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Gefahr durch G4-Virus aus China Droht jetzt eine Doppel-Pandemie?

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Auch angesichts drohender Grippewellen dürften Gesichtsmasken noch lange zum Alltag gehören.

(Foto: imago images/Stefan Zeitz)

Die Coronavirus-Pandemie wütet noch immer auf der Welt - besonders in Südamerika breitet sich der Erreger wieder aus, ebenso wie im Süden und Westen der USA. Auch im bevölkerungsreichen Indien steigen die Infektionszahlen. Gleichzeitig haben Forscher in China ein neues Virus ausgemacht, dem sie das Potenzial zuschreiben, eine weitere Pandemie auszulösen: das Grippevirus mit dem Namen G4. Droht der Menschheit also womöglich eine Doppel-Pandemie? Hier ein Überblick über die wichtigsten Fragen.

Was für einen Erreger haben Forscher in China entdeckt?
Es handelt sich um ein Grippevirus. Es ist mit dem H1N1-Virus verwandt, welches im Jahr 2009 eine Pandemie mit weltweit rund 18.500 Toten ausgelöst hatte. Der neue Erreger trägt den Namen G4 EA H1N1, oder kurz G4. Die Forscher mehrerer chinesischer Universitäten und des chinesischen Zentrums für Krankheitsbekämpfung konnten das Virus in Schweinen nachweisen und isolieren - seit 2016 soll es vermehrt bei den Tieren auftreten. Ihre Erkenntnisse haben sie in einer Studie veröffentlicht, die in der US-Fachzeitschrift "PNAS" erschienen war. Die Studie beruht auf der Überwachung von Schweinen in zehn chinesischen Provinzen aus den Jahren 2011 bis 2018.

Kann das Virus auch den Menschen befallen?
Bisher haben die Forscher indirekt nachweisen können, dass sich auch Menschen mit dem G4-Virus infizieren. Sie hatten 338 Blutproben von Arbeitern in 15 Schweinefarmen genommen, sowie 230 Blutproben von Menschen, die in der Nähe der Betriebe wohnen. Durch Antikörpertests fanden die Wissenschaftler heraus, dass sich 10,4 Prozent der Mitarbeiter mit G4 angesteckt hatten. Darunter viele junge Menschen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Auch 4,4 Prozent der übrigen Bevölkerung seien dem Virus ausgesetzt gewesen, heißt es in der Studie.

Wie gefährlich ist das G4-Virus?
Anhand von Tierversuchen zeigte sich, dass G4 hochinfektiös ist und bei Frettchen schwerwiegendere Symptome verursacht als andere Viren. Versuche mit Frettchen werden bei Grippestudien deshalb gemacht, weil die Tiere ähnliche Symptome wie Menschen entwickeln. Auch in menschlichen Zellen vermehrt sich der Erreger den Untersuchungen zufolge. Tests zeigten zudem, dass jegliche Immunität, die Menschen durch die saisonale Grippe gewinnen, keinen Schutz vor G4 bietet. Allerdings konnte bisher noch keine krankmachende Wirkung einer G4-Infektion bei Menschen beobachtet werden. Dies könnte sich laut Experten aber noch ändern.

Könnte das G4-Virus eine neue Pandemie auslösen?
In ihrer Studie schreiben die chinesischen Forscher, dass der Erreger "alle notwendigen Kennzeichen eines Kandidaten für ein Pandemie-Virus" besitze. Allerdings gibt es bisher keinen Nachweis, dass das Virus sich auch von Mensch zu Mensch überträgt, was die Voraussetzung für eine Pandemie wäre. Es sei jedoch besorgniserregend, dass sich das Virus an den Menschen anpasse und sich damit das Pandemie-Risiko erhöhe, schreiben die Studienautoren. Allerdings zweifelt die chinesische Regierung die Aussagekraft der Studie an. Der Umfang der Proben in dem Bericht sei klein und nicht repräsentativ, hieß es aus Peking. Die zuständigen Behörden und Experten wollen den neuen Erreger aber im Blick behalten.

Könnten Menschen sich gleichzeitig mit dem Coronavirus und G4 anstecken?
"Die Viren nehmen keine Rücksicht darauf, ob schon ein anderer Erreger da ist. Es kann durchaus zu einer parallelen Infektion kommen", warnt Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht gegenüber ntv.de. Dadurch könnte sich auch das Risiko eines schweren Verlaufs einer Corona-Infektion erhöhen - auch bei jungen Menschen, die bisher nicht besonders gefährdet seien, so der Mediziner.

Wie würde sich eine Doppel-Pandemie von Sars-Cov-2 und G4 auswirken?
Wenn bei einer anhaltenden Corona-Pandemie, die im Herbst und Winter auch in Europa wieder an Fahrt gewinnen könnte, eine G4-Pandemie hinzukäme, könnte dies das Gesundheitssystem stark belasten, warnt Dr. Specht. Dafür bedürfe es jedoch keiner G4-Pandemie - bereits im Fall einer saisonalen Grippewelle drohten Probleme: "Wenn wir eine so eine heftige Grippewelle bekommen würden wie 2017/18, könnte das bei einer grassierenden Corona-Pandemie die Kapazität der Krankenhäuser übersteigen."

Können die bestehenden Maßnahmen aus der Corona-Krise, wie Abstandsgebote oder Maskenpflicht an öffentlichen Orten, dazu beitragen, dass sich die Gefahr einer Doppel-Pandemie in Grenzen hält?
Möglicherweise. Hinweise darauf liefert der Verlauf der Grippewelle 2019/20, welche laut einer ersten Analyse des Robert-Koch-Instituts (RKI) um mindestens zwei Wochen kürzer ausfiel als in den fünf jährlichen Grippewellen zuvor. Dazu dürften laut RKI die "bundesweiten Maßnahmen zur Eindämmung und Verlangsamung der Covid-19-Pandemie in Deutschland erheblich beigetragen haben". Einen wesentlichen Anteil hätten Schulschließungen gehabt, heißt es weiter, da Kinder für die Verbreitung der jährlichen Grippe eine wesentliche Rolle spielten.

Dr. Specht betont daher, dass auch Kontaktbeschränkungen, Abstandhalten und das Tragen von Masken ab September und Oktober wieder wichtig werden könnten. "Was wir derzeit an Maßnahmen machen, ist also so etwas wie eine Generalprobe."

Kann man sich mit einer Impfung zumindest gegen die saisonale Grippe zusätzlich vor einer Doppel-Infektion schützen?
Ja. "Gerade in der kommenden Saison ist eine Influenza-Impfung den vom RKI empfohlenen Gruppen unbedingt anzuraten", sagt Dr. Specht. Dazu zählen unter anderem Menschen ab 60 Jahren, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen (eine genaue Übersicht finden Sie hier). Zwar lasse sich durch die saisonale Impfung eine Grippeinfektion nicht in jedem Fall gänzlich vermeiden, sagt Dr. Specht. Die Ausprägung der Erkrankung werde dann aber deutlich abgeschwächt. "Und das kann in der kommenden Saison den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, wenn es zu einer Co-Infektion mit dem neuen Coronavirus kommt."

Quelle: ntv.de