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Erstaunlich niedrige Fallzahlen Das Corona-Rätsel von Afrika

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Kampf gegen die Pandemie: Fast alle afrikanische Staaten hatten früh Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus eingeleitet.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Während hohe Corona-Fallzahlen aus Regionen wie Indien, Südamerika und auch Europa die Nachrichten dominieren, hört man von Afrika nur wenig. Ein Blick auf die offiziellen Meldedaten zeigt einen Kontinent, der weitgehend von der Pandemie verschont blieb. Aber der Schein trügt.

Auf der ganzen Welt hat das Coronavirus bislang schon mehr als ein Jahr lang gewütet und Millionen Todesopfer gefordert. Doch während sich Europa und die USA derzeit mühsam aus der Krise impfen, scheint ein Kontinent von allen vergleichsweise glimpflich davongekommen zu sein: Afrika. Darauf lassen zumindest die offiziellen Statistiken schließen. Dabei hatte Experten noch vor einem Jahr eine regelrechte Katastrophe auf dem Kontinent befürchtet: Von 70 Millionen Infizierten und drei Millionen Corona-Toten innerhalb weniger Monate war die Rede, sollten nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden.

Doch die befürchtete Katastrophe blieb aus. Oder zumindest scheint es so. Bis zuletzt wurden für den Kontinent laut Weltgesundheitsorganisation WHO knapp 85.000 Corona-Todesfälle übermittelt. Mehr als 50.000 davon allein in Südafrika. Mit laut WHO insgesamt 3,4 Millionen gemeldeten Corona-Fällen macht Afrika nur etwa 2 Prozent aller globalen Fälle aus. Dabei beherbergt der Kontinent mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern mehr als 17 Prozent der Weltbevölkerung. Doch was ist der Grund für das vermeintliche "Wunder von Afrika"?

Hypothesen dazu gab es bisher viele: Afrikanische Länder seien aufgrund von Ebola und anderen Erregern erfahren in der Seuchenbekämpfung. Zudem wurde die tatsächlich sehr rasche Krisen-Reaktion fast aller afrikanischer Staaten als Schlüssel genannt: Grenzen wurden dichtgemacht, soziale Distanzierung verordnet, Schulen geschlossen und Menschenansammlungen verboten. Einige Länder gingen sogar noch weiter und verordneten Ausgangssperren und Maskenpflichten in der Öffentlichkeit.

Klima die Ursache? Oder die Gene?

Auch das warme und feuchte Klima wurde als mögliche Ursache genannt - wobei auch das klimatisch ähnliche Südamerika von der Pandemie schwer erfasst worden war. Weitere Thesen: eine Grundimmunität in der afrikanischen Bevölkerung oder genetische Besonderheiten. Die im Schnitt junge Bevölkerung des Kontinents gilt ebenfalls als mögliche Ursache, schließlich steigt die Gefahr schwerer Covid-19-Verläufe mit höherem Älter deutlich an. Als wahrscheinlich galt zudem schon bald, dass in Afrika nicht so viel getestet wird wie in anderen Weltregionen. Und wo keine Tests, da auch keine nachgewiesenen Infektionen.

Eine neue Untersuchung bringt etwas Licht ins Dunkel: Ein internationales Forscherteam, bestehend vor allem aus US-Amerikanern und Kenianern, hat in der Hauptstadt Nairobi mit einer Stichprobe das wahre Ausmaß der Pandemie ermittelt. Für ihre Studie, die noch keine Peer-Review durch unabhängige Experten durchlaufen hat, hatten sie im November 2020 das Blut von rund 1200 Menschen in mehr als 500 Haushalten auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht.

Was die Forscher dabei herausfanden, war eine erstaunlich hohe Verbreitung des Virus in der Stadtbevölkerung. Jeder zweite Haushalt war demnach von mindestens einem Corona-Fall betroffen. Etwas mehr als ein Drittel der Menschen in Nairobi hatte bereits eine Infektion hinter sich, was "auf eine ausgedehnte Übertragung in der Stadt hinweist, vergleichbar mit Ländern, die schwerere Formen der Pandemie melden", so die Autoren. Zum Vergleich: Laut der Zwischenauswertung der SeBluCo-Studie wiesen in Deutschland im März gerade mal knapp 8 Prozent der Bevölkerung Corona-Antikörper auf - und davon ein Drittel wohl aufgrund einer Impfung.

Dunkelziffer in Nairobi massiv

Die Studie in Kenia zeigt deutlich, wie massiv die Untererfassung ist: Nur 2,4 Prozent aller Corona-Infektionen in Nairobi wurden laut den Autoren offiziell erfasst. Die tatsächliche Verbreitung des Virus war demnach 42 Mal höher als bislang bekannt. Eine gigantische Dunkelziffer also. Dies hat auch Auswirkungen auf eine andere Kennzahl: die Sterblichkeit. Denn gibt es mehr Fälle als angenommen, sinkt die Sterblichkeit, also die Zahl der Todesfälle pro Infizierter. Laut der ihnen verfügbaren Daten errechneten die Forscher, dass in Nairobi auf 100.000 Infektionen gerade mal 40 Todesfälle kamen: "Mindestens 10 Mal weniger als frühere Schätzungen für Ostafrika und 20 bis 25 Mal niedriger als in Europa oder den Vereinigten Staaten".

Warum das so ist, wagen die Forscher nur zu vermuten: Es könne etwa mit der vergleichsweise jungen Bevölkerung zusammenhängen. So lag das Durchschnittsalter bei den Probanden der Studie bei etwa 26 Jahren, in ganz Kenia bei 20 Jahren. Mittlerweile ist bekannt, dass bei jüngeren Menschen schwere und tödliche Covid-19-Verläufe deutlich seltener sind. Mit Blick auf die Sterblichkeit hatte auch der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast betont: "Das Alter macht es aus und sonst praktisch nichts." Je jünger eine Gesellschaft sei, umso geringer die Sterblichkeit.

Allerdings stehen auch hinter der Erfassung von Corona-bedingten Todesfällen in Afrika ebenfalls große Fragezeichen. So hatte die BBC in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskommission für Afrika (UNECA) ermittelt, dass nur acht Länder in Afrika über ein "universelles Sterberegistersystem" verfügen: Ägypten, Südafrika, Tunesien, Algerien, Kap Verde, São Tomé und Príncipe, Seychellen und Mauritius. Die meisten anderen besitzen demnach zwar ebenfalls ein Sterberegister - allerdings liegen die Daten oft nur in Papierform und nicht digitalisiert vor. Sterblichkeitstrends auf nationaler Ebene können so nicht berechnet werden. Unklar bleibt so, wie hoch der Einfluss der Pandemie tatsächlich ist.

Einen Hinweis auf die Untererfassung von Corona-Toten gibt Südafrika. Die dort vergleichsweise gute Datenlage ermöglicht eine Berechnung der Übersterblichkeit. Eine Untersuchung des Zeitraums Mai 2020 bis April 2021 ergab knapp 154.000 Todesfälle mehr, als erwartbar gewesen wären. Laut offiziellen Daten verzeichnet Südafrika jedoch bis heute nur etwas mehr als 50.000 Corona-Tote. Die Differenz kommt also entweder durch nicht erfasste Corona-Todesfälle oder indirekte Folgen der Pandemie zustande.

Mehr Fluch als Segen

So scheinen die niedrigen Kennzahlen in Afrika mehr Fluch als Segen - denn ohne eine gute Datenerfassung gleitet der Kontinent im Blindflug durch die Pandemie. Auch mit Blick auf die indische Variante, deren Ausbreitung nun auch in Afrika befürchtet wird. Der Leiter des afrikanischen Zentrums für die Kontrolle und Vorbeugung von Krankheiten, John Nkengasong, hatte bereits Anfang Mai gewarnt, dass es seit Monaten "erstaunlich ähnliche" Entwicklungen in Afrika und Indien gebe. Zu den weiteren Parallelen zählen eine ähnlich hohe Bevölkerungszahl, die vielen dicht besiedelten Mega-Städte und die fragilen Gesundheitssysteme.

Hinzu kommt, dass Afrika zu den am wenigsten geimpften Weltregionen zählt. In vielen afrikanischen Ländern wurde bisher Impfstoff für weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausgeliefert. Eine Ursache ist, dass Indien den Großteil des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca produziert, der im Rahmen der Covax-Initiative an afrikanische Länder geht. Allerdings kündigte Indien Ende März an, dass es die Impfdosen für Afrika später ausliefere, um zunächst die zweite Pandemie-Welle im eigenen Land einzudämmen. Erst im Sommer rechnen Experten mit einer Entspannung auf dem weltweiten Impfstoffmarkt.

Deutlich sichtbare Spuren hat die Pandemie bereits in der Wirtschaft Afrikas hinterlassen. 2020 war der Kontinent erstmals seit 25 Jahren in die Rezession gerutscht. "Die wenigen Ressourcen, über die wir verfügen, sind in die Bekämpfung der Krankheit geflossen", sagte der Präsident der Demokratischen Republik Kongo, Felix Tshisekedi, als amtierender Vorsitzender der Afrikanischen Union diese Woche auf dem Pariser Hilfsgipfel. Die Pandemie habe die afrikanische Wirtschaft ausgelaugt. Ein Lichtblick: Über den Internationalen Währungsfonds könnten auch dank der Solidarität reicher Länder rund 100 Milliarden US-Dollar (rund 82,3 Milliarden Euro) bald als Unterstützung für den "vergessenen Kontinent" mobilisiert werden.

Quelle: ntv.de

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