Wirtschaft

Verfrühte Freudentränen Zehn Jahre Holzmann-Rettung

2no50104.jpg941351206604126765.jpg

Tränen der Freude über die Rettung des Arbeitgebers: Bauarbeiter weinen, nachdem sie stundenlang in der Kälte ausgeharrt hatten.

(Foto: dpa)

Vor Freude weinende Bauarbeiter und "Gerhard, Gerhard"-Rufe: Vor zehn Jahren verkündete Schröder die Rettung des Bauriesen Holzmann. Wenig später schlittert das Unternehmen in die Pleite.

Das Holzmann-Imperium schien gerettet: Doch schon wenige Jahre später war der Baukonzern endgültig verloren. Das Unternehmen rutschte 2002 mit weltweit 23.700 Beschäftigten in eine der spektakulärsten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte - trotz aller Bemühungen vor allem des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

Stundenlang hatten die Bauarbeiter am 24. November 1999 in der nassen Frankfurter Kälte ausgeharrt, um endlich Kanzler Schröder hochleben zu lassen. Nach seinen markigen Worten "Liebe Freunde, wir haben es geschafft!" schallten Jubelstürme und "Gerhard, Gerhard"- Rufe durchs Bankenviertel, in dem auch der traditionsreiche Bauriese Philipp Holzmann sein Hauptquartier hatte.

Weinende Bauarbeiter

Geschafft hatte Schröder in diesem Augenblick, die Insolvenz des bis dahin größten deutschen Baukonzerns abzuwenden und nicht weniger als 19 Banken auf ein milliardenschweres Sanierungskonzept einzuschwören, das auch einen Kredit und eine Bürgschaft des Bundes über zusammen 250 Millionen Mark (gut 125 Millionen Euro) enthielt. Hartgesottene Bauarbeiter brachen in Tränen aus, und der Holzmann-Betriebsratschef Jürgen Mahneke freute sich: "Heute ist für uns Weihnachten."

2no50101.jpg8300067933773493834.jpg

Gerhard Schröder wurde für seine Bemühungen um den Baukonzern gefeiert.

(Foto: dpa)

Von langer Dauer war die Rettung allerdings nicht. Keine zweieinhalb Jahre später musste eine bereits arg geschrumpfte Philipp Holzmann AG erneut Insolvenz anmelden und ging diesmal für immer in die Pleite. Die Banken unter der Führung des Hauptgläubigers Deutsche Bank hatten es nicht geschafft, das über mehrere hundert Tochtergesellschaften verzweigte Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen.

Restrukturierung verpasst

Die Gründe für den Niedergang des Weltkonzern mit dem weißen H auf rotem Grund wurzelten im frühen Erfolg der Frankfurter. Bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert hatten sich die Holzmänner - angestoßen vom Dauerpartner Deutsche Bank - auf das internationale Parkett gewagt und mit dem Bau der Bagdad-Bahn den Grundstein ihres langjährigen Erfolges gelegt. Es folgten Stadien, Brücken, Häfen und Kraftwerke in aller Welt - und auch in Deutschland hat Holzmann berühmte Bauwerke erschaffen: Das Hamburger Rathaus zählt ebenso dazu wie die Alte Oper in Frankfurt, der Nord-Ostsee-Kanal oder der Hindenburgdamm nach Sylt.

Anders als seine Wettbewerber investierte Holzmann seine Gewinne in den 1990er-Jahren aber nicht mehr in die Restrukturierung des aufgeblähten Apparats und finanzierte weltweit waghalsige Projekte auf eigenes Risiko. Als Ende 1997 Vorstandschef Lothar Mayer das Unternehmen verließ, stand die Schuldenuhr bereits auf 3,2 Milliarden Mark (gut 1,6 Milliarden Euro). Weitere Milliardenlöcher und operative Verluste taten sich in den Folgejahren unter dem glücklosen Vorstandschef Heinrich Binder auf.

Rettungsversuche kamen zu spät

Die Bundesbürgschaft ist tatsächlich nie in Anspruch genommen worden. Die Holzmann-Pleite taugt daher nach Ansicht des damals mitten im Getümmel stehenden IG-BAU-Chefs Klaus Wiesehügel auch nicht als Argument gegen Staatshilfen. Letztlich seien die Rettungsversuche für Holzmann viel zu spät gekommen: "Das Management hat die Situation verpennt und dafür die Quittung bekommen. Man hätte zwei bis drei Jahre früher ansetzen müssen."

Mehr als 23.000 Arbeitsplätze hatte Holzmann inklusive seiner Nachunternehmen zum Zeitpunkt der Pleite im März 2002 noch. Der Frankfurter Insolvenzverwalter Ottmar Hermann hält sich zugute, davon mindestens 80 Prozent gerettet zu haben, indem er profitbringende Konzernteile wie etwa die Deutsche Asphalt oder die Holzmann Service-Gesellschaft (HSG) an die vormalige Konkurrenz verkaufte.

Abwicklung dauert noch an

Dem Bankenkonsortium handelte der erfahrene Wirtschaftsanwalt immerhin noch 210 Millionen Euro für die Insolvenzmasse ab. Mit dieser Zahlung aus dem Jahr 2007 ersparten sich die Institute langwierige Zivilprozesse um ihre Rolle in dem von Schröder angeschobenen Rettungsversuch. Die Banken hätten viel zu spät die Misere erkannt und das Vermögen der Gläubiger unnötig geschädigt, lautete im Rückblick der Vorwurf des Insolvenzverwalters.

Sieben Jahre nach der Pleite schüttete er den rund 9000 Gläubigern eine erste Tranche von rund 84 Millionen Euro aus. Dies entspreche etwa 5 Prozent der Forderungen, meinte Hermann und kündigte Nachschläge an. Bis zur vollständigen Abwicklung des einstmals größten deutschen Bauunternehmens könne es wegen schwebender Rechtsstreitigkeiten noch Jahre dauern.

Quelle: n-tv.de, Christian Ebner, dpa