Wirtschaft

"Das ist ein globales Problem" Trichet greift Agenturen an

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"Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte."

(Foto: REUTERS)

Nach dem jüngsten Zinsschritt nimmt sich EZB-Chef Jean-Claude Trichet Zeit für ein Exklusiv-Interview mit n-tv. Im Gespräch mit Börsenkorrespondentin Katja Dofel schildert er seine Sicht auf die Eurozone, die Zukunft des Euro und die Rolle der Ratingagenturen.

Mit ihren Herabstufungen haben die Bonitätsprüfer den Zorn europäischer Spitzenpolitiker auf sich gezogen.

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Im Gespräch mit Katja Dofel: Jean- Claude Trichet.

Vor allem die drei großen Ratingagenturen Standard & Poor’s (S&P), Moody's und Fitch stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Vor allem den einflussreichen US-Analysten wird vorgeworfen, durch die Abwertung der Kreditwürdigkeit von Ländern wie Griechenland und Portugal die politischen Bemühungen um einen Schuldenabbau zu torpedieren. Nicht nur innerhalb Europas werden die Stimmen immer lauter, die nach einer europäischen Ratingagentur rufen.

Im Gespräch mit forderte Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), ein Ende des "Oligopols der Ratingagenturen". Problematisch sei, dass eine kleine Gruppe privater Unternehmen die Stimmung in der internationalen Gemeinschaft beeinflussen könne. "Nicht nur wir Europäer, sondern die gesamte internationale Gemeinschaft muss sehr genau auf die prozyklischen Aspekte der Ratingagenturen schauen", betonte Trichet. Die Analysten hätten die Tendenz, Hochs zu verstärken und die Tiefs zu dramatisieren. Ihre Ratschläge könnten daher Boom- und Schwächephasen verschärfen.

Herrschaft der Wenigen

Um dieses Problem zu lösen, sprach sich Trichet für einen internationalen Ansatz und mehr Wettbewerb in der Branche der Bonitätsprüfer aus: "Je mehr Ratingagenturen sie haben, je umfangreicher ihre Struktur ist, desto weniger negativen Einfluss haben diejenigen, die mit diesem in Verbindung gebracht werden", erklärte Trichet bei n-tv. "Das wichtigste wäre, dass wir eine Institution hätten, die glaubwürdig wäre", sagte er im Hinblick auf die Diskussion um die Gründung einer europäischen Ratingagentur.

In jedem Fall müsse sichergestellt werden, dass es "dort keine Interessenskonflikte" gebe und "ethische Regeln" beachtet würden. Zudem müsse Europa die Aufsicht über die Ratingagenturen stärken. "Es muss volle Transparenz und eine gewährleistet sein." Gleichzeitig erinnerte Trichet daran, "dass wir in einer Marktwirtschaft leben". Ratingagenturen seien privat finanzierte Unternehmen. Es sei nicht einfach dieses System zu verändern. Zwar kursierten derzeit viele Ideen, schränkte der EZB-Chef ein. Doch "einfache Lösungen" gebe es hier nicht. "Das ist kein europäisches, sondern ein globales Problem", sagte Trichet bei n-tv.

Europa funktioniert als Ganzes

Die wirtschaftliche Lage der Eurozone beschrieb der EZB-Chef insgesamt als sehr robust. Grundsätzliche Zweifel an dem Konzept einer Währungsunion ökonomisch unterschiedlich starker Staaten wies er zurück.

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Scheidet im Herbst aus dem Amt: EZB-Präsident Trichet.

(Foto: REUTERS)

Ein vergleichender Blick in Richtung Vereinigte Staaten belege, dass ein weit gespannter Währungsraum insgesamt durchaus erfolgreich funktionieren kann. Angesichts der aktuellen Probleme sprach sich Trichet für eine bessere Zusammenarbeit in Europa aus: "Das Problem ist, die Wirtschaftspolitik in den einzelnen Ländern zusammenzufassen [...] Deshalb ist es so wichtig, die Zusammenarbeit unter den Regierungen zu verbessern."

Stabilität im Geldbeutel

Die gemeinsame europäische Währung, den Euro, verteidigte der EZB-Präsident als Erfolgsgeschichte, : "In den ersten zwölf Jahren des Euros brachten wir für alle 331 Millionen Bürger stabile Preise, das heißt weniger als 2 Prozent Inflation, aber nahe an der Marke von 2 Prozent", hob der gebürtige Franzose hervor. Für die Deutschen seien es sogar nur 1,5 Prozent gewesen.

"Das ist ein besseres Ergebnis als jede andere Phase von zwölf Jahren in Deutschland, die es in den vergangenen 50 Jahren gegeben hat", betonte Trichet. Die Zahlen zeigten, der Euro sei "eine Erfolgsgeschichte."

Quelle: ntv.de, n-tv

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