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Meinung je nach Land verschieden Einen Menschen opfern, um viele zu retten?

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Mit drei Szenarien haben Forscher die Bereitschaft von Menschen weltweit getestet, eine Person zu opfern, um fünf andere zu retten.

(Foto: Awad et al/dpa)

Dass es grundsätzlich falsch ist, einen Menschen zu töten, ist klar. Wie sieht es aber aus, wenn dadurch mehrere andere gerettet werden können? Diese schwierige Frage haben Forscher 70.000 Menschen weltweit gestellt. Je nach Land fielen die Antworten ganz unterschiedlich aus.

Würden Sie einen Menschen opfern, um fünf andere zu retten? Die Antwort auf diese Frage fällt unterschiedlich aus - je nachdem, in welchem Land man sie stellt. In Deutschland und vielen anderen westlichen Ländern etwa ist die Bereitschaft dazu höher als in China und vielen ostasiatischen Ländern, berichten Wissenschaftler in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS). Mit ihrer Untersuchung wollten sie unter anderem herausfinden, welche grundlegenden moralischen Überzeugungen die Menschen teilen und welche kulturell geprägten Unterschiede es gibt.

Das Team um Edmond Awad von der University of Exeter Business School (Großbritannien) bediente sich in der Studie eines bekannten moralischen Dilemmas, des Trolley-Problems (deutsch: Straßenbahn-Problem). Das beschreibt folgendes Szenario: Eine Straßenbahn fährt ungebremst auf fünf Gleisarbeiter zu. Es ist möglich, den Zug auf ein Nebengleis umzulenken, auf dem ein Gleisarbeiter steht. Er würde unweigerlich sterben, die anderen fünf wären gerettet.

Frage an 70.000 Menschen aus 42 Ländern

Die Wissenschaftler stellten 70.000 Menschen aus 42 Ländern mit zehn unterschiedlichen Sprachen die Frage, ob sie den Zug umlenken würden. Zudem fragten sie nach dem Urteil zu zwei Varianten des Geschehens: Im zweiten Szenario wird der Zug ebenfalls umgelenkt, fährt danach aber in einer Schleife auf das Hauptgleis mit den fünf Arbeitern zurück. Nur wenn der Mensch stirbt, hält sein Körper den Zug auf. Sein Tod ist in diesem Szenarion nicht nur ein Nebenprodukt, sondern Voraussetzung, um die anderen zu retten. Im dritten Szenario muss ein großer Mann aktiv von einer Brücke gestoßen werden, um das Leben der fünf zu retten.

Die Auswertung der Online-Befragung ergab nun, dass weltweit die Bereitschaft, einen Menschen für die Rettung von fünf anderen zu opfern, im ersten Szenario am größten ist. Szenario 2 und 3 folgen dann mit abnehmender Bereitschaft.

Unterschiede fanden die Wissenschaftler im Ausmaß der Bereitschaft, einen Menschen zu opfern: In Deutschland hielten etwa 82 Prozent der Befragten es für richtig, den einzelnen Arbeiter durch Umlenken des Zuges zu opfern. In China waren es nur 58 Prozent. Noch größere Abweichungen fanden sie für das dritte Szenario: 49 Prozent der Deutschen fanden es richtig, den Mann von der Brücke zu stoßen. In Vietnam waren es 66 Prozent, in China 32.

Zusammenhang mit Stellenwert von Beziehungen

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Problem auch bei autonomem Fahren: "Wie sollen selbstfahrende Fahrzeuge sich verhalten, wenn ein Unfall nicht zu verhindern ist?"

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie fanden heraus, dass es dabei einen Zusammenhang gibt mit dem kulturell unterschiedlichen Stellenwert von Beziehungen. In Ländern, in denen Beziehungen häufig langfristig bestehen und die Möglichkeiten, neue zu knüpfen beschränkt sind, ist die Opferbereitschaft grundsätzlich geringer. Aus Angst, ihre Beziehungen zu verlieren, könnten sie vor unpopulären Entscheidungen wie dem Opfern eines Menschen zurückschrecken, erläutern die Forscher. Angaben dazu, wie sehr diese "soziale Beweglichkeit" in einzelnen Ländern ausgeprägt ist, entnahmen sie einer früheren Untersuchung dazu.

"Die Menschen befürchten möglicherweise, dass sie als 'Monster' wahrgenommen werden könnten, wenn sie bereit sind, das Leben eines Menschen für das Allgemeinwohl zu opfern", sagt Iyad Rahwan, einer der beteiligten Forscher vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Dass der Zusammenhang tatsächlich bestehe, müssten weitere Untersuchungen bestätigen. Die Forscher schränken ein, dass ihre freiwillige Online-Befragung nicht repräsentativ sei. Etwa ein Drittel ihrer Teilnehmer seien junge, gebildete Männer und reflektiere die Diversität der betrachteten Gesellschaften nicht.

Das Straßenbahn-Problem habe im Zuge der Debatte um autonome Fahrzeuge ein Revival erfahren, sagt Rahwan. "Wie sollen selbstfahrende Fahrzeuge sich verhalten, wenn ein Unfall nicht zu verhindern ist? Soll das Fahrzeug einer Menschengruppe ausweichen und dabei die Insassen des Autos opfern? Universelle Grundsätze, an die sich Ingenieurinnen und Programmierer von autonomen Fahrzeugen halten könnten, gibt es nicht."

Quelle: ntv.de, Anja Garms, dpa