Wirtschaft

"So kann man mit uns nicht umgehen" Tuifly-Piloten fürchten Jobabbau auf Raten

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Tausende Passagiere sitzen fest: Weil die Mitarbeiter von Tuifly Jobverluste befürchten, melden sie sich massenhaft krank.

(Foto: imago/Becker&Bredel)

Wegen der Flugausfälle bei Tuifly und Air Berlin hängen Tausende Passagiere fest. Die Politik fordert ein Ende des Chaos-Streiks. Doch das ist nicht in Sicht: Die Mitarbeiter fürchten die schleichende Abwicklung ihrer Arbeitsplätze.

Wenn Minister in der "Bild"-Zeitung ein Thema ansprechen, ist es dringend. Für gewöhnlich entfalten Probleme dann solche Wucht, dass die Politik eingreifen muss. Bei dem wilden Streik, der seit Tagen bei Tuifly und Air Berlin tobt, war es am Freitag so weit. Der größte deutsche Ferienflieger hat alle Flüge gestrichen. Tausende Passagiere hängen fest. "Das ist keine akzeptable Situation. Die Airlines müssen ihrer Verantwortung gegenüber den Fluggästen nachkommen", sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt der Zeitung. "Interne Konflikte müssen am Verhandlungstisch ausgetragen werden und nicht auf den Rücken der Passagiere."

Dutzende Flüge sind in den vergangenen Tagen ausgefallen. Offiziell streiken die Crews aber gar nicht. Sie melden sich kurzfristig krank. Mag sein, dass sich einige Flugbegleiter oder Piloten wirklich nicht fit genug fühlen, um zu fliegen. Vielen dürfte allerdings auch wegen der Umbaupläne übel geworden sein, die beide Airlines verkündet haben. Die Arbeitsverweigerung ist wohl die Retourkutsche der Mitarbeiter für das Management.

Die Chefs wollen die Ferienflieger von Tuifly und Air Berlin in einem neuen Verbund zusammenlegen. Die Idee ist Teil des Plans zur Rettung von Air Berlin, der ohne Umbau die Pleite droht. Die zweitgrößte deutsche Airline gibt einige Maschinen an die Lufthansa ab. Zugleich legt sie ihr Touristik-Geschäft mit Tuifly zusammen, um noch mehr Kosten zu sparen.

Die gestrandeten Urlauber können nicht hoffen, dass der wilde Streik allzu bald endet. Denn die Mitarbeiter von Air Berlin und Tuifly sehen in dem Deal den Versuch, sie in eine neue Billig-Tochter abzuschieben, in der erst ihre Löhne gedrückt und ihre Jobs dann leise und günstig abgewickelt werden, falls es nötig wird.

Jobkahlschlag mit anonymer Stiftung?

Die Belegschaft fühlt sich vom Management überfahren. "Es ist einmalig, dass man solche Pläne lanciert,ohne zu sagen wie es mit den Mitarbeitern weitergeht oder sie in irgendeiner Form einzubinden", sagt Nicoley Baublies von der Flugbegleitergewerkschaft Ufo zu n-tv.de. Die Unsicherheit ist riesig. Denn was die geplante Verschmelzung der Fluglinien für die Mitarbeiter bedeutet, hat das Management nicht gesagt. Auch auf Anfrage von n-tv.de wollte Air Berlin dazu Stellung nehmen.

Die Beschäftigten müssen sich die Folgen alleine ausmalen. "Der einzige Sinn der Zusammenlegung von Fluglinien mit verschiedenen Tarifverträgen kann nur darin bestehen, die Gehaltsvereinbarungen aufzuweichen oder ganz abzuschaffen. Wir rechnen schlimmstenfalls auch mit massivem Jobabbau", sagt Baublies.

Tuifly hat zwar zugesichert, dass es keine Einschnitte bei den Gehältern geben und Tuifly für mindestens drei Jahre eine deutsche Gesellschaft bleiben soll. Doch die Belegschaft traut dem Frieden nicht. Denn in einem Brief an die Mitarbeiter hat Tuifly-Chefaufseher Henrik Homann schon im September geschrieben, dass Tuifly künftig einen anderen Mehrheitseigner bekommen soll.

Die Mitarbeitervertreter wollen von Details des Modells bereits Wind bekommen haben: Demnach soll Tuifly an eine neue Holding in Österreich übertragen werden, an der sich TUI und die Air-Berlin-Mutter Etihad mit jeweils nur noch 25 Prozent beteiligen. Größter Anteilseigner soll mit 50 Prozent eine österreichische Stiftung werden.

Die Gewerkschafter sehen in der neuen Struktur den Startschuss für den Jobkahlschlag. Sie fürchten, dass in der Holding die Tarifverträge der Tuifly mittelfristig nach unten angeglichen werden sollen, wenn die dreijährige Übergangsfrist vorbei ist. Das Modell hat Lufthansa mit ihrer Billig-Tochter Eurowings vorgemacht.

Auch an den dauerhaften Erhalt der Arbeitsplätze glauben die Mitarbeitervertreter nicht. Sie fürchten, dass die Beschäftigten über den neuen Verbund in Österreich auf Raten abgewickelt werden sollen. Denn wenn weder TUI noch Etihad an ihrer gemeinsamen Holding eine Sperrminorität halten, können sie Massenentlassungen künftig nicht verhindern. Angesichts der Überkapazitäten im europäischen Fluggeschäft dürften die Airlines auf Dauer am Stellenabbau auch kaum herumkommen.

Für die fast zehntausend festsitzenden Passagiere bedeutet das alles nichts Gutes. Denn angesichts der Zukunftsaussichten der Belegschaft drohen bei Tuifly und Air Berlin nun zähe Kämpfe zwischen Chefetage und Betriebsräten. Am Montag soll es bereits weitere Gespräche geben. "Tuifly und Air Berlin müssen jetzt schnell und öffentlichkeitswirksam demonstrieren, dass sie begriffen haben, dass sie mit den Beschäftigen so nicht umgehen können", sagt Ufo-Pressesprecher Nicoley Baublies. Die endgültige Entscheidung über die Zukunft der Tuifly haben Management und Arbeitnehmervertreter auf Mitte November vertagt.

Quelle: ntv.de

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