Wirtschaft

Advokaten des Bösen? Ratingagenturen am Pranger

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(Foto: REUTERS)

Die Macht der drei großen amerikanisch dominierten Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch kennt immer noch keine Grenzen, obwohl sich viele ihrer Beurteilungen im Zuge der Finanzkrisen als Fehleinschätzungen erwiesen haben. Ist der Euro zum Spielball US-amerikanischer Interessen geworden? Für Folker Hellmeyer, Bremer Landesbank, ist die politische Agenda der Agenturen klar ersichtlich. Holger Schmieding, Berenberg Bank, sieht die Agenturen dagegen nicht in der Rolle der Schurken. Sie seien nur die "Notare, die etwas Sichtbares beurkunden". Stephan Schulmeister, Wifo, wiederum prangert die Geschäftemacherei mit den Bewertungen von Ländern an.

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Bleibt die Frage: Was ist die Alternative zu den drei großen Ratingagenturen?

(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Die Ratingagenturen bewerten die USA deutlich besser als den Durchschnitt der Eurostaaten. Dabei ist die US-Verschuldung doch sehr viel höher. Die Vereinigten Staaten steuern zudem – anders als Europa - noch gar nicht gegen sie an. Das sorgt bei Europäern für großen Unmut. Wie erklären Sie diese bessere Bewertung?

Holger Schmieding: Der Vorteil der USA lässt sich gerade noch begründen. Als Leitwährungsland haben die USA über Jahrzehnte einen Vertrauensvorschuss aufgebaut, von dem sie noch einige Zeit zehren können. Zudem besteht das Risiko der US-Anleihen nur darin, dass der Wechselkurs im Krisenfall kräftig nachgeben könnte. In eigener Währung, also in US-Dollar, ist ein echter Zahlungsausfall äußerst unwahrscheinlich.

Folker Hellmeyer: Die USA sind in ihrer Heimatwährung verschuldet. Über Monetarisierung der Staatsschuld (Geld drucken, Anmerkung der Red.) durch die US-Zentralbank als verlängerter Arm der US-Administration und nicht als unabhängige Zentralbank können die USA theoretisch jedwede Verschuldung bedienen.

Stephan Schulmeister: Die Ratingagenturen wollen im Geschäft bleiben und Gewinn machen. Würden sie die USA kritisch sehen, bekämen sie Probleme. In den USA sieht es die Politik nicht gern, wenn .

Machen die drei großen Ratingagenturen also bewusst Politik gegen den Euro?

Stephan Schulmeister: Natürlich hat die US-Politik an einer Schwächung des Euro als Reservewährung ein Interesse, weil die Rolle des Dollar in den letzten Jahren geschwächt wurde.

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Folker Hellmeyer, Bremer Landesbank

Folker Hellmeyer: Die Ratingagenturen sind privatwirtschaftliche Unternehmen, deren Eigentümerstruktur überwiegend von den Finanzplätzen der USA und des Vereinigten Königreichs bestimmt ist. Hier gibt es eine auffällige Nähe, die sich sowohl bei der Bewertung der USA als auch des Vereinigten Königreichs positiv niederschlägt. Die europäischen Reformländer nach Implementierung der Reformen abzustrafen – trotz Abschirmung durch IWF und EU – ist entweder Ausdruck mangelnden Verständnisses kausaler Zusammenhänge der Reformpolitik oder aber Ausdruck einer politischen Tendenz zu Lasten der Eurozone.

Holger Schmieding: Für eine bewusste Politik gegen den Euro sehe ich keinerlei Anhaltspunkte. Die Ratingagenturen sind eher Notare, die etwas bereits Sichtbares beurkunden.

Die Ratingagenturen Moody's und S&P sind angelsächsische Ratingagenturen. Fitch gehört zur Fitch Gruppe, die mehrheitlich in der Hand der französischen Fimalac ist. Moody’s und S&P wollen eine freiwillige Umschuldung von Griechenland als Pleite bewerten. Fitch lässt hier ein Türchen offen. Sehen Sie einen Unterschied in der Politik der Agenturen?

Folker Hellmeyer: Auf den ersten Blick ist ein Unterschied auszumachen, der sich aber nicht nachhaltig materiell niederschlägt. Die Marktführer sind mit Abstand Moody's und S&P mit einem Marktanteil von rund 80 Prozent. Die Beteiligungsverhältnisse von Fimalac beinhalten auch die (US-amerikanische, Anmerkung der Red.) Hearst Group. Es wird bezüglich der privaten Beteiligung (von Gläubigern) Abstimmungen geben, die die Position Fitchs als aktuell sinnvoll erscheinen lassen. Im "Wiener Modell" wurde die private Beteiligung auch nicht als "Default" gewertet.

(In der Wiener Initiative haben sich 2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise österreichische Banken als Gläubiger osteuropäischer Länder darauf verständigt, Anleihen der Staaten nach Ende der Laufzeit in neue Papiere umzutauschen und damit nicht zu verkaufen. Das Verfahren würde Griechenland faktisch einen Zahlungsaufschub verschaffen. Anmerkung der Redaktion)

Stephan Schulmeister: Meine Erklärungen des Gesamtspiels brauchen diese Differenzierungen nicht. Die Logiken sind nicht sehr national geprägt, sondern eben Geschäftslogiken. Auch die Deutsche Bank musste sich am Doppelpassspiel zwischen CDS-Prämiensteigerung (Prämien für Kreditausfallversicherungen; Anmerkung der Red.) und Zinsaufschlägen beteiligen, weil es viel Gewinn brachte.

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Stephan Schulmeister, Wifo Institut

Holger Schmieding: Einen systematischen Unterschied, der sich beispielsweise auf den Sitz der jeweiligen Eigentümer zurückführen lassen könnte, kann ich bisher nicht erkennen.

Die hochverschuldeten Euro-Länder stecken wirklich in einer Rating-Klemme. Sparen oder nicht sparen, sie werden heruntergestuft. Warum würdigen die Ratingagenturen nicht den gewaltigen Kraftakt von Griechenland?

Folker Hellmeyer: Das ist in der Tat verstörend. Es handelt sich in Griechenland um das schärfste Reformprogramm in der Geschichte der Industrienationen. Die Kraft der Reformen wird durch die Herabstufungen nivelliert oder sogar neutralisiert, da die damit einhergehende Verunsicherung Kapitalabflüsse forciert und Kapitalzuflüsse verhindert. Das impliziert eine politische Agenda bei den Agenturen.

Holger Schmieding: Die Ratingagenturen bewerten nicht die Sparanstrengungen. Sie bewerten die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls oder -verzugs. Dieses Risiko wird weniger von Wirtschaftsdaten und Sparmaßnahmen als von politischen Faktoren bestimmt: Akzeptiert Griechenland die Bedingungen für weitere Hilfskredite? Wie soll der "freiwillige" Beitrag privater Anleger ausgestaltet werden? Diese politischen Entscheidungen vorherzusagen und zu bewerten ist naturgemäß recht subjektiv.

Seit der Einführung des Euro ist der Anteil des US-Dollar an den internationalen Währungsreserven um fast 10 Prozentpunkte gefallen. Umgekehrt hat der Euro im selben Umfang an Bedeutung gewonnen. Müssen sich die Amerikaner Sorgen machen?

Folker Hellmeyer: Das bereitet den USA Sorgen. Die Schwellenländer akkumulieren Devisenreserven. Aber der Sättigungsgrad in US-Dollar ist erreicht. Europa geht seine Probleme seit Ende 2009 an und schafft Zukunftsfähigkeit. Vereinfacht ausgedrückt, sind wir die "Guten". Das verdient offensichtlich das Vertrauen der Schwellenländer – leider nicht das Vertrauen der Ratingagenturen. Schade!

Stephan Schulmeister: Natürlich, aber das Gesamtspiel läuft geradezu ideal, ohne dass die USA einen verschwörerischen Plan brauchen. Die wichtigsten Euro-Beschädigungen machen die Ökonomen und PolitikerInnen in Europa ganz von selbst.

Holger Schmieding: Nein, große Sorgen müssen sich die USA darüber bisher nicht machen. Der Dollar ist weiterhin die unangefochtene Leitwährung der Welt. Allerdings müssen die USA darauf achten, ihren Vertrauensvorschuss bei den Anlegern der Welt, und gerade bei den Verwaltern der staatlichen Devisenreserven, nicht zu verlieren.

Aber ohne den Euro wäre der US-Dollar als internationale Reservewährung konkurrenzlos. Der Währungsraum des Yen ist zu klein und der Yuan noch nicht konvertibel. Der Dollar als unumstrittene Leitwährung macht die Schuldenaufnahme der USA im Ausland deutlich leichter. Also ist ein Interesse an einem Scheitern des Euro doch zumindest nachvollziehbar. Oder gehört das schon in den Bereich Verschwörungstheorie?

Folker Hellmeyer: Die USA haben kein Interesse an einem vollständigen Scheitern des Euros und der Eurozone. Das würde ein systemisches Risiko größer als das Lehman-Debakel hervorrufen. Eine Politik der Nadelstiche, um die Hegemonialstellung der USA und des US-Dollar zu festigen, lässt sich in den letzten Jahren jedoch implizit belegen. Das hat nichts mit einer Verschwörungstheorie zu tun.

Holger Schmieding: Ein Scheitern des Euro wäre für die USA genau so wenig von Vorteil, wie Europa an einem drastischen Einbruch des US-Dollars gelegen sein könnte. Die gelegentlichen Verschwörungstheorien sind schlicht absurd.

Wieso hält sich die EZB bei der Entscheidung, ob sie bestimmte Staatsanleihen als Sicherheiten akzeptiert, überhaupt an die Bewertungen der Ratingagenturen? In den Statuten der EZB ist dies so nicht festgehalten.

Holger Schmieding: Die EZB hält sich ja nicht ganz strikt daran. Sie hat bereits die Rating-Anforderungen für griechische Staatsanleihen erheblich gelockert. Letztlich sollte die EZB sich im Zweifelsfall aber mehr auf das Urteil der Troika EU/EZB/IWF zur Schuldenlage einzelner Länder verlassen als auf das Rating der Agenturen.

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Holger Schmieding, Berenberg Bank

Folker Hellmeyer: Die EZB hat hier bei dem Ankauf bereits Flexibilität gezeigt und die Akzeptanzkriterien für Geldgeschäfte gelockert. Fakt ist, dass dieses Problem, das derzeit virulent ist, so vor der Krise nicht absehbar war.

Stephan Schulmeister: Das ist Unsinn und bevor die EZB selbst untergeht, wird sie alle Normen brechen. Ich vertraue auf ihren Selbsterhaltungstrieb. Wegen der Eigendynamik des Gesamtspiels könnte es aber zu spät sein.

Mit Holger Schmieding, Folker Hellmeyer und Stephan Schulmeister sprach Diana Dittmer. 

Quelle: ntv.de

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