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Kampagne gegen den SCHE1SSTYP Diabetes Typ 1: Früherkennung und Prävention

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Auf vielen U- und S-Bahnhöfen sind die Plakate zu sehen.

(Foto: Helmholtz-Zentrum München)

Mit einer ungewöhnlichen Kampagne in mehreren deutschen Städten wird zurzeit für Diabetes Typ 1 sensibilisiert. Das Ziel der dahinterstehenden Forscher ist es, Risikopatienten zu identifizieren und bei ihnen zu verhindern, dass die Krankheit überhaupt erst ausbricht

Timmy hat es. "TIMMY IST T1MMY". Auch Tina gehört dazu: "TINA IST T1NA". Sie beide haben den "SCHE1SSTYP": Diabetes Typ 1. Die Plakat-Kampagne, die derzeit mit insgesamt 1500 Plakaten in mehreren deutschen Großstädten ausgerollt wird, erregt sofort Aufmerksamkeit. Genau das ist auch beabsichtigt.

Denn mit der Kampagne soll mit Diabetes Typ 1 die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. In Deutschland sind mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren an Diabetes Typ 1 erkrankt, Tendenz steigend. "Diabetes Typ 1 wird leider sehr häufig sehr spät diagnostiziert. Das liegt auch daran, dass die Erkrankung unter anderem bei Kinderärzten und Eltern kaum präsent ist", sagt Annette Ziegler, Direktorin des Helmholtz-Zentrums für Diabetesforschung und Professorin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Eine frühe Diagnose ist unter anderem deshalb hilfreich, weil vieles darauf hindeutet, dass bei Diabetes Typ 1 Folgeschäden verhindert werden können, wenn das Leiden frühzeitig entdeckt und behandelt wird. Denn ein dauerhaft hoher Blutzucker – wie er bei vielen unbehandelten Diabetes-Patienten vorliegt – führt im Laufe der Zeit zu Ablagerungen in den Gefäßen und zu diversen anderen Begleiterkrankungen.

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Anette Ziegler ist Direktorin des Helmholtz-Zentrums für Diabetesforschung und Professorin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

(Foto: Institut für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum München)

Aber die Initiatoren der Kampagne gehen noch einen Schritt weiter: "Wir wollen Diabetes Typ 1 nicht nur im Bewusstsein der Ärzte und Eltern verankern und so eine frühere Diagnose ermöglichen. Wir wollen es auch schaffen, dass Kinder, die ein erhöhtes Risiko haben, an Diabetes Typ 1 zu erkranken, gar nicht erst erkranken", sagt Ziegler. Dazu hat sie gemeinsam mit anderen Medizinern aus Europa ein frühes Screening angesetzt, das noch nicht bundesweit standardmäßig durchgeführt wird, sondern bislang nur Freiwillige einschließt. Und davon gibt es bereits eine Menge, allein in Bayern wurden bereits 90.000 Kinder getestet. Doch es könnten noch viel mehr sein. Die Kampagne soll auch Eltern und Ärzte aufmerksam machen auf die Möglichkeit, Neugeborene an dem Screening teilhaben zu lassen.

Ein Tropfen Blut reicht aus

Das Screening ist ebenso unkompliziert wie verlässlich: Anhand eines Blutstropfens von Neugeborenen wird deren Risiko für die Entwicklung eines Diabetes Typ 1 bestimmt. Das geschieht über einen Gentest, in den insgesamt 47 Gene einzeln gewichtet mathematisch in das Ergebnis einfließen. Heraus kommt eine theoretische Wahrscheinlichkeit, im Kindesalter an Diabetes Typ 1 zu erkranken. Normalerweise liegt dieses Risiko bei weniger als 1:200.

Diejenigen Neugeborenen, die im Test ein Risiko von 1:25 oder höher erzielen, haben damit ein deutlich erhöhtes Risiko. Die Kenntnis darüber hat gleich mehrere Vorteile. Wer beim Screening auffällig war, der wird regelmäßig auf Diabetes Typ 1 getestet, so dass die Diagnose früh gestellt werden kann. Auf diese Weise muss es nicht erst zu Komplikationen wie etwa einer Keto-Azidose kommen. Und: Die frühe Diagnosestellung kann auch helfen, eine frühe Behandlung zu beginnen und Folgeschäden zu verringern.

Zu einer Keto-Azidose kommt es, wenn der Blutzucker enorm hoch ist. Der Stoffwechsel entgleist, was schon einmal zum Koma bis hin zum Tod führen kann, viele Kinder mit einer Keto-Azidose müssen tagelang auf der Intensivstation betreut werden. "Manchmal kommt es im Rahmen einer Keto-Azidose auch zur Diagnosestellung. Dadurch tritt die Krankheit ins Leben der Kinder und Familien in Form einer Katastrophe, ein denkbar schlechter Start", erklärt Ziegler.

Insulin über die Nahrung

Doch Ziegler und ihre Kollegen wollen noch einen Schritt früher ansetzen: Sie machen Eltern von Risikokindern das Angebot, an einer Präventionsstudie teilzunehmen. Dabei wird der normalen Nahrung Insulinpulver beigemischt. Durch die Aufnahme über den Verdauungstrakt wirkt das Hormon aber nicht blutzuckersenkend, sondern es wird in kleine Bausteine zerlegt und im Darm dem Immunsystem präsentiert.

Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunkrankheit. Das Immunsystem attackiert die Zellen der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren und zerstört sie langfristig. Durch die Insulin-Gaben soll – eine Toleranz des Körpers aufgebaut und der Angriff auf die Zellen in der Bauchspeicheldrüse unterbunden werden.

Ein solches Verhindern, dass die Erkrankung überhaupt ausbricht, wäre für jeden Betroffenen ein unschätzbar großes Geschenk. Denn wie eine aktuelle Studie im Fachmagazin "Lancet" zeigt, sinkt die Lebenserwartung der Betroffenen durch die Schäden an verschiedenen Organsystemen teilweise mehr als zehn Jahre.  

Doch der Vorteil der frühen Behandlung oder gar dem vollständigen Verhindern der Krankheit ist nicht nur auf Neugeborene beschränkt. Ziegler und ihr Team führen auch Screenings bei älteren Kindern durch, bei Acht- oder Neunjährigen. Auch sie können von einer frühen Diagnose profitieren und, falls bei ihnen bislang lediglich ein erhöhtes Risiko vorliegt, noch mit Insulinpulver behandelt werden, um die Wahrscheinlichkeit des Ausbrechens von Diabetes Typ 1 zu verringern. Denn wegen dieses Zweiklangs ist die Kampagne so bedeutsam: Sie zielt einerseits darauf ab, eine Krankheit möglichst früh zu entdecken und andererseits, diese ganz zu verhindern.

Dieser Beitrag ist aus der Helmholtz-Redaktion und erschien zuerst bei helmholtz.de.

Quelle: ntv.de, helmholtz.de