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Medizinische Sensation Ärzte befreien Aids-Kranken von HI-Viren

Der neueste Fallbericht über einen HIV-Patienten könnte den Eindruck erwecken, Aids ist in Zukunft besiegbar. Doch davon sind Mediziner weit entfernt. Dennoch macht die Geschichte des "Londoner Patienten" Hoffnung.

Britische Ärzte haben mit einer Stammzellentherapie bei einem HIV-Patienten mit Lymphdrüsenkrebs doppelten Erfolg. In ihrem Fallbericht schreiben sie, dass durch die Transplantation von Stammzellen nicht nur der Lymphdrüsenkrebs erfolgreich behandelt worden, sondern der Patient seit mehr als 18 Monaten auch virenfrei sei. Der Bericht wurde im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht.

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Timothy Brown sagt: "Es geht mir gut."

(Foto: AP)

Der geschilderte Fall erinnert damit stark an Timothy Brown. Die Geschichte des Mannes sorgte 2008 für Aufsehen. Der als "Berliner Patient" bekannt gewordene HIV-Patient wurde 2007 an der Berliner Charité wegen Blutkrebs mit einer Stammzelltransplantation behandelt. Nach einer zweiten Behandlung war Brown nicht nur von Leukämie geheilt. Auch die HI-Viren ließen sich nicht mehr in seinem Körper nachweisen. Und das blieb so, auch nachdem er 2011 die medikamentöse HIV-Therapie, die den Virus in Schach hält, abgesetzt hatte. Brown ging damit als erster von HIV geheilter Mensch in die Medizingeschichte ein.

Mit dem bereits als "Londoner Patient" bezeichneten Fall gibt es nun einen beschriebenen Arztbericht, der viele Parallelen zu Browns Geschichte aufzeigt. Die Ärzte berichten von einem HIV-Patienten, der an Lymphdrüsenkrebs, dem sogenannten Hodgin-Lymphom, erkrankte. Zur Therapie gegen diesen bösartigen Tumor wurde eine Knochenmarksspende eingesetzt. Für diese wurde ein Spender gefunden, der nicht nur sehr gut zum Patienten passte, sondern - genauso wie bei Brown - eine genetische Mutation aufweist, die ihn resistent gegen die Ansteckung mit HI-Viren macht.

Die Stammzellen des Spenders wurden erfolgreich übertragen und mit ihnen auch die genetische Besonderheit. Der Patient erholte sich nach dem Eingriff wie geplant vom Krebs. Er bekam weitere 16 Monate lang nach der Transplantation die gängige antiretrovirale HIV-Therapie. Vor 18 Monaten wurden die HIV-Medikamente dann abgesetzt. Dennoch können die Ärzte im Körper des Patienten, auch mit sehr empfindlichen Tests, keine Hinweise mehr für eine HIV-Infektion finden. Bei der beschriebenen Behandlung folgten die Ärzte dem Vorbild ihrer Berliner Kollegen. Von einer Heilung von HIV wollen sie hingegen zu diesem Zeitpunkt nicht sprechen.

Einzelfall oder Therapieansatz?

Bereits seit einiger Zeit versuchen Mediziner weltweit immer wieder, die erfolgreiche Therapie des "Berliner Patienten" bei anderen HIV-Patienten mit Krebserkrankungen anzuwenden. Da es sich aber bei der Behandlung um schwerkranke Personen mit vielen individuellen Besonderheiten handelt, gab es bisher dabei eine Reihe von Rückschlägen und Komplikationen. Der aktuell beschriebene Fall allerdings könnte ein Beweis dafür sein, dass die Vorgehensweise beim "Berliner Patienten" kein Einzelfall war. "Wiederholbarkeit ist ein entscheidendes Kriterium wissenschaftlicher Evidenz, insofern ist das hier berichtete Ergebnis sehr wichtig", schätzt Professor Hans-Georg Kräusslich, Direktor der Abteilung Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg, den aktuellen Bericht ein.

"Die Bedeutung des britischen Falles liegt also mehr auf der allgemeinen Ebene als in der Beschreibung eines konkreten wissenschaftlichen Weges. Mit der Stammzelltransplantation ist der Schlüssel zur HIV-Heilung noch nicht entdeckt", ergänzt Professor Gerd Fätkenheuer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie und Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Köln.

Keine neue HIV-Therapie

Mediziner, die sich zu dem Bericht bereits geäußert haben, sind sich trotz des Erfolges einig, dass auch in Zukunft die Stammzellentransplantation als Therapie bei HIV-Infektionen keine Option sein wird. Die Behandlung ist teuer, riskant und wird auch bei Krebspatienten nur als letzte Behandlungsmöglichkeit angewandt. "Es handelt sich (…) um einen massiven Eingriff mit langem Krankenhausaufenthalt und signifikantem Risiko, der angesichts einer in der Regel gut verträglichen und langfristig wirksamen antiviralen Therapie nicht vertretbar wäre, wenn nicht aus anderen medizinischen Gründen indiziert", fasst Kräusslich zusammen.

Wenn Menschen mit HIV-Infektionen in Zukunft eine Krebserkrankung bekommen, bei der eine Stammzellentransplantation Erfolg verspricht, dann wird sie auch durchgeführt - vorausgesetzt, man findet einen passenden Spender. Zu der aufwendigen Suche wird wohl in Zukunft ein weiterer Aspekt hinzukommen. Ärzte werden nach dem aktuellen Bericht jetzt noch mehr auf die genetischen Eigenschaften von Stammzellspendern achten. Für alle Betroffenen, für die ein passender Spender gefunden wird, der eine sogenannte CCR5-Deletion, also eine HIV-Resistenz aufweist, könnte das der lebensrettende Glücksfall sein, der nicht nur den Krebs, sondern auch noch die HI-Viren besiegt. Allerdings trägt nur rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung die genetische Besonderheit der HIV-Resistenz in sich.

Quelle: n-tv.de

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