Wissen

Viel zu viel Fett im Blut Diabetiker trinkt sich in Lebensgefahr

imago41221414h.jpg

Milch ist ein gehaltvolles Nahrungsmittel.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Viele Ärzte veröffentlichen außergewöhnliche Krankengeschichten, um Kollegen und Betroffenen mit unklaren Krankheitsbildern zu helfen. In einem aktuellen Fall aus London wird von Blutfetten erzählt, die völlig außer Kontrolle geraten. Der Milchkonsum des Patienten spielt dabei eine Rolle.

Ein Mann stellt sich in der Notaufnahme des Royal Free London mit starken Schmerzen im Oberbauch vor. Die Beschwerden seien innerhalb von vier Tagen schlimmer geworden. Erbrechen und Fieber seien außerdem hinzugekommen, berichten die Mediziner im Fachblatt "BMJ Case Reports" über ihren Patienten. Der Bauch des 39-Jährigen wird abgetastet und zeigt sich weich. Nach eigenen Angaben ist der Patient Nichtraucher und trinkt nur selten Alkohol. Zudem hat er Übergewicht und Diabetes Typ-2, nimmt allerdings die verordneten Medikamente seit ein paar Monaten nicht mehr ein.

Die Mediziner vor Ort wollen sich wegen der unspezifischen Symptome die Blutwerte des Mannes ansehen. Doch dann der Schock: Die Blutprobe kann aufgrund des zu hohen Blutfettanteils mit herkömmlichen Mitteln nicht im Labor des Krankenhauses analysiert werden. Die Blutfette des Mannes scheinen völlig außer Kontrolle geraten zu sein. Als Wert für die sogenannten Triglyceride werden in einem anderen Labor schließlich 114,4 Milimol pro Liter Blut (mmol/l) ermittelt. Als normal gelten Werte von 0 bis 2,3 mmol/l. Auch sein Cholesterinspiegel ist mit 27,5 mmol/l deutlich erhöht. Als normal werden hier Werte zwischen 0 und 5,0 mmol/l eingeordnet. Der Zustand des Mannes wird aufgrund dieser Werte als lebensbedrohlich eingestuft. Herzinfarkt oder Schlaganfall drohen.

Suche nach Ursachen

Das entnommene Blut muss zur weiteren Untersuchung in ein Speziallabor geschickt werden. Die Ärzte können zu diesem Zeitpunkt noch keine eindeutige Diagnose stellen. Sie halten es für möglich, dass der Mann eine entzündete Bauchspeicheldrüse hat. Eine Erkrankung, unter der er bereits drei Jahre zuvor litt. Damals verlief diese allerdings nicht mit solchen viel zu hohen Blutfettwerten wie aktuell ermittelt. Aus diesem Grund ist auch eine genetische Stoffwechselerkrankung als Ursache denkbar.

Die Werte aus dem Speziallabor offenbaren, dass auch die Zahl der weißen Blutkörperchen sowie die Werte des sogenannten C-reaktiven Proteins und des Langzeit-Blutzuckerspiegels erhöht sind. Beide Werte sind Hinweise auf eine Entzündung im Körper des Patienten. Tatsächlich können die Mediziner bei ihrer weiteren Diagnostik eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse feststellen. Da diese oftmals mit Gallensteinen einhergeht, wird der Patient auch auf diese untersucht, jedoch ohne Befund. Bevor die Ärzte weitere Untersuchungen durchführen, wird der Mann nochmals zu seinem Lebensstil und seinen Ernährungsgewohnheiten befragt. Er gibt zu, seit ungefähr sechs Monaten täglich zwei, manchmal sogar bis zu sechs Liter Vollmilch zu trinken. Er habe damit angefangen, weil er das Gefühl hatte, dass durch die Milch sein Sodbrennen gelindert werde. Irgendwann sei es wie zu einer Sucht geworden.

Diabetes wirkt sich vielfach aus

Da sich Diabetes Typ-2 nicht nur auf den Blutzucker, sondern auch auf die Fette im Blut auswirkt, ist es für die Ärzte nun nicht mehr verwunderlich, dass die Blutfette des Mannes so stark erhöht sind. Schließlich enthält ein Liter Vollmilch mindestens 3,5 Prozent Fett. Der Abbau solcher großen Mengen Fett ist vor allem im Körper eines Diabetikers irgendwann nicht mehr möglich.

Mit dem Wissen vom übermäßigen Milchverzehr können die Ärzte nun die Diagnose stellen und ihren Patienten gezielt behandeln. Der Mann bekommt im Krankenhaus Schmerzmittel, Insulin und eine Reihe blutfettsenkender Medikamente. Zudem erhält er Flüssigkeit über einen Tropf. Nach einer zehntägigen stationären Behandlung können die Blutfettwerte so auf 7,5 mmol/l gesenkt werden. Die Cholesterinwerte des Mannes liegen bei dessen Entlassung sogar im Normbereich. Der Patient wird noch im Krankenhaus darüber aufgeklärt, in welche lebensbedrohliche Situation er sich durch den übermäßigen Milchkonsum bei gleichzeitiger Nichteinnahme seiner Diabetes-Medikamente gebracht hat. Ihm wurde mit Nachdruck nahegelegt, in Zukunft die ihm verordnete Arznei regelmäßig einzunehmen und auf eine ausgewogene Ernährung zu achten.

Der Mann erklärte, nachdem es ihm wieder besser ging: "Ich war schockiert, wie schlimm mein Zustand war. Für mich war die Milch wie eine Sucht, aber ich wusste nicht, was das für meine Gesundheit bedeutet. Ich hörte mit der Einnahme von Metformin auf, weil ich mich unwohl fühlte, aber niemand hatte mir jemals erklärt, warum es wichtig ist, dass ich es einnehme." Die Ärzte weisen in ihrem Bericht darauf hin, dass sich die Ernährungsberatung für Diabetiker häufig auf die Reduzierung von zuckerhaltigen Lebensmitteln konzentriere. Ihr Fall sei jedoch ein Hinweis darauf, dass auch ein übermäßiger Konsum von Milchprodukten, die sonst als wichtiger Bestandteil für eine ausgewogene Ernährung gelten, bei Diabetikern sogar lebensbedrohliche Auswirkungen haben kann.

Quelle: ntv.de