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Neue Pläne für Überschallflüge Der Traum vom Concorde-Nachfolger lebt

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Erinnert eindeutig an die Concorde: die Overture von Boom. So soll sie einmal aussehen - gebaut wurde sie bislang nicht.

(Foto: Boom)

Die Concorde ist das spektakulärste Flugzeug in der Geschichte der zivilen Luftfahrt. Sie befindet sich zwar längst im Museum, doch der Traum vom Überschallflug lebt. Überall auf der Welt tüfteln Entwickler an einem Nachfolger.

Auf der Speisekarte standen Kaviar, Hummer und Dom Pérignon, zu den Passagieren zählten Boris Becker, Paul McCartney und Queen Elizabeth - ein Aufenthalt an Bord der Concorde versprach Glamour und Exklusivität. Doch die große Faszination des schlanken und eleganten Flugzeugs machte vor allem etwas anderes aus: die schier unglaubliche Geschwindigkeit. Die Concorde flog doppelt so schnell wie der Schall und überbrückte die Distanz zwischen London und New York in weniger als dreieinhalb Stunden. Von 1976 waren die 16 Maschinen im Dienste von Air France und British Airways über den Wolken unterwegs und brachten je rund 100 Passagiere mit bis zu 2405 km/h an ihr Ziel.

Die beiden Fluggesellschaften motteten die fliegenden Legenden nach einem Absturz im Jahr 2000 und den Anschlägen vom 11. September 2001 schließlich 2003 ein - die Nachfrage war angesichts von Terrorgefahr und Ticketpreisen über 8000 Euro und mehr eingebrochen. Heute stehen die Superflieger in Museen, in Deutschland etwa in Sinsheim, oder wurden in Einzelteile zerlegt und verkauft. Luxus gibt es noch immer, doch ist Kosteneffizienz zur entscheidenden Größe geworden, Geschwindigkeit allein reicht nicht mehr. Aber dennoch, die Faszination Überschallflug lebt. Überall auf der Welt tüfteln Ingenieure an neuen superschnellen Jets, die die Concorde beerben sollen.

Auf den Spuren der Concorde - ein Flugzeug namens Overture

Ehrgeizige Pläne verfolgt etwa das US-Startup Boom. Ihr Flugzeug namens Overture soll mit 2,2 Mach, also mit doppelter Schallgeschwindigkeit oder 2335 km/h den Himmel entlangdonnern. 55 bis 75 Passagiere sollen in ihr Platz finden, also etwas weniger als im großen Vorbild, dem es optisch stark ähnelt. Wie die Concorde soll die Overture in der Stratosphäre fliegen, die Reiseflughöhe wird bei 18 Kilometern liegen - etwa doppelt so hoch wie bei normalen Verkehrsflugzeugen.

Mitte der 2020er-Jahre soll das Flugzeug bereits in den Dienst gehen. Dafür hat Unternehmensgründer Blake Scholl bislang 141 Millionen US-Dollar an Investorengeldern eingesammelt. In diesem Jahr will Boom schon einen ersten Prototypen in die Luft bringen, den Flieger XB-1. Dabei handelt es sich um eine deutlich kleinere Version des späteren Fliegers, mit dem Daten für die weitere Entwicklung gesammelt werden sollen. Ob der ehrgeizige Zeitplan eingehalten werden kann, ist fraglich. Der XB-1 sollte ursprünglich schon 2017 abheben, dann 2018, nun also 2019.

Mit leisem Knall - das X-Plane der Nasa

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Die Nasa mischt ebenfalls beim Thema Überschallflug mit. Ziel der US-Raumfahrtbehörde ist es vor allem, den Überschallknall leiser werden zu lassen. Denn das war einer der großen Kritikpunkte an der Concorde: der Krach. Wenn Flugzeuge die Schallmauer durchbrechen, ist am Boden eine Art Donnergrollen zu hören - und genau das ist der Grund, warum beispielsweise in den USA Überlandflüge von Überschalljets verboten sind. Daher durfte die Concorde beispielsweise nur in New York landen und erst über dem Atlantik auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigen.

Anfang April dieses Jahres meldete die Nasa, dass sie gemeinsam mit Lockheed Martin mit dem Bau des X-Planes begonnen habe. Das Flugzeug soll mit 1,5-facher Schallgeschwindigkeit (etwa 1600 km/h) fliegen können und dafür auf knapp 17 Kilometer Höhe aufsteigen. Das 28 Meter lange Flugzeug soll aber selbst noch keine Passagiere transportieren, sondern Daten sammeln, um den leisen Überschallflug zu ermöglichen. Für Mitte der 2020er-Jahre sind Testflüge über sechs US-Städten geplant. Die Ergebnisse sollen dazu dienen, die US- und die Internationale Luftfahrtbehörde (ICAO) davon zu überzeugen, den Überschallflug zuzulassen.

Die neue Business-Class? Der Aerion AS2

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Der Business-Jet der Zukunft? Modell eines Aerion AS2.

(Foto: Aerion)

Das Startup Aerion arbeitet bereits seit Jahren an einem Businessjet, der zwölf Passagiere mit Überschallgeschwindigkeit an ihr Ziel bringen soll. Ursprünglich arbeitete Airbus an dem AS2 mit, im Oktober 2018 hieß es dann, Boeing sei der neue Partner. Auch Lockheed Martin, GE Aviation und Honeywell sind demnach mit an Bord. Im Jahr 2025 soll der AS2 zertifiziert werden.

Prunkstück dabei ist das neuentwickelte Antrieb Affinity, das erste zivile Überschalltriebwerk seit 50 Jahren, wie es auf der Aerion-Webseite heißt. Der AS2 soll mit 1,4 Mach unterwegs sein und so auf der Route London - New York eine Stunde und 55 Minuten schneller sein als bisherige Flugzeuge, die etwa sieben Stunden benötigen. Über Land soll der AS2 dagegen nur mit 0,95 Mach fliegen, um einen Überschallknall zu vermeiden. Das Paket kommt an - Ende 2015 bestellte die Business-Fluggesellschaft Flexjet bereits 20 Maschinen. Dabei ist der erste Flug erst für 2023 geplant.

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Airbus und seine Studie mit Raketenantrieb

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Die Concorde zog auch Kritik auf sich, weil sie gewaltige Mengen Kerosin verbrauchte – umweltfreundlich ist das nicht. An diesem Punkt setzt Airbus an. Beim Projekt Zehst ("Zero Emission High-Speed Transport") geht es darum, ein Hochgeschwindigkeitsflugzeug möglichst ohne Abgase zu entwickeln. Teil davon ist ein Patent, das im November 2015 in den USA angemeldet wurde. Dabei geht es um ein Flugzeug, das sogar 4,5 Mach schnell sein soll. Die Strecke London - New York wäre für die 50 bis 100 Passagiere in einer Stunde möglich.

Die Maschine soll mittels Biokerosin-betriebenen Raketentriebwerken in 32 Kilometer Flughöhe aufsteigen und kurz vorm Ziel dann wieder in einen steilen Sinkflug gehen. Die Passagiere sollen daher in hängemattenähnlichen Sesseln mehr liegen als sitzen. Insgesamt sollen drei verschiedene Antriebe für die verschiedenen Flugphasen zum Einsatz kommen. Noch ist es aber ein weiter Weg dahin. Erst 2050 soll die Maschine den Flugbetrieb aufnehmen. Wenn überhaupt - denn noch steht das Projekt ganz am Anfang.

Eine neue "Concordski" aus Russland?

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Sah aus wie eine Concorde, war aber keine: die Tupolew Tu 144.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Als Briten und Franzosen gemeinsam die Concorde entwickelten, lieferten sie sich auch einen Wettstreit mit Ingenieuren der Sowjetunion. Auch dank Industriespionage entwickelten diese ebenfalls einen Überschalljet, die Tupolew Tu 144. Die sah der Concorde so ähnlich, dass sie im Westen auch "Concordski" genannt wurde. Sie wurde 1975 in Dienst gestellt und durchbrach noch vor der Concorde die Schallgeschwindigkeit. Ein Absturz bei einer Pariser Flugshow im Jahr 1973 ramponierte dann ihr Image, technische Probleme und hohe Kosten führten zum Ende des Programms im Jahr 1983.

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Der Langstreckenbomber Tu 160 könnte als zivile Variante 30 Passagiere transportieren. Ob es dazu kommt, ist aber ungewiss.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt aber auch in Russland Überlegungen, wieder einen Überschalljet zu konstruieren. Erst im Februar regte Präsident Wladimir Putin an, eine zivile Variante des Langstrecken-Bombers Tupolew Tu 160 zu bauen. Der weist bereits Ähnlichkeiten zu einer Concorde auf und könnte laut "Sputnik" bis zu 30 Passagiere transportieren. Noch 2017 hatte Tupolew das allerdings abgelehnt - zu teuer, zu aufwändig sei die Produktion, außerdem sei die verwendete Militärtechnik geheim.

So unterschiedlich all diese Konzepte sind - die Concorde steht überall Pate. Sie bleibt auch für eine neue Generation von Ingenieuren die große Inspiration. Und eines scheint derzeit sicher: Die neuen Maschinen werden zwar sauberer, effizienter und vielleicht sogar schneller als die Concorde sein. Doch eine Legende wie um die "Göttin der Lüfte" wird es kein zweites Mal geben.

Quelle: n-tv.de

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