Wirtschaft

Ein Märchen aus der Automobilwelt Volkswagen: Alles ist möglich, oder?

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"König" Winterkorn will Volkswagen zum "größten Königreich" in der Automobilwelt machen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Jeder kennt sie, jeder liebt sie: die Märchen der Gebrüder Grimm. Sie basieren auf von Mund zu Mund weitergegebenen Geschichten. Reale Bezüge kommen daher nicht von ungefähr - erst recht, wenn es um die Automobilindustrie geht. "Es war einmal ..."

"Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss. Wie er es mit dem Kuss berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an ..."  Wer glaubt, dieses Märchen der Gebrüder Grimm hätte keine realen Bezüge, der irrt. Auch in der deutschen Automobilindustrie findet man solche märchenhafte Schicksale, manche renommierte deutsche Automarke hat eine ähnliche Entwicklung genommen wie unser Dornröschen im Märchen.

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Helmut Becker.

Das Drehbuch folgt dabei immer der Grimmschen Dramaturgie: Ein an sich tradiertes Automobilunternehmen ist selbstverschuldet im Tiefschlaf versunken (und steht mitunter kurz vor dem Exitus). Danach erscheint als Retter der mutige und taffe Königssohn, nachdem alle seine Vorgänger qualvoll in der Dornenhecke zu Tode gekommen waren. Nachdem eine milde Hand die Hecke in ein Blumenbeet verwandelt hat, betritt er das verwunschene und tief schlafende Schloss, küsst Dornröschen wach und führt es zurück auf den Thron. Und alle ringsum, Bedienstete, ja selbst das ganze Land, wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht und machen sich, erheblich emsiger als zuvor, an die Arbeit.

Dornröschen BMW

Sucht man in der deutschen Automobilgeschichte nach Parallelen, fällt einem als Erstes der heutige Shooting Star der Branche, die BMW AG, ein. Das Unternehmen stand 1959 trotz vieler Meriten vor der Übernahme durch Daimler Benz. Bis dann mit Hilfe von Kleinaktionären und tatkräftiger Unterstützung der Bayrischen Staatsregierung "die Dornenwand" beiseitegeräumt wurde und Herbert Quandt als junger und mutiger Investor das Unternehmen "wachküsste" sowie die Rettung des Unternehmens und einen Siegeszug ohnegleichen einleitete.

1970 legte er das Zepter in die Hände des jungen und charismatischen Eberhard von Kuenheim, der bis 1993 die Chance der Regentschaft nutzte, aus der hübschen, aber noch ungeschliffenen Königstochter BMW eine stattliche und weise Königin zu machen.

Dornröschen Volkswagen

Noch spektakulärer verlief die Lebenslinie von Dornröschen Volkswagen, geboren am 28. Mai 1937 in der "Wolfsburg" als Tochter von König Ferdinand Porsche und erzogen durch Werkleiter Anton Piech. Nach dem Krieg erfolgte der fulminante Aufstieg zum Platzhirsch im Wirtschaftswunderland Deutschland und in Europa. 1972 wurde unser "Volks-Dornröschen" sogar Produktionsweltmeister, weil es mit bis dahin 15 Millionen produzierten VW Käfern den Rekord von Fords "Blechliesel" (Modell T) einstellte.

In den USA stieß unser Dornröschen in den 1980ern aber auch in die giftige Spindel des aufkommenden Wettbewerbers Toyota. Dornröschen zog sich ins heimische Schlafgemach zurück und fiel alsbald in Tiefschlaf. Die Dornenhecke begann zu wuchern, bis fast der Hahn auf dem Turm nicht mehr zu sehen war.

Da nahte 1993 in größter Not mit Ferdinand Piech ein junger, technikbesessener entfernter Enkel des alten Königs und rettete das Schloss vor dem Verfall. Er küsste Dornröschen wach, erneuerte die Mauern und fügte eine Remise nach der anderen dem Schloss hinzu - ungeachtet der Kosten und mit ständig zunehmender und gut bezahlter Dienerschaft. Denn er hatte aus der Gründungsurkunde seiner Dynastie entnommen, dass ohne zufriedene Dienerschaft kein König lange auf dem Thron bleiben kann. Umgekehrt blickten die Diener aller umliegenden Königreiche neidvoll auf ihre wohlbestallten Kollegen in der "Wolfsburg".

Dornröschen reloaded

Die Folge dieser Politik war, dass trotz wachsenden Weltmarkts die Produktion von Volkswagen nur schwach, ab dem Jahre 2000 dann überhaupt nicht mehr expandierte. Die Gewinne des Unternehmens begannen vor sich hin zu dümpeln. Die Kluft zum rasch expandierenden Wettbewerber Toyota wurde wieder größer und das Königreich Wolfsburg bis 2005 zum Übernahmekandidaten von Hedgefonds. 

Da trat der Ehren-König wieder auf den Plan, der amtierende König wurde abgesetzt und durch einen neuen mit viel Dynamik und ähnlicher Technikbesessenheit, wie er selbst sie aufwies, ersetzt.

Martin Winterkorn, zuvor Prinzregent in Ingoldstadt, trat auf den Plan. Und damit begann das Märchen von Dornröschen aufs Neue. Der neue König gab Dornröschen die Frische und Lebensfreude seiner Wirtschaftswunder-Jugend zurück. Die Produktion wurde binnen kürzester Zeit von 5,6 Millionen im Jahr 2006 auf 9,2 Millionen 2012 hochgefahren. Der Abstand zur Weltspitze um Toyota und General Motors schrumpfte auf wenige Hunderttausend Automobile. Gleichzeitig verbesserten sich sämtliche Ertragskennzahlen, wie etwa die Produktivität und auch die Marge. 

Seit seiner Inthronisierung 2006 gelang es König Winterkorn, den Umsatz des gesamten Reiches bis 2012 auf 193 Milliarden Euro fast zu verdoppeln, das operative Ergebnis auf 11,5 Milliarden Euro sogar fast zu verdreifachen und den Konzerngewinn von 2,75 Milliarden Euro auf rund 22 Milliarden Euro nahezu zu verzehnfachen. Die Wirtschaftlichkeit des eigentlichen Schlossbetriebes, der Volkswagen AG mit der gleichnamigen Kernmarke, verbesserte sich ebenfalls dramatisch von 506 Millionen Euro auf 3,2 Milliarden Euro. Fürwahr eine märchenhafte Entwicklung.

Gibt es das Happy End?

Volkswagen ist heute mit insgesamt zwölf Marken der größte Automobilhersteller Europas und drittgrößter der Welt. Während Toyota, 1937 gegründet, systematisch die Welt eroberte - ab 1985 mit dem griffigen Slogan: "Nichts ist unmöglich"- und dabei die Periode des Tiefschlafs von Volkswagen gnadenlos ausgenutzt hat, muss sich jetzt VW dem Imperativ seines Königs stellen: "Wir wollen den Volkswagen-Konzern bis 2018 an die Weltspitze der Automobilindustrie führen".

König Winterkorn setzt bei der Aufholjagd vor allem auf die Wachstumsmärkte in Übersee. Im Zentrum der Expansion steht insbesondere China, wo Volkswagen die Kapazitäten bis 2018 von heute knapp 3 Millionen verkauften Autos auf 4 Millionen erhöhen will. Dazu eröffnet Volkswagen fast im Quartalsrhythmus bis 2015 in China neue Werke, deren Anzahl von aktuell 8 auf 14 steigen soll.

Weltmarktführer Toyota verkauft dagegen in China bisher knapp 1 Million Automobile und betreibt dort nur 3 Fabriken. Der Marktanteil von Toyota in China ist von rund 11 Prozent 2008 auf etwa 6 Prozent 2012 gesunken. Der von Volkswagen hat sich von 17 auf 18 Prozent erhöht - Tendenz weiter steigend. 

Umgekehrt verkauft Toyota in den USA etwa 2,5 Millionen Autos und hat dort einen Marktanteil von 14,4 Prozent, während Volkswagen lediglich auf einen Absatz von rund 500.000 Automobilen kommt, bei einem Marktanteil von vergleichsweise geringen 3 Prozent. Der Abstand zwischen VW und Toyota ist also in den USA ähnlich groß wie in China, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Was bedeutet das jetzt für die Eroberungsstrategie von König Winterkorn und seiner Zielsetzung, bis 2018 das mächtigste Königreich in der Automobilwelt zu regieren? Zum einen, dass alle Expansionsträume auf dem chinesischen Markt in Erfüllung gehen müssen, und das Königreich Toyota dort - aus welchen Gründen auch immer - nicht aufholen kann. Zum anderen, dass der heutige  Absatzrückstand von Volkswagen auf dem US-Markt nicht größer wird, sondern dass es dem Konzern gelingt, den amerikanischen Markt seiner Reputation angemessen zu durchdringen. Mit dem Bau eines ersten Werkes in Chattanooga in Tennessee und der Konzeption eines"amerikanischen" Passats sind die ersten Grundsteine gelegt.

Gemessen an den acht Werken von Toyota in Nordamerika und einem viermal so großen Absatz von inzwischen wieder etwa 2 Millionen Fahrzeugen scheinen die Weltmarktziele von VW aber kaum erreichbar. Bislang konzentriert sich VW einseitig auf China, weil Wachstum dort leichter zu realisieren ist. Ohne eine stärkere Marktdurchdringung in den USA wird das Königreich Wolfsburg den japanischen Rivalen kaum vom Thron stoßen können. Und auch Hyundai aus Korea hat königliche Träume. Es gilt also: Nichts ist unmöglich, alles ist möglich - oder?

Quelle: n-tv.de

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