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Alles gar nicht so schlimm? Alternative Experten und der Corona-"Hype"

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Mit steilen Thesen zur Coronakrise machte der Arzt und SPD-Politiker Wolfgang Wodarg auf sich aufmerksam.

(Foto: imago stock&people)

Die Corona-Krise stellt das öffentliche Leben in Deutschland auf den Kopf - denn zu wenig ist über Sars-CoV-2 bekannt, um es effektiv zu bekämpfen. In diesen Zeiten der Unsicherheit sorgen einige Fachleute mit steilen Thesen für Aufsehen - aber wie haltbar sind diese?

Mittlerweile herrscht der Ausnahmezustand in Deutschland - aus Angst vor der Coronavirus-Pandemie. Die große Sorge: Zu viele schwer an Covid-19 erkrankte Menschen könnten das Gesundheitssystem überlasten und zum Kollaps bringen. Grund dafür ist das exponentielle Wachstum der gemeldeten Infektionen seit Ende Februar. Drastische Maßnahmen wie das seit Ende März geltende Kontaktverbot sollen die Verbreitung des Virus nun eindämmen.

Die radikalen Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bürger machen aber auch deutlich, wie hilflos die Regierungen in Deutschland und anderen Ländern der Infektionswelle gegenüberstehen. Denn noch ist wenig bekannt über viele Aspekte des Virus: Wie tödlich ist es wirklich? Wie hoch ist die Dunkelziffer bei den Infizierten? Wie genau und vor allem wo wird es übertragen?

Weil vieles noch unsicher ist, hängt die Nation mittlerweile an den Lippen von Menschen, die sich mit Viren auskennen: Allen voran der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité, der in einem täglichen NDR-Podcast die Bevölkerung auf den neuesten Stand bringt. Auch seine Kollegen wie Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn und Alexander Kekulé sind mittlerweile regelmäßige Gäste in den großen Talkshows und Nachrichtensendungen.

War das Virus schon viel früher da?

Daneben gibt es auch Experten, die früh mit sehr kontroversen Thesen zur Coronavirus-Pandemie auf sich aufmerksam machten - und dafür nicht nur Millionen Klicks auf Youtube-Videos ernten, in denen sie sich äußern oder befragt werden, sondern auch viel Kritik. Die beiden bekanntesten sind der Lungenarzt und SPD-Politiker Wolfgang Wodarg und der emeritierte Professor für medizinische Mikrobiologie Sucharit Bhakdi.

Wodarg nennt die Corona-Krise einen "Hype". Die Krankenhäuser würden belastet "durch die vielen Fragen und durch die Panik, aber nicht durch neue Krankheitsfälle". Es seien "leichtfertige und unberechtigte Quarantänemaßnahmen und Verbotsregelungen" in Kraft. In Interviews vertrat er zudem die Meinung, das Virus Sars-CoV-2 sei vielleicht gar nicht so neu. Man könne nicht wissen, "ob nicht schon in Peking oder in Italien früher diese Viren vorhanden waren". Man habe "nie danach suchen können und nie danach gesucht".

Bhakdi wiederum behauptete in einem seiner Videos, Sars-CoV-2 sei "nicht grundsätzlich" gefährlicher als andere Erreger der Virus-Familie. "99 Prozent der Menschen haben keine oder nur leichte Symptome." Mit Blick auf staatliche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sagte Bhakdi: "Ich finde sie grotesk, überbordend und direkt gefährlich."

Wie sind diese Aussagen zu bewerten? Ist die Corona-Krise tatsächlich ein "Hype", wie Wodarg glaubt? Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer hält das Vorgehen in der jetzigen Situation für angemessen. "Wenn wir jetzt nicht aufpassen, bekommen wir auf den Intensivstationen Verhältnisse wie zum Teil in Italien. Dann müssten Ärzte entscheiden, wem sie ein Bett auf der Intensivstation geben und wem nicht." Berichte aus Norditalien zeigen zudem: Die Menschen in den Krankenhäusern von Bergamo oder Brescia sterben nicht an Panik oder offenen Fragen, sondern in sehr vielen Fällen an Covid-19.

Auch an Wodargs Einschätzung, dass es das Virus schon Jahre vor den ersten Krankheitsfällen in China gab, hegt Stürmer Zweifel. "Allenfalls wenige Monate vor der Entdeckung im Dezember" sei das Virus zuerst aufgetreten, schätzt der Virologe. "Sollte dieses Virus schon vorher in Italien oder China vorhanden gewesen sein, hätte man die Erkrankten erkannt, die negativ auf die bekannten Atemwegserreger sind, und hätte nach dem neuen Erreger gesucht - so wie im Dezember in China", sagt auch Stephan Becker vom Institut für Virologie der Universität Marburg.

Es ist nicht die einzige steile These von Wodarg. Der frühere Amtsarzt, der nach eigener Aussage dafür zuständig war, zu entscheiden, ob Veranstaltungen abgesagt werden müssen, äußerte auch Zweifel an den Tests auf das Coronavirus. Der in Deutschland entwickelte Corona-Test sei "noch nicht mal validiert". Er könne möglicherweise auf viele Viren positiv reagieren, nicht nur auf das neuartige Sars-CoV-2. Wodarg suggeriert, man mache einen Hype um das Coronavirus, damit Forscher mit den Tests Geld verdienen könnten.

"Irreführende Information"

Daraufhin schritt Virologe Drosten von der Charité höchstselbst ein und bezog im NDR-Podcast Stellung - schließlich hatten er und sein Team diesen Test entwickelt. Der Test fällt zwar auch bei anderen Viren positiv aus, sagte der Virologe, diese Information sei aber irreführend, denn diese Viren träten nur bei Fledermäusen auf oder existierten nicht mehr - so etwa das alte Sars-Virus von 2002. "Dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen." Und Drosten stellte klar: "Wir verdienen keinen Cent, im Gegenteil: Wir zahlen sehr viel drauf."

Auch Bhakdi lehnt sich mit seinen Äußerungen weit aus dem Fenster, das Sars-CoV-2 sei "nicht grundsätzlich" gefährlicher sei als andere Erreger der Virus-Familie, da 99 Prozent der Menschen keine oder nur leichte Symptome hätten. Denn damit widerspricht er ohne Angabe von Quellen weltweit übereinstimmenden Forschungsergebnissen - etwa der Weltgesundheitsorganisation WHO. Immer wieder betonen renommierte Einrichtungen wie etwa das deutsche Robert-Koch-Institut, dass bei Weitem nicht jeder mit dem Virus Sars-CoV-2 Infizierte Krankheitszeichen aufweist. Bei denjenigen, die erkranken, zeigen sich demnach bei 80 Prozent milde bis moderate Symptome.

Mittlerweile scheint Bhakdi seine Art der Kritik angepasst zu haben - in einem ebenfalls in einem Youtube-Video verlesenen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel verlegt er sich vor allem darauf, kritische Punkte anzusprechen und Fragen zu stellen. Allerdings sind viele davon nicht neu - etwa jene nach einer stichprobenartigen Untersuchung der gesunden Bevölkerung, um herauszufinden, wie weit das Virus bereits tatsächlich verbreitet ist. In einer aktuellen Studie erhebt etwa der Virologe Streeck in dem von Covid-19-Fällen schwer betroffenen Landkreis Heinsberg Daten, um die Dunkelziffer bei den Infektionen zu ermitteln. Eine andere Studie an mehr als 100.000 Probanden soll aufdecken, wie viele Menschen in Deutschland bereits immun gegen Covid-19 sind.

Wie sind Kritiker wie Wodarg und Bhakdi nun einzuschätzen? Bei einer für Nicht-Experten derartig unklaren Faktenlage ist es leicht, gewagte Behauptungen aufzustellen - wie etwa über eine angeblich geringe Gefährlichkeit des Virus. Sie spiegeln jedoch nicht den Stand des Wissens wider und dürften mit ihren Gegenpositionen die Unsicherheit in der Bevölkerung eher erhöhen. Der Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht drückt es gegenüber ntv.de so aus: "Halbwahrheiten sind schlimmer als Lügen. Denn sie machen es dem Laien sehr schwer, einzuschätzen, was stimmt und was nicht."

Quelle: ntv.de, mit dpa