Wirtschaft
Tony Hayward, Aufsichtsratschef Carl-Henric Svanberg und  Robert Dudley (v.l.)
Tony Hayward, Aufsichtsratschef Carl-Henric Svanberg und Robert Dudley (v.l.)(Foto: REUTERS)
Dienstag, 27. Juli 2010

Fleischfresser werden keine Vegetarier: BP bleibt sich treu

Jan Gänger und Nikolas Neuhaus

Auch mit einem neuen Konzernchef bleibt BP nicht der Weltöffentlichkeit, sondern seinen Aktionären verpflichtet. Die künftige Unternehmensstrategie ähnelt der alten.

BP bekommt einen neuen Chef. Endlich, möchte man sagen. Schließlich hat sich  Tony Hayward,  der gegenwärtige Konzernlenker, als fleischgewordenes PR-Desaster entpuppt. Sein Umgang mit der Ölpest im Golf von Mexiko zeichnete sich durch Beschwichtigungen und Verharmlosungen  aus. Das Image von BP litt ebenso stark wie der Aktienkurs, der auf dem Weg nach unten lange kein Halten kannte.

Dass sich BP von Hayward trennt, war daher nur eine Frage der Zeit. Warum, so fragt man sich, hat BP so lange damit gewartet?

Weil der Aufsichtsrat Machiavelli gelesen hat, der sich zweifellos mit Machtpolitik auskannte. Hayward hat sich ein solch mieses Image erarbeitet, das sich auf absehbare Zeit nicht wieder signifikant verbessern lässt. Also hat BP Hayward so lange an der Spitze des Konzerns gelassen, bis die Flut an Katastrophenmeldungen endlich abriss. Hayward wird in alle Ewigkeit das Gesicht der Ölpest bleiben. Sein Nachfolger Robert Dudley soll dagegen für die Wiedergeburt des Energieriesen stehen. 

Nun also ist das Bohrloch zumindest provisorisch geschlossen, ein neuer Chef wird installiert. Der wird  – so hofft BP – in den nächsten Wochen und Monaten mit zahllosen Erfolgsmeldungen auf sich aufmerksam machen.

Sibirien statt Golf von Mexiko

Währenddessen ist Hayward symbolisch nach Sibirien verbannt und muss sich  in den kommenden Monaten als Aufsichtsrat des Öl-Unternehmens TKP-BP mit russischen Oligarchen herumärgern. Wie unangenehm dieser Job sein kann, davon kann der neue BP-Chef Robert Dudley ein Lied singen. Er hatte das britisch-russische Joint-Venture geführt – bis die Russen ihn absägten und eine neue Führungsstruktur durchsetzten, um mehr Einfluss zu gewinnen. Dudley hatte sich lange gewehrt, doch russische Behörden hatten das Gemeinschaftsunternehmen mit Razzien und Strafverfahren überzogen. Schließlich knickten die Briten ein.

Doch Hayward wird es einfacher haben. Die Machtfrage ist geklärt, sein Gehalt bleibt üppig, er wahrt sein Gesicht. Kurzum, sein größter Wunsch wird wahr: Er bekommt sein altes Leben zurück.

Und Dudley? Er hat viel vor.

Seine Aufgabe wird zunächst sein, vom ramponierten Image des Konzerns zu retten, was zu retten ist. Ein leichtes Unterfangen wird das nicht, denn von einer grünen Zukunft, die BP in früheren Zeiten gerne von sich malte, ist der Ölmulti denkbar weit entfernt.

Dudley wird in den kommenden Wochen und Monaten viel über neue und bessere Sicherheitsstandards bei riskanten Ölprojekten reden, wird Gutwetter in Washington machen und wird sich demütig der US-Öffentlichkeit stellen. Der Farbeimer, mit dem der neue BP-Konzern verbal frisch gestrichen werden wird, steht schon bereit. All das ist aber nur Kosmetik. Hinter der Konzernfassade warten bereits neue riskante Tiefsee-Projekte, etwa vor der Küste Libyens. In Kanada wird der Konzern weiter munter Öl aus den Teersanden pressen und dabei eine sichere ökologische Katastrophe hinterlassen.

Das Bohren geht weiter

So sehr die zornigen Augen nach der – noch lange nicht ausgestandenen – Katastrophe im Golf von Mexiko nun auch auf Dudleys ersten Schritten ruhen, sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Mit Dudley bleibt auch der neue BP-Chef in erster Linie nicht der Weltöffentlichkeit, sondern seinen Aktionären verpflichtet. Eine rasche Erholung des Aktienkurses von BP dürfte nach dem drastischen Kurssturz der vergangenen Monate auf der Agenda Dudleys dabei weit oben stehen. Nur so kann der künftige BP-Chef eine drohende feindliche Übernahme abwenden. 

Gerne würde man BP nun empfehlen, an diesem tragischen Wendepunkt nicht nur seinen untragbaren Konzernchef ins Exil zu schicken, sondern mit ihm auch die bisherige Konzernstrategie. Diese besteht darin, Energievorkommen überall auf der Welt ohne Rücksicht auf Verluste zu geringsten Kosten auszubeuten. BP dieses Verhalten auszutreiben wäre jedoch wohl ein ähnlich hoffnungsloses Unterfangen wie die Umerziehung eines Greifvogels zum Vegetarier. Solange das Öl irgendwo auf der Welt sprudelt und die schier grenzenlose Nachfrage nach dem schwarzen Gold nicht abbricht, wird kein Ölkonzern auf der Welt auf dieses Geschäft freiwillig verzichten. Daran wird weder das Desaster im Golf von Mexiko noch der nun angekündigte Chefwechsel etwas ändern.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de