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Vorreiter der Medizingeschichte Die erste Bluttransfusion war ein Experiment

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Das Bild zeigt die erste Gabe von einer mit Citratlösung haltbar gemachten Blutkonserve am 9. November 1914 in einem Krankenhaus in Bueons Aires.

(Foto: wikipedia / gemeinfrei)

Blut ist ein wertvoller Saft und kann, in einen anderen Körper übertragen, Leben retten. Bis Mediziner verstanden, unter welchen Voraussetzungen das möglich ist, vergingen einige Jahrhunderte. Der erste erfolgreiche Versuch gelang am 1. September 1818. Wer diesen wagte und wer noch an der Geschichte der Bluttransfusion mitschrieb, erzählt Professor Axel Pruß vom Institut für Transfusionsmedizin an der Charité in Berlin in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Professor Pruß, seit dem 17. Jahrhundert wurden medizinische Versuche mit Blutübertragungen beim Menschen durchgeführt. Was hat James Blundell anders gemacht als seine Vorgänger?

Axel Pruß: Blundell hat vor allem den Mut bewiesen, die in Tierversuchen, meistens an Hunden, gewonnenen positiven Erkenntnisse der direkten Blutübertragung von einem Individuum zum anderen auf Menschen zu übertragen. Es zeugt von großem Pioniergeist, verbunden mit einem wissenschaftlichen Ansatz, einen solchen Therapieversuch vorzunehmen. Blundell war sich der Risiken bewusst und wusste vermutlich ebenso, dass er in den medizinischen Fachkreisen der damaligen Zeit Kritik ernten würde. 

Es wird von der ersten erfolgreichen Blutübertragung am 1. September gesprochen, obwohl Blundells Patient nur zwei weitere Tage überlebte. Wieso?

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Der Kupferstich aus dem Jahr 1820 zeigt den Mediziner James Blundell.

(Foto: wikipedia / gemeinfrei)

Blundell hielt im Jahr 1818 eine Vorlesung vor der medizinisch-chirurgischen Gesellschaft in London. Er trug seine Ergebnisse der Tierversuche hinsichtlich therapeutischer Effekte und Techniken vor. Danach führte er die Bluttransfusion am Guy's-Hospital in London an einem schwererkrankten Patienten mit Magen-Karzinom durch. Da der Tod erst nach zwei Tagen eintrat, könnte davon ausgegangen werden, dass das übertragene Blut im Hinblick auf die damals noch nicht bekannten AB0-Blutgruppen kompatibel war. In diesem Fall wäre die Sauerstoffversorgung des Patienten durch die Zufuhr von Erythrozyten, also roten Blutkörperchen, erhöht worden und der gewünschte Erfolg somit eingetreten. Es bleibt jedoch offen, ob der Tod transfusionsassoziiert war oder in Zusammenhang mit der Grunderkrankung stand. Sicher ist hingegen, dass Blundell im Oktober 1825 eine erfolgreiche Bluttransfusion bei einer schwer blutenden Wöchnerin durchführte, die danach wieder gesund wurde.

Welche wichtigen Meilensteine gibt es noch auf dem Weg zur Bluttransfusion, wie wir sie heute kennen?

Zwei ganz wichtige und grundlegende Entdeckungen waren die des AB0-Blutgruppensystems durch Karl Landsteiner 1901 und der Einsatz von Natriumcitrat durch Richard Lewinsohn 1915, der damit die Gerinnung des Blutes verhindern konnte. Nun musste Blut nicht mehr direkt vom Spender zum Empfänger übertragen werden. Mit der Erfindung der Dreifach-Rollenpumpe durch Alfred Beck wurde es ab 1924 möglich, Blut schnell und direkt in den Spender zu pumpen. Das Gerät bekam den Namen "Beck'sche Mühle". Ihr Einsatz bildete ab 1933 die Grundlage für die Entwicklung des Blutspendewesens in Deutschland. 1940 folgte die Entdeckung des Rhesus-Blutgruppensystems. Noch im gleichen Jahr gelang es Edwin Cohen das Blutplasma, also den flüssigen Anteil des Blutes in Albumin, Immunglobuline, Fibrinogen zu zerlegen.  

Spenderblut ist weltweit knapp. Wagen Sie eine Prognose, ob man jemals darauf verzichten kann, weil es gleichwertigen Ersatz gibt?

Zurzeit sehe ich keinen wissenschaftlich fundierten Ansatz, künstliches Blut herzustellen.

Sind Sie selbst Blutspender?

Nein, leider nicht. Meine Venenverhältnisse lassen eine Entnahme von 500 Millilitern Vollblut nicht zu. Ich habe jedoch eine Organ- und Gewebespendeausweis.

Mit Professor Axel Pruß sprach Jana Zeh.

Quelle: ntv.de

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