Marktberichte

Turbulenter Tag Dax beendet Achterbahnfahrt

Angesichts der kräftigen Kursverluste in New York gehen auch die Kurse in Frankfurt zwischenzeitlich in den Keller. Der Leitindex Dax bricht um sieben Prozent ein. Doch plötzlich hellt sich die Stimmung auf. "Seriöserweise ist der Dax derzeit nur schwer zu prognostizieren", sagt ein Händler.

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(Foto: REUTERS)

Der Frankfurter Aktienmarkt ist von überaus nervösem Handel geprägt. Drastischen Abstürzen folgen kurze Erholungsphasen - und umgekehrt. Nach einem kurzen Erholungsversuch zum Handelsauftakt fiel der Dax kräftig zurück und verzeichnete vorübergehend ein Minus von 7 Prozent. Damit fiel der Index den zehnten Tag in Folge in den roten Bereich und weitete seine Einbußen bis auf 25 Prozent aus. Doch dann setzte der Dax zu einer eindrucksvollen Gegenbewegung an und drehte ins Plus. Nach einem erneuten Rückschlag arbeitete er sich zurück und schloss 0,1 Prozent im Minus bei 5917 Punkten. Der MDax legte sogar 2,8 Prozent auf 8783 Zähler zu. Auch für die Tech-Titel ging es aufwärts: Der TecDax  gewann 3,1 Prozent auf 700 Punkte.

Prognosen kassiert

Die Nervosität der Anleger war bei dieser langen Verlustserie entsprechend hoch. Der VDax, der die Schwankungsbreite des Leitindex abbildet, schoss auf den höchsten Stand seit 2009. Damals klang die Weltwirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite langsam ab. Derweil geht die Rekordjagd des Goldpreises weiter, was eine ungebrochen hohe Risikoscheu der Anleger signalisiert. Nach wie vor dominiert die von Staatsschuldenkrisen und sich verdüsternden Konjunkturaussichten auf beiden Seiten des Atlantiks befeuerte Risikoaversion das Marktgeschehen

Chefvolkswirt Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank wertet die aktuellen Kurskapriolen als Übertreibung. "Es ist kein rationaler, sondern ein emotionaler Markt. Hier wird eine Situation diskontiert, die so gar nicht eingetreten ist." Die Deutsche Bank schraubte indes ihr Dax-Ziel auf 6800 Punkte zurück und machte dafür enttäuschende Quartalszahlen, wohl sinkende Markterwartungen und die Konjunkturabhängigkeit des Dax verantwortlich.

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Der Dax am Vormittag um 10.01 Uhr.

(Foto: REUTERS)

Allerdings müsste der Index damit immer noch satte 1300 Punkte zulegen - am Dienstag fiel er zeitweise auf 5503 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit anderthalb Jahren.

Christian Gattiker, der die Research-Abteilung der Schweizer Bank Julius Bär leitet, geht davon aus, dass die Märkte bis tief in den Herbst 2011 hinein schwierig bleiben. Sogar ein Einbruch des Dax wie 2008, als er unter 4000 Punkte fiel, sei denkbar. "Es gibt derzeit viele Alarmzeichen, die auf einen Absturz wie in der Finanzkrise hindeuten", ergänzt Gattiker. "Der innere Wert des Dax ist zwar sicherlich höher als es sein derzeitiger Stand - aber es kann zwei bis drei Jahre dauern, bis er sich materialisiert."

Eine neue Prognose für den Dax-Endstand 2011 wagt Gattiker, der bisher wie die meisten Kollegen von rund 7500 bis 8000 Zählern ausging, derzeit nicht. "Wir befinden uns momentan im Blindflug. Für eine fundamentale Bewertung ist es zu früh." Ähnlich sieht es sein Kollege Giuseppe Amato vom Brokerhaus Lang & Schwarz. "Seriöserweise ist der Dax derzeit nur schwer zu prognostizieren", sagt er.

Einig sind sich die Analysten, dass es an den Börsen auf absehbare Zeit turbulent zugehen wird. "Das unsichere Umfeld werden wir so schnell nicht loswerden", sagt Bernhard Eschweiler von Silvia Quandt Research. Für eine Beruhigung der Märkte müssten aus seiner Sicht vor allem die Politiker handeln und den europäischen Rettungsschirm EFSF kräftig aufstocken. "Den EFSF werden wir nach meiner Einschätzung nochmal glatt verdoppeln", sagt Eschweiler. Ob dies für eine Trendwende an den Märkten reicht, sei dennoch fraglich. "Um unser Ziel von 8300 Punkten für den Dax zum Jahresende zu erreichen, brauchen wir einen Durchbruch. Uns fehlt das Momentum, das werden wir in diesem volatilen Zeiten nicht bekommen."

Optimistischer ist Analyst Heino Ruland von Ruland Research. "Ich sehe keinen Anpassungsbedarf und bleibe bei meiner Dax-Prognose von 8000 Punkten zum Jahresende", sagte er. "Die Rezessionsängste sind überzogen. Die US-Konjunkturdaten werden im August voraussichtlich besser ausfallen als erwartet und dies sollte der Startschuss für eine Kursrally bieten."

Was macht die Fed?

Neben den Nachwehen der Herabstufung der US-Bonität belastet die Angst vor einer Rezession den Markt. Viele Investoren befürchten, dass der Sparkurs zahlreicher schuldengeplagter Staaten die Weltkonjunktur abwürgen wird. Vor diesem Hintergrund richteten sich alle Augen auf die bevorstehende Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank am Abend. Die große Frage dabei: Wird die Fed zur Ankurbelung der Konjunktur ein neues Anleihe-Ankaufprogramm (QE3) ankündigen?

"Im Moment scheint - nach unten - alles möglich", sagt ein Händler. "Hier einen kühlen Kopf zu bewahren fällt schwer. Allerdings sollte man irgendwann auch wieder eine Blick auf die Fundamentaldaten werfen. Von dieser Seite her muss die Gegenbewegung kommen."

"Wir hören, dass vor allem aus Aktienfonds weiter Mittel abfließen. Das könnte auch heute nochmal auf die Kurse drücken", sagt ein Händler mit Blick auf den Frankfurter Markt. Auffällig sei der rekordverdächtige Umsatz an Wall Street, ergänzte ein anderer Börsianer. Es sei nicht vorhersagbar, wann der Verkaufsdruck nachlässt und die Kurse zumindest kurzfristig einen Boden finden.

"Ein Ende des Ausstiegs aus Risikoanlagen ist noch nicht in Sicht", so ein weiterer Händler. Die Hoffnung liege auch auf der US-Notenbank Fed. Klare Zeichen für stützende Maßnahmen könnten die Stimmung aufhellen. "In Asien gibt es zwar bereits erste Stabilisierungsansätze nach Kapitulationskursen zu Beginn des Handels", so ein Börsianer. Viele Börsen haben einen Teil der Verluste aufgeholt, Taiwan und Sydney sind sogar ins Plus gedreht. "Anleger sollten aber abwarten", betont der Börsianer.

Einzelwerte traten in den Hintergrund. Im Dax führen Deutsche Börse die Liste der Verlierer mit einem Minus von 9,2 Prozent an. RWE-Papiere rutschten nach ihrem Halbjahresbericht auf den tiefsten Stand seit Ende 2003 und verloren 6,3 Prozent. Eon gaben 5,9 Prozent ab.

Quelle: n-tv.de, jga/rts/DJ/dpa

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