Wissen

Wissenschaft vs. PR-Coup Blue Monday, der traurigste Tag?

imago0141969068h.jpg

Das trübe Wetter kann schon mürbe machen.

(Foto: imago images/Rolf Poss)

Jeder ist mal niedergeschlagen, antriebslos und traurig. Dieser Zustand soll bei den meisten Menschen Europas am dritten Montag des neuen Jahres einen Höhepunkt erreichen. Aber wer kommt auf so etwas?

Egal, ob der kürzeste Tag des Jahres oder der älteste Baum der Welt: Menschen mögen Superlative - und wollen dann auch alles darüber wissen. Das gilt auch für den traurigsten Tag des Jahres. Der vermeintlich deprimierende Höhepunkt soll bei den meisten Menschen Europas bereits am dritten Montag in jedem neuen Jahr erreicht sein. So zumindest wurde es 2005 vom britischen Psychologen Cliff Arnall dargestellt. Die Bezeichnung Blue steht in diesem Fall nicht für die Farbe Blau, sondern zielt auf das Befinden von Menschen ab. Es kann mit traurig, deprimiert oder auch kalt übersetzt werden.

Aber zurück zu Arnall: Sein Name war es, der 2005 im Zusammenhang mit der Behauptung vom Blue Monday als dem deprimierendsten Tag im Jahr genannt wurde. Der Akademiker, dessen Reputation darin bestand, dass er zuvor im Center for Lifelong Learning, einem Fortbildungszentrum der University Cardiff arbeitete, ließ sich offenbar erfolgreich vor den Karren einer Werbe-Agentur spannen.

Reiseunternehmen als Auftraggeber

Die Pressemitteilung zum Blue Monday, die von der PR-Agentur Porter Novelli veröffentlicht wurde, entpuppte sich als echter PR-Coup. Bis heute wird alljährlich über den Blue Monday als traurigstem Tag des Jahres und die Geschichte dahinter berichtet. Die Agentur warb damals für das britische Reiseunternehmen Sky Travel damit. Das Konzept geht nicht etwa auf eine repräsentative Befragung von Tausenden Personen zurück, sondern soll mit einer vermeintlich wissenschaftlichen Formel berechnet worden sein.

Formel.JPG

Diese soll Arnall sogar ein zweites Mal in "nachgebesserter Form" 2009 vorgestellt haben. In beiden Varianten wurden verschiedene Parameter in Form von Buchstaben zueinander ins Verhältnis gesetzt. W für das Wetter, D für angehäufte Schulden minus dem Gehalt d, das man im Januar bekommt, Q gibt die Zeit seit dem Scheitern der Neujahrsvorsätze an, T ist die Zeit, die seit Weihnachten vergangen ist, M steht für das persönliche Motivationslevel und N für das Bedürfnis, wieder aktiv zu werden.

"Pseudowissenschaftlicher Unsinn"

Was auf den ersten Blick hochwissenschaftlich aussieht, ist allerdings etwas, was niemand in der Welt der Wissenschaft nachvollziehen kann - nicht einmal im Ansatz. Wie will man auch Geld zu Zeit und dem Bedürfnis, wieder aktiv zu werden, mathematisch zueinander in Beziehung setzen? Welche Maßeinheiten werden hier zugrunde gelegt und wie kommt man schließlich auf einen Gefühlszustand an einem bestimmten Datum, der bei der Mehrheit der Menschen Europas gleichzeitig auftreten soll?

Nachdem die Gleichung in der Welt war, musste Arnall auch nicht lange auf die Resonanz dazu warten. Diese glich einem Aufschrei der Empörung. Von einer "albernen Behauptung mit einer lächerlichen Gleichung mit willkürlichen Variablen" ist die Rede. Auch der Vorwurf des "pseudowissenschaftlichen Unsinns" steht im Raum. Die genannte Universität Cardiff distanzierte sich von dem Psychologen und teilte mit, dass Arnall zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr für sie tätig war.

Weit verbreitetes Stimmungstief

Dennoch hält sich der Mythos vom traurigsten Tag des Jahres wacker. Kein Wunder, geht es doch in dieser dunklen Jahreszeit vielen Menschen tatsächlich nicht so richtig gut. Draußen ist es kalt und trübe und die meiste Zeit des Tages verbringt man in Räumen. Vielen fühlen sich schlapp, antriebslos und müde. Es fehlt einfach an Sonnenlicht, denn das stimuliert im Körper die Ausschüttung verschiedener Stoffe wie beispielsweise Serotonin, einem Hormon, das die Stimmung positiv beeinflusst und Glücksgefühle auslöst. Das Konzept bestätigte einfach viele in ihrer Gefühlswelt Mitte Januar. Und es funktioniert bis heute.

Arnall selbst hielt aller Kritik zum Trotz zunächst an seinem Vorgehen fest und behauptete, auch den glücklichsten Tag des Jahres berechnen zu können. Er benannte ihn für die Jahre 2005 bis 2010. Alle Tage lagen zwischen dem 18. und dem 24. Juni, also nah an den Tagen der Sommersonnenwende. Die Veröffentlichung dieses Mythos entstand in Zusammenarbeit mit Wall's Ice Cream und erlangte weit weniger Aufmerksamkeit als die Aktion zuvor.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen