte Studenten: Die Robert Boschs der Zukunft?(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 07. April 2011

Starkes Frühjahrsgutachten: Ökonomen sehen mehr Wachstum

Das Votum der Wirtschaftsweisen fällt im Frühjahr deutlich freundlicher aus als noch vergangenen Herbst: Die deutsche Wirtschaft wird nach Einschätzung der führenden Institute in diesem Jahr um fast drei Prozent wachsen. Die Zahl der Arbeitslosen könnte damit weiter sinken - wenn nichts dazwischen kommt. Denn in der Prognose schlummern "beachtliche Risiken".

Gute Laune am Messestand: In Hannover liegt der Duft des Aufschwungs in der Luft.
Gute Laune am Messestand: In Hannover liegt der Duft des Aufschwungs in der Luft.(Foto: picture alliance / dpa)

Die führenden Forschungsinstitute haben ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland deutlich angehoben. Die Ökonomen erwarten in diesem Jahr eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,8 Prozent. In ihrem "Weise" strotzen vor Optimismus hatten sie nur 2,0 Prozent erwartet. 2012 werde sich der Aufschwung allerdings wieder etwas abschwächen, heißt es in dem aktuellen vorgestellten Frühjahresgutachten.

"Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird sich angesichts des kräftigen Aufschwungs weiter verbessern", schätzten die Volkswirte in ihrer Gemeinschaftsdiagnose. Die durchschnittliche Arbeitslosenzahl dürfte dieses Jahr um rund 350.000 auf knapp 2,89 Millionen im Jahresdurchschnitt von sinken. Im nächsten Jahr werde sie dann auf 2,71 Millionen absacken. Das bedeutet einen Rückgang der Arbeitslosenquote von 7,7 Prozent 2010 auf letztlich 6,5 Prozent 2012.

Die Macht des Möglichen: Elektro-Motorrad von Siemens.
Die Macht des Möglichen: Elektro-Motorrad von Siemens.(Foto: dpa)

Zugleich wird die Beschäftigung in Deutschland weiter zunehmen, wenn auch mit geringerem Tempo. Für das laufende Jahr rechnen die Institute mit einem Plus von 430.000 Erwerbstätigen, im nächsten Jahr mit einem Anstieg um 275.000. Allerdings drohen nach Angaben der Experten zunehmende Gefahren für die Preisstabilität angesichts von Kostenanstiegen, etwa im Rohstoffbereich. Per Saldo werde die Inflationsrate in diesem Jahr auf 2,4 Prozent im Jahresdurchschnitt steigen, dann aber 2012 wieder auf 2,0 Prozent sinken. Die Lage der öffentlichen Haushalte wird sich verbessern. Im laufenden Jahr rechnen die Institute mit einer Defizitquote von 1,7 Prozent, im nächsten Jahr von 0,9 Prozent.

Die Atom-Katastrophe in Japan kann nach Angaben der Forscher der deutschen Wirtschaft derzeit nichts anhaben. Die Produktionsausfälle in Japan seien zwar sichtbar: "Auswirkungen auf die Konjunktur werden aber voraussichtlich nur kurzzeitig spürbar sein", erklärten die Experten. Allenfalls kurzfristig sei mit Dämpfern zu rechnen, weil die Lieferkette bei wichtigen Elektroteilen unterbrochen sei. Ab der zweiten Jahreshälfte dürfte die japanische Wirtschaft wegen des Wiederaufbaus sogar deutlich in Schwung kommen, schrieben die Forscher. Voraussetzung sei allerdings, dass es nicht zu einer massiven nuklearen Verseuchung komme und insbesondere der Großraum Tokio verschont werde. "Die Folgen einer solchen Entwicklung erscheinen unkalkulierbar."

Chart

Risiken gibt es dennoch, sagen die Experten: Steigende Preise und hohe Staatsschulden seien die derzeit größten Gefahren für die weltweite Erholung. Schon jetzt träten gerade Schwellenländer wie China auf die Bremse, um den weiteren Anstieg der Lebenshaltungskosten zu dämpfen, schrieben die Institute. In Industriestaaten, vor allem am Rande der Euro-Zone, sei zudem ein staatlicher Sparkurs eingeschlagen worden, um das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. Das dämpfe das Wachstum ebenfalls. Die Forscher rechnen für das laufende Jahr mit einem Anstieg der globalen Wirtschaftsleistung von 3,4 Prozent, 2012 seien 3,3 Prozent Zuwachs möglich.

Deutliche Kritik richteten die Wirtschaftsweisen an die Europäische Zentralbank: Die niedrigen Leitzinsen in der Euro-Zone gefährden nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher zunehmend die Preisstabilität in Deutschland. Der Konjunkturchef des IWH Halle, Oliver Holtemöller, sagte bei der Präsentation des Gutachtens, sollte der Aufschwung stärker verlaufen als erwartet, drohe eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln. Experten gehen davon aus, dass die EZB am Donnerstag den rekordniedrigen Leitzins von 1,0 Prozent im Kampf gegen die Teuerung in der Euro-Zone um einen Viertelprozentpunkt erhöhen wird. Bis Ende 2012 rechnen die Institute mit einem Leitzinsniveau von zwei Prozent.

Wackelkandidat USA

"Es besteht das Risiko, dass es zu einem Rückschlag kommt", warnten die Experten. Anfällig für Schocks seien besonders die Länder, in denen die Krise große strukturelle Probleme offenlegte, wie etwa die USA und einige Euro-Länder. Das könne Vertrauensschocks an den Finanzmärkten auslösen, deren Folgen derzeit an der Entwicklung in den Peripheriestaaten der Euro-Zone ablesbar seien. "Sollte es in großen Ländern mit erheblichen finanzpolitischen Schieflagen, etwa in Japan oder den USA, zu einer solchen Entwicklung kommen, würde die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden." Japan ist mit mehr als dem Doppelten seiner Wirtschaftsleistung verschuldet, das Haushaltsdefizit der USA ist derzeit so groß wie nie zuvor.

Auch die Unruhen in Nordafrika und der steigende Ölpreis seien ein Risiko für die Erholung. Sollte es zu einem Angebotsschock kommen und der Preis deutlich zulegen, könne das in einigen Ländern zu einem Rückfall in die Rezession führen. Derzeit sei aber der größte Teil des Ölpreisanstiegs auf die gute Konjunktur zurückzuführen, lediglich gut zehn Dollar je Barrel seien in erhöhten Versorgungsrisiken begründet. "Diese Größenordnung reicht wohl nicht aus, die Weltkonjunktur deutlich zu dämpfen", schränkten die Forscher ein.

Kein Anlass für "mehr netto"?

Trotz der guten Konjunktur sehen die Wirtschaftsforscher keine Spielräume für Steuersenkungen. Stattdessen empfehlen sie der Bundesregierung in ihrem Gutachten einen strikten Sparkurs und den Abbau von Subventionen.

Die Forscher warnen, schon heute sei die Staatsverschuldung mit einer Quote von 83 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu hoch. Der Euro-Stabilitätspakt sieht eine Grenze von 60 Prozent vor. Durch die deutschen Hilfsmaßnahmen für die anderen Euro-Länder drohe der Schuldenberg weiter zu wachsen.

Deutschland in der Zins-Falle

"Bereits im kommenden Jahr müssen mehr als zehn Prozent des Steueraufkommens für die Zinsen auf öffentliche Schulden aufgebracht werden", warnen die Institute. Insgesamt sitzen Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen auf einem Schuldenberg von rund zwei Billionen Euro.

Die Forscher warnen, alleine durch den zu erwartenden Anstieg der Kapitalmarktzinsen werde sich der Schuldendienst verteuern: Ein Anstieg der Durchschnittsverzinsung um einen Punkt würde mittelfristig zu einer Mehrbelastung von über 18 Mrd. Euro pro Jahr führen.

"Sparkus nicht verlassen"

Mit ihrem Zukunftspaket zur Sanierung des Bundeshaushaltes habe die Koalition einen großen Schritt in die richtige Richtung getan, schreiben die Forscher. Es soll den Haushalt bis 2014 um insgesamt 76 Mrd. Euro entlasten und setzt dabei auf einen Mix aus Einsparungen und Mehreinnahmen. Die Institute warnen aber eindringlich, wegen der guten Konjunktur den Sparkurs zu verlassen. So seien eine ganze Reihe von Plänen bisher nicht hinreichend präzisiert. Das gelte etwa für die geplante Effizienzsteigerung bei der Arbeitsvermittlung oder die Bundeswehr-Reform. Für 2014 enthält die Planung zudem eine ungedeckte globale Minderausgabe von knapp fünf Milliarden Euro.

Erinnerungen an die Koch-Steinbrück-Liste

Durch die wegen der guten Konjunktur zu erwartenden Steuermehreinnahmen entstehe - anders als vielfach von politischer Seite behauptet - kein Spielraum für Steuersenkungen. Denn an der strukturellen Schieflage zwischen Einnahmen und Ausgaben ändere sich dadurch nichts.

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Die Forscher empfehlen der Regierung stattdessen, Steuervergünstigungen und Finanzhilfen abzubauen. Alleine die offenen Posten in der sogenannten Koch-Steinbrück-Liste summierten sich auf rund 60 Mrd. Euro. Gerade im Aufschwung seien die Bedingungen für eine weitere Konsolidierung der Staatsfinanzen günstig.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de