Kolumnen

Per Saldo Angst vor der toten Katze

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Springt die Katze aus freien Stücken - oder wird nachgeholfen?

(Foto: REUTERS)

Mit einem Rekordwachstum meldet sich die deutsche Wirtschaft zurück. Begleitet wird die Schampuslaune von Gewinnsprüngen der großen Industriekonzerne. Es ist an der Zeit, etwas Wasser in den Wein zu gießen.

"Selbst eine tote Katze hüpft noch, wenn sie nur aus ausreichender Höhe fallen gelassen wird", heißt eine zynische Börsenweisheit. Wenn auf dem Parkett der Kurs einer Aktie auf dem steilen Weg in den Keller zwischendurch noch einmal kräftig anzieht, sprechen abgebrühte Händler deshalb vom berüchtigten "Dead Cat Bounce". Nicht nur Börsianer kennen dieses kurze Aufbäumen vor dem endgültigen Weg nach unten. Die Amerikaner fürchten etwa dieser Tage ein erneutes Abrutschen in die Rezession, den "double dip", doch auch die deutsche Wirtschaft sollte sich nicht in allzu großer Sicherheit wiegen.

Zugegeben, die jüngsten Wachstumszahlen sind beeindruckend. Um 2,2 Prozent ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2010 gewachsen, so stark wie nie im vereinigten Deutschland. "Wir erleben derzeit einen Aufschwung XL", entzückt sich Wirtschaftsminister Brüderle, "Das ist der Wahnsinn", attestieren sonst eher trockene Bankenvolkswirte. Ein Blick in die Bücher der großen Dax-Konzerne verrät, dass sich die Erholung auf breiter Front durch fast alle Sparten zieht: Maschinenbau, Stahlkocher, Autokonzerne. Lange ist es nicht her, da standen Unternehmen dieser Branchen gefühlt unmittelbar vor dem Abgrund. Heute sind sie jedoch nicht den sprichwörtlichen Schritt weiter, sondern – wie über eine Zauberbrücke – auf der anderen Seite des Jammertals gelandet. War es das mit dem Konjunktureinbruch? Ist die größte Wirtschaftskrise seit der Großen Depression ausgestanden? Schön wär's, aber viel spricht nicht dafür.

Seifenblasen in China

Das größte Problem der deutschen Wirtschaft in dieser Erholung ist die hohe Abhängigkeit vom Export, der besonders stark am Schicksal der Konjunktur in Asien hängt. Insbesondere die wachsende Stärke Chinas spiegelt sich dabei in der Exportstatistik wider. War China 1990 mit Rang 27 in der deutschen Exportstatistik noch eine Randerscheinung, rückte das Land bis 2009 auf Rang 8 vor und war für beinahe jeden 20. umgesetzten Euro verantwortlich. Der gesamte Anteil Asiens am deutschen Export liegt sogar bei 14 Prozent.

So lange das Wachstumsmodell China funktioniert, gibt es für die deutsche Wirtschaft alle Hände voll zu tun. Doch bei allen faszinierenden Wachstumsraten entsteht in China derzeit, was wenige Jahre zuvor die weltweite Rezession auslöste: eine Immobilienblase, die sich gewaschen hat. Wie ernst die Lage ist, zeigen die jüngsten Versuche der chinesischen Regierung, Exzesse bei Immobilien zu verhindern. So sollen Investoren, die in Städten wie Peking, Schanghai oder Shenzhen mehr als zwei Immobilien besitzen wollen, dafür keinen Kredit mehr erhalten. In diesen Boomzentren kosten Apartments nicht selten das Zwanzigfache eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Sollte es am chinesischen Immobilienmarkt zu Preiseinbrüchen kommen, würde das den dortigen Aufschwung abrupt bremsen - mit fatalen Folgen nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Weltwirtschaft und damit den deutschen Exportmotor. Ohne anhaltend hohes Wachstum in der Region verkaufen wir dort künftig weder so viele Maschinen noch so viele teure Autos - und das würden wir schmerzlich spüren.

USA und Europa schwach auf der Brust

Doch nicht nur China bereitet Sorgen. Auch die USA, einer unserer wichtigsten Handelspartner, scheint die Wende noch nicht geschafft zu haben. Die US-Notenbank musste jüngst ihren Ausstieg aus den Konjunkturhilfen stoppen, weil die schwache wirtschaftliche Entwicklung sich sonst noch verstärken würde und ein erneutes Abrutschen in die Rezession vorprogrammiert wäre. Doch auch vor der eigenen Haustür sind die jüngsten Indikatoren alles andere als rosig ausgefallen. In der Euro-Zone, in die Deutschland die meisten seiner Produkte verkauft, kam die Industrieproduktion am Ende des so erfolgreichen zweiten Quartals überraschend ins Stocken. Zum Vormonat sank die Produktion, obwohl Volkswirte mit einem deutlichen Plus gerechnet hatten. Zurückhaltend hatte sich zuvor bereits Europas oberster Währungshüter geäußert. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erwartet eine schwächere zweite Jahreshälfte. "Wir müssen vorsichtig bleiben. Ich erkläre den Sieg noch nicht", sagte er.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es ist gut, dass deutsche Produkte überall auf der Welt so beliebt und gefragt sind. Doch das Wachstum in Deutschland ist mit dieser Exportorientierung auf Gedeih und Verderb auf die Weltkonjunktur angewiesen. Ein zweites Standbein, nämlich eine lebendige Inlandsnachfrage, ist nirgends in so weiter Ferne wie in Deutschland. Zwar macht die heimische Nachfrage mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus. Sie ist aber deutlich geringer als in anderen Industrieländern und verglichen mit der gesamten Wirtschaftsleistung auf dem Rückzug.

Als durch die weltweite Wirtschaftskrise 2009 die deutschen Exporte einbrachen, sackte die Wirtschaft um beispiellose 4,7 Prozent ein. Der Nachbar Frankreich mit einem deutlich geringeren Exportgeschäft kam deutlich besser davon, hier schrumpfte die Wirtschaft nur halb so stark. Was sagt uns das? Wir sollten alles daran setzen, unserer Katze genug Futter vor der eigenen Haustür zu bieten. Sonst macht der jüngste Sprung nicht lange Freude.

Quelle: ntv.de