Wirtschaft

Alstom ziert sich Warum Paris mit Siemens flirtet

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Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg.

(Foto: REUTERS)

Um einen Deal zwischen Alstom und General Electric zu verhindern, ruft die französische Regierung Siemens um Hilfe. In Paris heißt es: Lieber die Deutschen als die Amerikaner. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist aber schlüssig.

Die Zeiten haben sich geändert. Vor knapp zehn Jahren rettet die französische Regierung den taumelnden Alstom-Konzern mit Milliardenspritzen und verhindert mit aller Macht, dass Siemens beim Konkurrenten einsteigt. Doch nun kommen aus Paris ganz andere Töne.

Grund ist eine Offerte aus Übersee. Der US-Gigant General Electric (GE) will die Energiesparte der Franzosen übernehmen. Während das Alstom-Management das für eine gute Idee hält, ist die französische Regierung ganz anderer Meinung. Wenn der Großteil von Alstom von den USA aus geführt werde, sei das "inakzeptabel", sagt Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg. Französische Unternehmen seien "kein Freiwild". Alstom sei ein Symbol "unserer industriellen Stärke und der französischen Erfindungsgabe."

In der Zeitung "Le Monde" sprach er von "patriotischer Sorge und Wachsamkeit." Es gelte, den Industriestandort Frankreich zu stärken. Es gehe zudem um Arbeitsplätze. 18.000 Menschen - rund ein Fünftel der Belegschaft - arbeiten in Frankreich für Alstom. Zweifellos, für Frankreichs Regierung ist das milliardenschwere Angebot von GE eine Frage von nationaler Bedeutung. Sie fürchtet, dass ein großer Spieler im wichtigen Energiesektor unter amerikanische Kontrolle gerät. Zudem macht die Energiesparte, die Kraftwerksturbinen baut, drei Viertel des Geschäfts des Konzerns aus.

Warum Siemens?

Und deshalb ermunterte die französische Regierung Siemens, eine Gegenofferte abzugeben. Das klingt zunächst widersinnig, denn auch dadurch verliert Alstom seine wichtige Energiesparte. Doch Siemens-Chef Joe Kaesers Angebot ist weitaus attraktiver als das von GE - zumindest aus Sicht von Paris.

Im Kern schlägt Siemens einen Deal vor, der eher nach strategischer Partnerschaft als nach Übernahme aussieht. Die Deutschen wollen zwar wie die Amerikaner die Energiesparte kaufen. Aber sie würden im Gegenzug einen Großteil der Schienensparte an die Franzosen abgeben. Um Alstom soll dann ein europäischer Transport-Riese entstehen, um Siemens ein Energie-Riese - beide mit weltweiter Bedeutung. Zudem garantiert Kaeser, in den kommenden Jahren keine Arbeitsplätze in Frankreich abzubauen.

Börsianer skeptisch

Das ist ganz im Sinne der Pariser Regierung, denen der deutsch-französische Flugzeughersteller Airbus als leuchtendes Beispiel vorschwebt. Bei so manchem Börsianer stößt das allerdings auf wenig Gegenliebe. "Ein 'Airbus der Energiebranche' wird die selben Anlaufprobleme haben" sagt ein Händler. Es komme zu viel Industriepolitik ins Spiel. Bei Airbus müssten Entscheidungen ungefähr so diplomatisch abgestimmt werden wie bei den Vereinten Nationen, klagt ein anderer. Doch bei allen Bedenken: Airbus ist ein erfolgreicher Konzern.

Das ist wohl auch die Sicht der Bundesregierung. Kanzleramtsminister Peter Altmaier hatte sich in seiner Zeit als Umweltminister mehrfach für deutsch-französische Konsortien im Energiebereich ausgesprochen. Die Politik wolle hilfreich sein, wenn sich Akteure der Energiewirtschaft "wie bei Airbus" zusammenschließen möchten, sagte der CDU-Politiker im vergangenen Sommer.

Politische Rückendeckung ist allerdings nicht alles. Mit Alstom-Chef Patrick Kron hat ein möglicher Siemens-Deal einen mächtigen Gegner. Deshalb erhöht Paris den Druck auf den Manager. Montebourg erinnerte ihn daran, dass Alstom vor allem von öffentlichen Aufträgen lebe und auch bei Exporten staatliche Unterstützung erhalte. Das Unternehmen stellt den Hochgeschwindigkeitszug TGV für die Staatsbahn SNCF her und beliefert den Kraftwerksbetreiber EdF.

Die öffentliche Meinung tendiert ebenfalls in Richtung andere Rheinseite. "Wenn ein französischer Unternehmenschef die Wahl zwischen einem Auto von Ford oder BMW oder einer Waschmaschine von Whirlpool oder Bosch habe, werde er sich immer für die deutsche Zuverlässigkeit entscheiden", schreibt die liberale "Le Monde". Aber wenn es um den Verkauf seines Unternehmens gehe, sei genau andersherum. Dann wähle er lieber den "schön daher redenden Cowboy als den soliden Teutonen". Auch der konservative "Figaro" springt in dieser Frage der sozialistischen Regierung bei. Die Zeitung "JDD" stellt in diesem Zusammenhang fest: Die Sache habe bereits die Dimensionen eines "nationalen Psychodramas".

Quelle: n-tv.de, mit rts, dpa

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