Wissen

Studie stellt Ländervergleich an Babys in Deutschland schreien weniger

baby.jpg

Etwa 40 Prozent des Schreiens in den ersten drei Lebensmonaten sei nicht zu beruhigen, sagen die Forscher.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Manchmal scheint rein gar nichts zu helfen: Das Baby weint und weint. Doch wie häufig und wie lange, das ist nicht in allen Ländern gleich - sagen Forscher. Sie wollen Eltern zeigen, wie viel Schreien ganz normal ist.

Wenn das Baby viel weint, sind unerfahrene Eltern oft verunsichert. Doch wie häufig und wie lange schreien die Kleinen eigentlich üblicherweise? Was gilt da als "normal"? Der Psychologe Dieter Wolke von der Universität Warwick, Großbritannien, kam mit seinem Team zu dem Schluss, dass es da Unterschiede gibt – von Land zu Land.

In Deutschland und Dänemark etwa schreien und quengeln Babys der Studie zufolge im Mittel weniger als zum Beispiel in Großbritannien und Italien. Die Forscher hatten das Schreiverhalten von fast 8700 Kindern in neun Industrie-Ländern analysiert. Sie bezogen sich auf Daten von 28 früheren Untersuchungen, für die Mütter über das Schreiverhalten ihrer Babys in Fünf-Minuten-Intervallen Tagebuch geführt hatten. Der Abgleich der Ergebnisse ergab, dass Babys in den ersten zwei Lebenswochen im Mittel etwa zwei Stunden am Tag schreien oder quengeln. Sie steigern sich zu einem Hoch von zwei Stunden 15 Minuten täglich im Alter von sechs Wochen. Mit zwölf Wochen sei es nur noch eine Stunde und 10 Minuten durchschnittlich.

Rund 80 Minuten im Alter von drei Wochen

Der Analyse zufolge schreien Babys in Großbritannien, Italien, Kanada und den Niederlanden im Mittel mehr als die in Dänemark, Deutschland und Japan. In Deutschland sind es den berücksichtigten Daten zufolge bei einem ein bis zwei Wochen alten Baby im Mittel 69 Minuten täglich und bei einem drei bis vier Wochen alten Kind 81 Minuten. Für kanadische Babys wurde für das Alter von drei bis vier Wochen ein Mittelwert von 150 Minuten erfasst, ebenso für die Niederlande.

Auffällig sei auch eine geringere Kolik-Rate für drei bis vier Wochen alte Kinder in Deutschland (7 Prozent) und Dänemark (6 Prozent) verglichen mit Kanada (34 Prozent), Großbritannien (28 Prozent) und Italien (21 Prozent). Die Forscher räumen allerdings ein: Wie bei den Daten generell, könne hier eine unterschiedliche Wahrnehmung der Mütter für die in den Tagebüchern erfassten Zeiten eine Rolle gespielt haben.

Hunger, Schmerz, Langeweile: klingt alles gleich

Grundsätzlich könne man darüber, wie die Länderunterschiede zu erklären sind, bislang nur spekulieren, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "The Journal of Pediatrics". Ein möglicher Grund seien gesellschaftlich oder ökonomisch bedingte Unterschiede in der Fürsorge und der Betreuung von Neugeborenen. Das Stressniveau der Mütter könne etwa aufgrund unterschiedlicher Mutterschutzregelungen und sozialer Unterstützung variieren. Denkbar seien prinzipiell auch genetische Faktoren - schließlich sei auch bei den Erwachsenen verschiedener Populationen bekannt, dass die einen im Mittel eher zurückhaltend und die anderen eher extrovertiert sind. Auch wie die Babys gefüttert werden, könne Einfluss haben: Flaschenkinder wachten nachts zum Beispiel weniger oft auf als gestillte Babys, die Gesamt-Schreizeit vermindere sich dadurch in der 24-Stunden-Bilanz.

Doch ganz gleich, was die Ursachen sind: Wenn das Baby schreit, sind den Forschern zufolge körperlicher Kontakt sowie ein ruhiges Elternverhalten hilfreich. Wolke zufolge solle man nicht sofort eingreifen, sondern zunächst kurz abwarten, ob der Säugling sich allein wieder beruhige. Wichtig zu wissen sei zudem: Etwa 40 Prozent des Schreiens in den ersten drei Lebensmonaten sei nicht zu beruhigen. "Eltern denken oft, dass sie etwas falsch machen oder dass mit dem Baby etwas nicht in Ordnung ist, wenn sie es nicht gleich beruhigen können."

In Elternratgebern, so Wolke, sei oft beschrieben, dass man den Schreiton bei Hunger, Schmerz oder Langeweile unterscheiden könne. Das aber habe keinerlei wissenschaftliche Basis. "Man kann nur die Intensität unterscheiden."

Überforderungen ernst nehmen

"Eltern sind oft nicht darauf vorbereitet, wie viel Säuglinge in den ersten drei Monaten schreien oder wimmern", sagt der Wissenschaftler. Die individuellen Unterschiede seien dabei enorm - in den Untersuchungen seien sowohl Babys mit nur einer halben Stunde Schreien und Wimmern am Tag erfasst, als auch solche mit insgesamt fünf Stunden.

Nicht selten fühlen sich Eltern überfordert und manchmal machten sie dann schwere Fehler. Eine ganz wichtige Erkenntnis sei, so Wolke, dass in über 85 Prozent der Fälle eines Schüttelsyndroms exzessives Schreien der Auslöser für das Schütteln war. Etwa 30 von 100.000 Babys komme wegen heftigen Schüttelns ins Krankenhaus, meist gebe es schwerwiegende Folgen wie eine Behinderung des Kindes oder den Tod. "Daher sollten Sorgen von Eltern hinsichtlich des Schreiens ernst genommen werden."

Die Analyse, betont der Wissenschaftler, belege einmal aufs Neue, wie groß die individuellen Unterschiede beim Schreien und Quengeln zwischen einzelnen Babys seien - und dass diese Unterschiede ganz normal sind. Es sei sinnvoll, bei den Ländern mit besonders kurzen Schreizeiten genauer zu untersuchen, ob dies am elterlichen Verhalten oder anderen Faktoren liege - wie etwa Erfahrungen während der Schwangerschaft oder den Genen.

Quelle: ntv.de, asc/dpa