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Plastikmüll und Hoffnung "Der Ozean raubt mir noch immer den Atem"

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Manchmal wird der Genuss beim Blick auf ein Meer durch herumliegenden Müll schon getrübt.

(Foto: imago images/Westend61)

Vermüllung, Überfischung, Versauerung: Die Meere befinden sich schon jetzt in einer Art Ausnahmezustand. Was sie am meisten bedroht, wie sie wirkungsvoll geschützt werden können und welche Gefühle beim Anblick vorherrschen, beantwortet einer der bedeutendsten Ozeanforscher der Welt in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Professor Rogers, können Sie noch am Meer stehen und es genießen oder sehen Sie immer gleich die Zerstörung unter der Oberfläche?

Alex Rogers: Ich war immer jemand, der in der Lage war, die Schönheit des Ozeans zu bewundern. Ich denke zwar die ganze Zeit darüber nach, wie wir Lösungen für die Probleme finden können, die der Einfluss der Menschen mit sich bringt. Aber die Fähigkeit des Ozeans, dir den Atem zu rauben, ist immer da. Was mir und anderen Leuten große Sorgen bereitet, ist die Zerstörung, die wir immer wieder sehen. Ich war 2016 auf einer Expedition, wo wir Riffe gefunden haben, von denen wir wussten, dass sie vor ein paar Jahren noch intakt waren. Jetzt konnte man direkt sehen, wo die Trawler hindurchgegangen waren. Das ist schrecklich anzusehen.

Was empfinden Sie derzeit als größte Bedrohung für die Meere?

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Die größte Ursache für den Verlust von Biodiversität in den Ozeanen ist immer noch die Übernutzung. Große Teile davon sind Überfischung, aber auch das Sammeln von Muscheln und Fischen für den Aquarienhandel. Für Korallen und andere Organismen, die im Flachwasser leben, ist der Ausbau der Küsten und Küsteninfrastruktur zusammen mit Umweltverschmutzung sehr relevant. Und dann ist da natürlich immer noch der Klimawandel. Die Ozeanerwärmung im Besonderen hat einen großen Einfluss auf viele Organismen. Vor allem für riffbildende Flachwasser-Korallen, die nicht ausweichen können, entwickelt sich das zu einer Existenzbedrohung.

Wir sprechen gerade vor allem über Plastik. Das haben Sie jetzt nicht mal erwähnt. Ist es tatsächlich gar nicht so wichtig?

Doch, Plastik stellt tatsächlich eine wesentliche Gefahr dar. Das Problem ist, dass wir im Moment noch nicht völlig verstehen, wie diese Gefahr aussieht und wie sie sich auswirkt. Wir haben eine grobe Idee von der Verteilung von großen Plastikteilen auf der Oberfläche, aber kaum ein Verständnis davon, was passiert, wenn Plastik zu Mikroplastik zerrieben wird. Für einige Gruppen wie die Mönchsrobben stellt Plastik eine große Bedrohung dar. Leider reicht das Wissen noch nicht aus, um Schlussfolgerungen zu ziehen. Wir verstehen zum Beispiel noch nicht, was mit den Tieren passiert, wenn sie sich im offenen Ozean aufhalten.

Inzwischen entscheiden sich viele Konsumenten für umweltfreundlichere Produkte. Macht das wirklich einen Unterschied?

Ich finde gerade in Großbritannien hat es einen großen Sprung gegeben, weniger Einwegplastik zu verwenden und mehr zu recyclen. Interessanterweise wird diese Entwicklung vor allem von jungen Menschen vorangetrieben. Kinder kommen aus der Schule und sagen ihren Eltern, dass sie keine Plastikstrohhalme und -einkaufstüten mehr verwenden wollen. Aber ein großer Teil des Problems sind Länder, in denen es einen großen Konsum von Einwegplastik gibt, aber keine Investitionen in die Infrastruktur, um diese Materialien einzusammeln, zu recyceln oder ihren Konsum einzuschränken. Dann passieren solche Dinge, wie ich sie in Honduras gesehen habe, wo wir auf riesige Flöße aus treibendem Plastik gestoßen sind. Das war einfach schrecklich. Wir müssen versuchen, den Entwicklungsländern zu helfen und sie zu unterstützen. Die einfache Wahrheit ist:  Wir produzieren und nutzen einfach zu viel Plastik.

Wie sprechen Sie mit Ihren Kindern über das Thema?

Meine Kinder sind natürlich von sich aus schon sehr umweltbewusst. Aber für sie sind es nicht nur die Ozeane sondern vor allem auch Palmöl, das man in einer riesigen Menge an Produkten findet und für dessen Produktion in vielen Ländern der Regenwald abgeholzt wird. Seit sie das entdeckt haben, gibt es bei uns zum Beispiel kein Nutella mehr.

Die Bekämpfung dieser Probleme klingt nach einer globalen Herausforderung.

Auf jeden Fall. Wir sind gerade an einem Punkt, an dem wir uns eigentlich zusammentun müssten, um ein paar wirklich knifflige Fragen zu Ressourcennutzung zu klären. Aber wir haben jetzt Trump in den USA, Bolsonaro in Brasilien und den Brexit in Großbritannien. Und es gibt einen definitiven Trend, dass die Zunahme von Nationalismus überall eine Abnahme von internationalen Kooperationen bewirkt. Das hat bisher nicht unbedingt direkte Auswirkungen auf unsere Umweltpolitik. Aber es lenkt von den wirklich wichtigen Problemen ab.

Wenn Sie eine Maßnahme zum Schutz der Meere sofort anordnen könnten, welche wäre das?

Es ist natürlich verlockend zu sagen: Stellt sicher, dass jede Art von Fischerei nachhaltig ist. Aber dann ignorieren wir den Klimawandel. Wir müssen die Umwelt in jede Entscheidung mit einbeziehen, die sie beeinflusst. Ob dass die Reduktion von CO2 Emissionen, Fischerei oder protzige Hotels sind, die an Küsten mit hoher Biodiversität gebaut werden. Wir müssen anfangen, den Wert und die Vorteile, die die Natur uns bringt, in unsere Berechnungen miteinzubeziehen.

Aber wir können ja nicht in vorindustrielle Zeiten zurückgehen. Wie können wir die Ozeane bewirtschaften und gleichzeitig schützen?

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Alex Rogers ist Naturschutzbiologe und lehrt an der University of Oxford.

(Foto: David Fisher)

Tja, Fischerei ist ein interessanter Aspekt. Wir wissen, wo die Probleme liegen und wir kennen auch die Lösungen. Es ist nur eine Frage von politischem und öffentlichem Willen, diese Probleme zu lösen. Die Fischereibestände haben sich in einigen Teilen der Welt durch moderne Fischerei-Management-Methoden stabilisiert. Doch das betrifft leider nur die reichen Länder, weltweit gehen die Bestände immer noch zurück. Das geschieht vor allem, weil in der sich entwickelnden Welt die Fischerei häufig noch nicht gemanagt wird. Die Einschätzung von Ressourcen, eine Vorstellung von der umweltschonendsten Art zu fischen und Schutzzonen sind ein wichtiger Teil der Formel. Ebenso wie die Bekämpfung von illegaler Fischerei.

Das wird hart, oder?

Jede einzelne dieser Maßnahmen ist hart. Aber die Kosten sind vergleichsweise gering. Vor allem, wenn man auf der Ebene der Weltwirtschaft und in einer Welt, in der wir die Ernährung von bald mehr als 10 Milliarden Menschen sichern müssen, denkt. Wir können auch von Ländern wie Indonesien lernen. Dort wurden die illegalen Fischer vertrieben und die Fänge der legalen Fischer haben sich sofort stabilisiert und verbessert. Wir verlieren jedes Jahr schätzungsweise 83 Milliarden US-Dollar durch schlechtes Fischereimanagement. Das ökonomische Argument, sich darum zu kümmern, ist also sehr stark.

Für viele Menschen im globalen Süden ist es aber eine existenzielle Frage, ob sie illegal fischen oder gar nicht fischen. Sieht der Weg für die ärmeren Länder anders aus?

Die Maßnahmen können natürlich nicht völlig identisch sein. Es ist ein Unterschied, ob man etwas in einem Land durchsetzt, das stark entwickelt ist und viel Infrastruktur und Technologie hat. Oder, ob man das Management mehr auf die Gemeinden auslegt, beispielsweise in Entwicklungsländern. Moderne Methoden zur Einschätzung für Fischerei kosten viel Geld. Aber es gibt weniger datenintensive Methoden, um Informationen über Fischbestände und Entwicklung zu erhalten. Und natürlich ist alles verbunden. Weil entwickelte Länder ihre Fangquoten herabgesetzt haben und die Bestände sich stabilisiert haben, importieren sie jetzt mehr Fisch aus Entwicklungsländern. Also haben wir das Problem in gewisser Weise exportiert.

Sie zeichnen für die Zukunft das Bild des "zerstörten" Ozeans. Wie würde der aussehen?

Wir würden erst einmal einen Rückgang der Biodiversität in den Ozeanen sehen und einige unserer wichtigsten Ökosysteme verlieren, zum Beispiel Korallenriffe, Mangrovenwälder und Seegraswiesen. Außerdem hätten wir eine Zunahme von gesundheitsschädlichen Situationen in den Ozeanen. Toxische Algenblüten, die Kontamination von Fisch und Meeresfrüchten, eine Zunahme von gefährlichen und unberechenbaren Wetterlagen, ein Verlust von Küstenschutz. Die Konsequenzen davon hätten vor allem die Entwicklungsländer zu tragen.

Trotz all der Zerstörung, die Sie gesehen haben, bleiben Sie immer vorsichtig optimistisch. Haben Sie das Gefühl, dass die Menschheit in der Lage ist, aus ihren Fehlern zu lernen?

Ja und ich bin aus zwei Gründen optimistisch. Der erste ist, dass es einfach katastrophale Auswirkungen haben wird, wenn wir weiter den Weg der Zerstörung gehen. Ich hoffe einfach, dass die Menschen das erkennen und etwas dagegen unternehmen. Zweitens haben die Ozeane eine große Wiederherstellungsfähigkeit. Es gibt viele gute Geschichten, wie sich Ökosysteme an den Küsten oder im offenen Meer erholen, wenn wir aufhören, sie zu zerstören. Nachdem der Walfang in vielen Ländern verboten wurde, haben sich zum Beispiele die Buckelwale in der Antarktis sehr schnell erholt. Und selbst Blauwale zeigen Zeichen der Erholung, auch wenn sie fast ausgestorben waren. Das ist sehr ermutigend.

Müssen wir dazu unsere Sichtweise auf die Ozeane noch einmal verändern?

Ja. Es gibt inzwischen die Erkenntnis, dass der Ozean ein hoch-verbundener Raum ist. Große Tiere wie Thunfisch, Haie und Seevögel durchqueren riesige Distanzen. Ihr Lebenszyklus hängt an einem komplexen System und wenn man das beschädigt, wird die Art darunter leiden. Wir entdecken auch immer wieder neue Wege, wie Tiere die Ökosysteme auf eine Weise beeinflussen, die wir nie für möglich gehalten haben. Zum Beispiel haben wir jetzt erst herausgefunden, dass Korallenriffe die Bildung von schattenspendenden Wolken beeinflussen können.

Ihr Großvater war Fischer an der irischen Küste. Er hat Hummer gefischt, seinen Beifang wie Haie aber getötet und zurück ins Meer geworfen. Denken Sie, er hätte das Leben in den Ozeanen mehr wertgeschätzt, wenn er mehr darüber gewusst hätte?

Ja, das glaube ich. Mein Großvater war ein Produkt der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist. Es war damals hart, immer Essen auf den Tisch zu bekommen, aber er war Fischer und hat das sicher besser hinbekommen, als manch anderer. Aber wenn ich zu ihm gegangen bin und Bücher über den Ozean dabeihatte, dann hat er sich hingesetzt und sie stundenlang angesehen. Und dann hat er mich gefragt: Lebt das hier in der Nähe? Dieses seltsame Tier? Er war ein kluger Mann, der nie die Möglichkeit hatte, etwas über den Ozean zu lernen. Ich glaube, wenn er mehr über den Ozean gewusst hätte, hätte er ihn besser geschützt.

Mit Alex Rogers sprach Wilhelmine Bach

Quelle: ntv.de