Wirtschaft

Ökonomen spielen Szenarien durch Wie die Ukraine-Krise Deutschland belastet

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März 2014: Ein Händler schaut im Handelssaal der Frankfurter Börse auf seine Monitore. Im Hintergrund berichtet n-tv über die Krise auf der Krim.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ukraine-Krise schürt viele Ängste. Gefürchtet werden vor allem ein offener Krieg mit Russland sowie eine Ausweitung der Sanktionen. Kommt es zum Äußersten, wird es für Unternehmen richtig teuer.

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Im Ukraine-Konflikt überschlagen sich die Ereignisse wieder. Die Kämpfe zwischen ukrainischen Soldaten und prorussischen Separatisten gehen unvermindert weiter. Und während die Wirtschaft unter dem Krieg ächzt, geht der zuständige Minister Pawlo Scheremeta von Bord.

Die größte Sorge internationaler Beobachter ist, dass Russland den prorussischen Milizen zu Hilfe eilt und ein offener Krieg zwischen den Ländern entbrennt. Auch die Aktienanleger sind verunsichert. Jede Zuspitzung der Lage kostet die Börse Punkte.

Ein Ende des seit vier Monaten tobenden Konflikts ist trotz aller diplomatischen Bemühungen nicht absehbar. Auch die Ökonomen der DZ Bank räumen der Möglichkeit, dass es zu einem raschen Waffenstillstand kommt, lediglich eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit ein. Die Frage ist, wie es weitergeht. Die Bankexperten spielen verschiedene Eskalationsstufen durch.

Hauptszenario: Die Lage beruhigt sich langsam

Am wahrscheinlichsten ist für sie, dass der Konflikt in den kommenden Monaten an Schärfe verliert. Sie gehen zwar davon aus, dass die Kämpfe weitergehen, es aber nicht zu dem befürchteten offenen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine kommt. Das Sanktionsregime bleibt in Kraft, wird aber nicht weiter verschärft, und die ukrainischen Truppen bekommen allmählich die Oberhand über die Separatisten.

Entwickelt sich die Ukraine-Krise so, wie in diesem Szenario angenommen, dürften sich auch die Finanzmärkte beruhigen. Gleichzeitig werden aber die bestehenden Wirtschaftssanktionen ihre negativen Spuren nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland und im gesamten Euro-Raum entfalten. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland dürfte nach Ansicht der Ökonomen relativ schwach bleiben, sich dafür aber im zweiten Halbjahr gegenüber dem Frühjahr wieder etwas erholen.

EZB hält an ihrer Strategie fest

Solange sich die Auswirkungen der Ukraine-Krise in Grenzen halten, dürfte sich Europäische Notenbank EZB unbeeindruckt zeigen. Trotzdem werden Wertpapierkäufe von der Zentralbank nach Ansicht der Bankexperten aber wohl ein Thema bleiben. Deshalb dürften die Renditen der Bundesanleihen auf Sicht der kommenden Monate auch bei rund einem Prozent verharren, wie sie schreiben.

Erholt sich die Wirtschaft im Jahresverlauf, werden Wertpapierkäufe kein Thema mehr sein und die Bundrenditen allmählich auch wieder leicht ansteigen. Auf Sicht von zwölf Monaten rechnen die Experten mit einem erholten Renditeniveau der zehnjährigen Bundesanleihen von rund 1,6 Prozent.

Schwierig ist bei diesem Szenario, dass der Konflikt zwischen der Ukraine und den pro-russischen Separatisten latent weiterschwelt. Das bedeutet, dass er auch jederzeit wieder aufflammen kann. Außerdem werden bei einer monatelangen Hängepartie ohne eine weitere Eskalation zwischen den Konfliktparteien die Wirtschaftseinbußen größer.

Eskalationsstufe: Neue Sanktionen kosten Wachstum

Hält die Unsicherheit noch lange Zeit an, könnten auch die Kämpfe eskalieren. Das ist das zweitwahrscheinlichste Szenario der Experten. Für diesen Fall rechnen sie damit, dass die EU und die USA ihre Sanktionen ausweiten werden. Wird unter diesem zunehmenden Druck keine diplomatische Lösung gefunden, werden die wirtschaftlichen Folgen zu spüren sein. Es könnten auch noch Investitionsgüter auf die EU-Sanktionsliste gesetzt werden. Das würde die deutschen Maschinenbauer belasten.

Die für dieses Jahr erwartete Erholung fällt in diesem Szenario endgültig aus. Im zweiten Halbjahr wäre dann nur noch mit leicht positiven Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Eine deutliche Besserung sehen die Experten der Bank auch im ersten Halbjahr 2015 noch nicht. Bei diesem Fall wird für 2014 lediglich mit einem Wachstum von 1,3 Prozent (statt 1,5 Prozent beim Hauptszenario) und für 2015 mit 0,7 Prozent (statt 1,3 Prozent) gerechnet. Auch im Euroraum wären die negativen Effekte deutlich spürbar.

Die merklich schwächere Konjunktur würde nach Ansicht der Ökonomen auch auf die Inflationsentwicklung durchschlagen. Mit einem nochmaligen Rückgang der Preissteigerungsrate in Deutschland und dem Euroraum würde auch die Deflationsdebatte neue Nahrung erhalten. Für die Finanzmärkte würde das Szenario bedeuten, dass die Volatilität wieder zunehmen würde. Anleger würden wieder in die vermeintlich sicheren Häfen der Bundesanleihen fliehen. Und die zehnjährigen Bundrenditen dürften auf ein Niveau von deutlich unterhalb von einem Prozent fallen.

Trotzdem dürfte die EZB nach Aussage der DZ-Banker mit dem Kauf von Wertpapieren abwarten. Erst wenn sich abzeichnet, dass aufgrund der Dauer der Auseinandersetzung die Stimmungsindikatoren noch einmal sinken und die realwirtschaftliche Entwicklung noch verhaltener als erwartet verläuft, dürften auch Forderungen nach einer weitreichenden Lockerung des geldpolitischen Kurses aufflammen, heißt es in dem Papier.

Das Worst Case-Szenario

Der Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine wird von den Bankexperten bisher fast völlig ausgeschlossen. Für den Fall, dass das Negativszenario aber dennoch eintritt, rechnen die Ökonomen bereits in der zweiten Jahreshälfte für Deutschland sowie die gesamte Eurozone mit einer Rezession. Das Wirtschaftklima wird dann weiter einbrechen, die Unternehmen werden ihre Investitionsausgaben so weit wie möglich zurückfahren, schreiben die DZ-Banker.

Auch der private Konsum wird unter der politischen wie wirtschaftlichen Unsicherheit leiden, heißt es. Dass sich die Wirtschaft in diesem Fall bereits im kommenden Jahr erholen wird, halten die Autoren für unwahrscheinlich. Bisher ist dies jedoch - zum Glück - nur ein Szenario auf dem Papier.

Quelle: ntv.de

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