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Gescheiterte Utopie Brasilia: die Zukunftsstadt von gestern

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Blick auf den Nationalkongress. Die Straßen Brasilias sind für Autos konzipiert. Nur für Autos.

imago/Kai Bienert

Große Visionen sollten sich mit Brasilia erfüllen. Star-Architekt Oscar Niemeyer versuchte, eine Utopie der Gleichheit und Gerechtigkeit umzusetzen. Doch dieser Traum ist nie wahr geworden.

Hier sollte alles anders werden. Besser. Als Brasilia Ende der 1950er-Jahre buchstäblich aus dem Nichts erschaffen wurde, setzten Planer, Architekt und Regierung große Hoffnungen in die neue Hauptstadt des Landes. Zu sehr verband sich mit Rio de Janeiro die koloniale Vergangenheit Brasiliens; lange Zeit war die Stadt an der Küste das Zentrum des portugiesischen Weltreichs gewesen. Brasilia hingegen, im Hinterland des Staates gelegen, symbolisierte den unabhängigen Neuanfang, stand für Neutralität und Föderalismus. In Brasilia galten andere Maßstäbe.

Eine der gesellschaftlichen Visionen, die die neue Stadt erfüllen sollte, war Gleichheit. Unter Brasiliens sozialistischem Staatspräsidenten Juscelino Kubitschek erbaut, sollte Brasilia jeglicher Form von Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Klassenunterschieden entgegenwirken. Gleichzeitig sollte es die wirtschaftliche Stärke des Landes demonstrieren. Brasilia, das war das fortschrittliche Brasilien, das zukunftsfähige. Die Stadt trug die moderne Zivilisation in eine bis dahin unerschlossene Region. Brasiliens Kraft wuchs; sie konzentrierte sich nicht mehr nur auf die Küstenstädte.

"Fast ein Alptraum"

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Die Kongressgebäude aus der Nähe: In den Hochhäusern sind die Büros der Abgeordneten untergebracht, im Kuppelbau (rechts im Hintergrund) der Senat. Die Schüssel ist das Abgeordnetenhaus.

(Foto: imago stock&people)

Die Ziele, die es mit Brasilia zu erreichen galt, waren hoch gesteckt, die Ideen von Stadtplaner Lúcio Costa und Star-Architekt Oscar Niemeyer jedoch vielversprechend. Innerhalb von nur vier Jahren wurden die Pläne umgesetzt. Wo 1956 noch brasilianisches Hinterland war, wuchs bis 1960 eine Stadt heran, in der eine halbe Million Menschen leben sollten. Wer nach Brasilia kommt, entdeckt großartige Repräsentativ-Bauten im futuristischen Stil, daneben Plattenbauten, die dem Prinzip der Gleichheit gerecht werden. Die Straßen sind breit und geräumig, die Zentralachse der Stadt läuft auf den Nationalkongress zu, einen imposanten Blickfang, bestehend aus zwei Türmen, einem Kuppelbau und einer großen Schale.

Niemeyers Brasilia-Bauwerke, ein jedes von einzigartiger, kurvenreicher Form, sind großenteils weiß. Sie blenden fast im Licht der Sonne. Eine fantasievolle Architektur wollte Niemeyer für die brasilianische Hauptstadt gestalten, eine stolze und schöne. Funktionalität trat in den Hintergrund, Schönheit rechtfertigte alles. Auch Schönheit habe schließlich eine Funktion, so Niemeyers Credo, "und für die Baukunst eine der wichtigsten." Aber auch wenn Brasilia vielerorts eine Stadt fürs Fotoalbum ist: Schön ist es nicht. Der Schriftsteller Roll Italiaander, der sich die umgesetzte Utopie 1967 anschaute, empfand Brasilia als Enttäuschung. "Fast ein Alptraum", konstatierte er in einem Beitrag, der damals in der "Zeit" erschien. Niemeyer widersprach nicht. Im Interview mit Italiaander sagte der Architekt, dass "Brasilia nicht erfüllt hat, was wir von ihr erwarteten, was wir erhofften". 2001 sprach er von einem nicht erfolgreichen Experiment. Was war geschehen?

Leeres Zentrum, volle Vorstädte

Was Niemeyer ernüchterte, war die Tatsache, dass sich das Gefühl von Gleichheit, das den Bau der Stadt begleitete, bei ihrer Einweihung in Luft auflöste. "Wie sehr haben wir uns getäuscht!", sagte Niemeyer. "Wie entstand zwischen uns – Ingenieuren und Arbeitern – wieder die verhasste Barriere der Ungleichheit und Ungerechtigkeit der kapitalistischen Welt." Brasilia wurde, wie es der Architekt gegenüber Italiaander formulierte, "zu einer Stadt wie jede andere, mit denselben Kontrasten von Armut und Reichtum, die das brasilianische Leben so traurig kennzeichnen". Vor den Toren Brasilias entstanden, wie in anderen Städten des Landes, Favelas – die Elendsviertel.

Außerdem bildeten sich viele Arbeitersiedlungen rund um Brasilia. Die Menschen, die die Hauptstadt errichtet hatten, konnten sich das Leben dort nicht leisten. Die Wohnhäuser waren mit Aufzügen und Tiefgaragen ausgestattet, das machte die Appartements teuer. Die Arbeiter bauten sich kleine, einfache Häuser im Umland. Heute gehören fast 30 Satellitenstädte zu Brasilia. Von Anfang an wohnten dort mehr Menschen als in der Hauptstadt selbst. Die 500.000 Einwohner, für die Brasilia errichtet wurde, hat die Stadt nie erreicht. Die gesamte Metropolregion aber zählt heute rund drei Millionen Bewohner.

Künstlich, unnatürlich, Kulisse

Es sind nicht nur die Preise, die Brasilia – inzwischen Unesco-Weltkulturerbe – für viele Menschen unattraktiv machen. Hier wurden die Visionen von Architekten und Regierenden umgesetzt, nicht aber die von Bürgern, die in der Stadt leben und ihren Alltag bestreiten. "Brasilia machte auf mich den Eindruck einer Geisterstadt, wo der Mensch nicht zählt", berichtete Italiaander.

Die überbreiten Straßen Brasilias sind für Autos gemacht; nur für Autos. Spazieren, flanieren, bummeln möchte hier niemand. Dafür sind die Boulevards auch nicht vorgesehen. Brasilia bietet viel freien Raum, aber keine Plätze, die die Bewohner zum Zusammentreffen einladen. Auf seelische Bedürfnisse sei in Brasilia keine Rücksicht genommen worden, meint Italiaander und stellt einen Mangel an menschlicher Wärme fest.

Brasilias Architektur ist hochästhetisch, aber eben nicht von Leben erfüllt. Die Stadt wirkt künstlich. Kein Wunder, ist Brasilia doch eine Planstadt. Anders als andere Städte, ist es nicht allmählich gewachsen, wurde es nicht sich verändernden Bedingungen und Lebensumständen angepasst. Brasilia hat keine Geschichte, die Stadt ist pure Theorie. Ein Ideal, das Optimum – doch eben nur auf dem Reißbrett. Brasilia ist Kulisse. Für das wirkliche Leben hielt es nicht das Beste bereit. Die Menschen wohnen hier nicht gern. Offenbar suchen sie nicht unbedingt ein Ideal. Sie suchen ein Zuhause.

Quelle: n-tv.de

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