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Geoglyphen bleiben ein Rätsel Erbe der Nasca-Kultur ruht in Peru

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Der Kolibri ist deutlich zu erkennen.

Rocco Thiede

Die riesigen Wüstenzeichnungen der Nasca-Kultur erkennt man nur aus der Luft. Die zum Weltkulturerbe zählenden Geoglyphen in der Wüste Perus wurden als "Zeichen der Götter" gedeutet. Sie werfen für Forscher noch immer reichlich Fragen auf.

"Es sind große Zeichnungen auf dem Wüstenboden. Die Figuren, von denen es ja gar nicht so viele gibt, kann man am besten aus der Luft betrachten", erklärt der Altamerikanist Professor Markus Reindel vom "Deutschen Archäologischen Institut" (DAI). Seit Jahrzehnten arbeiten Wissenschaftler an der Entschlüsselung eines der größten archäologischen Rätsel. Etwa 440 Kilometer südlich der Hauptstadt Lima kann man die Geoglyphen der Nasca-Kultur bestaunen. Die "Zeichen der Götter" gehören zum Weltkulturerbe und entstandenen zwischen 200 vor bis 600 nach Christus. Reindel und Kollegen sind der Meinung, dass die Geoglyphen einst für rituelle Handlungen genutzt wurden. Schriftliche Zeugnisse gibt es von dieser Kultur nicht. Die Wissenschaftler sind auf die Interpretationen ihrer Funde in der Wüste angewiesen.

Neben Trapezen, Dreiecken und Linien zeigen die riesigen Scharrbilder auch Figuren wie eine Spinne, einen Affen, einen Kolibri oder einen Orca. Dass es sich um rituelle, religiöse Symbole handelt, beweisen die dort in Gräbern gefundenen bunten mit Ritualszenen illustrierten Keramiken. "Diese Geoglyphen sind auf den wüstenhaften Hochflächen zwischen den Tälern angebracht", beschreibt Reindel. Was ihn am meisten fasziniert "ist diese intellektuelle Leistung, wie die Menschen diese sterile wüstenhafte Umwelt in ihr soziales Umfeld eingebunden und alles in eine Rituallandschaft umfunktioniert haben."

Anfertigungen über Generationen hinweg

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Professor Markus Reindel beschäftigt sich mit den Nasca-Linien.

(Foto: Rocco Thiede)

Die Bodenzeichnungen entstanden in einem Zeitraum von über 800 Jahren. Sie waren also bestimmt nicht das Werk einzelner Künstler und "es war sicherlich auch eine Ritualhandlung die Geoglyphen anzulegen. Sie wurden von Generation zu Generation immer wieder verändert und weiter ausgebaut", erklärt der Wissenschaftler, der sich seit Jahrzehnten mit der Archäologie, Geschichte und Religion des Andenraumes beschäftigt. Heute werden die archäologischen Fundplätze mit modernster Technik erforscht. Internationale Forscherteams aus Deutschland, den USA, Italien und Peru bringen dabei Drohnen zum Einsatz und werten ihre Ergebnisse am Computer aus.

Bei der Interpretation der Forschungsergebnisse haben pseudowissenschaftlichen Theorien der Präastronautik des Schweizer Bestsellerautoren von Däniken keine Relevanz. "Seine Ansichten sind mit wissenschaftlichen Argumenten leicht zu widerlegen. Wer sich mit der Nasca-Kultur beschäftigt, merkt die Religion ist hier ganz wichtig".

Die Nasca-Region ist Teil einer der trockensten Wüsten der Welt. In den Fluss-Oasen richteten sich die Menschen ihr Leben mit Landwirtschaft ein. Wasser war lebenswichtig und die Menschen baten bei religiösen Praktiken darum. "Das sehen wir in vielen Darstellungen der Grabungsbefunde und darum drehte sich ihr Glauben. Ihre Gottheiten sind Fruchtbarkeitsbringer, die Bringer des Wassers".

Alles hat eine Seele

Die polytheistischen Religionen haben für Menschen, die an einen Gott glauben und mit dem Monotheismus erzogen wurden, oft etwas Einfaches, kindlich-verspieltes ja manches Mal naives. Das ist ein moderner und Ansatz, denn die Religion der Nasca ist wie andere frühe Naturreligionen viel komplexer. "Das ist Animismus mit einer erstaunlichen Abstraktion – besonders bei dieser Konzentration auf eine Gottheit. Man betrachtete seine Umwelt als beseelt. Es gibt Berge und Bäume, die eine Seele haben. Das Wasser ist nicht nur ein physisches Element, sondern dem wohnt eine Seele inne". bestätigt Reindel.

Die Menschen der Frühzeit waren selbst Teil dieser Natur. Man glaubte Götter beeinflussen zu können: mit Opfergaben, mit Ritualen, mit Ansprachen. Ein Spezifikum der Nasca-Kultur und ihres Glaubens war, dass man sich Möglichkeiten schuf in die beseelte Welt einzudringen, zum Beispiel in Form von schamanistischen Praktiken. Man versetzt sich in Trance. "Ein Element der schamanistischen Praxis ist die Seelenwanderung. Es herrschte die Überzeugung, dass die Seele von einem Priester in die eines Tieres übergehen kann". Die damaligen Menschen verkleideten sich als Tiere. Das war Teil des Rituals und ihre natürliche und menschlich-religiöse Welt war ganz eng miteinander verwoben.

Wie und warum ging die Kultur der Nasca um 600 nach Christus unter? Eine Antwort darauf findet man in klimatischen Veränderungen, weil es immer trockener wurde. "Es gab eine sehr lange, sehr trockene Periode, die offenbar dazu geführt hat, dass kein Wasser mehr verfügbar war und die Menschen die Region verließen. Das war im wörtlichen Sinne der Untergang einer Kultur", erklärt Reindel.

Quelle: n-tv.de

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