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Milde Fälle bei Omikron-Variante Werden Viren mit der Zeit wirklich harmloser?

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Die neue Omikron-Variante von Sars-CoV-2 verblüfft Forscher mit einer Fülle an Mutationen. Doch wie wirkt sich das auf ihre Virulenz aus?

(Foto: imago images/Science Photo Library)

Laut einer verbreiteten Annahme werden Erreger mit der Zeit harmloser. Könnte dies mit dem Auftauchen der Omikron-Variante auch bei Sars-CoV-2 der Fall sein? Schließlich wird bisher nur von milden Verläufen berichtet. Doch Experten erteilen dem Mythos eine Absage.

Die neue Omikron-Variante stürzt die Welt in ein Wechselbad der Gefühle. Die Menge an Mutationen in ihrem Erbgut überraschte selbst den Charité-Virologen Christian Drosten. Gleichzeitig gibt es Zeichen der Hoffnung: Ärzte aus Südafrika und Israel berichten von lediglich milden Symptomen bei Omikron-Infizierten. Auch die bisher rund 80 in der Europäischen Union erfassten Fälle zeigen nur milde Verläufe. Schwer erkrankt ist bislang noch niemand.

Ist das Coronavirus also endlich harmloser geworden - so, wie es eine seit Beginn der Pandemie bemühte These nahelegt? Laut dieser ist es für einen Erreger ungünstig, seinen Wirt zu töten und mit der Zeit werden sich automatisch Varianten durchsetzen, die weniger virulent ist. Die Virulenz eines Erregers bezeichnet die Schwere der Erkrankungen, die er auslöst. Sie kann etwa anhand der Fallsterblichkeit gemessen werden.

Doch bereits kurz nach Bekanntwerden der milden Omikron-Infekte bemühten sich Experten, den Mythos vom sich abschwächenden Virus wieder zu zertrümmern. "Viren entwickeln sich nicht zwangsläufig so weiter, dass sie im Laufe der Zeit weniger virulent werden", schrieb etwa Evolutionsbiologe Carl Bergstrom von der University of Washington in einem längeren Twitter-Beitrag. Die Vorstellung, dass Viren zwangsläufig infektiöser, aber weniger virulent werden, sollte wirklich "ad acta gelegt werden", kommentierte der US-Epidemiologe Michael Mina die Aussagen Bergstroms. Und auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach pflichtete bei: "Wunschdenken."

Verweichlichter Kaninchen-Killer

Doch woher stammt dann das Gerücht vom harmloser werdenden Virus? Seinen Ursprung hat es in Australien. Im Jahr 1950 grassierte dort eine Kaninchenplage, und um ihr Herr zu werden, wurde das Myxomavirus gezielt ausgesetzt. Es sollte die Massen an verwilderten europäischen Kaninchen dezimieren - und tat es auch: 99 Prozent der infizierten Tiere verendeten. Allerdings verlor das Virus mit der Zeit an Tödlichkeit. Vermutet wird, dass die Kaninchen zu schnell starben, um das Virus weiterzugeben. Seine Chancen erhöhten sich demnach erst wieder, als es ungefährlicher wurde und seine Wirte länger überlebten.

Doch ist das auch auf Sars-CoV-2 übertragbar? "Bei Covid, wo der Tod erst Wochen nach dem Ende der Übertragung eintritt, dürfte dies kaum eine Rolle spielen", schrieb Bergstrom. Er verwies zudem auf andere Viren, die ebenfalls nichts an ihrer Tödlichkeit eingebüßt hätten. Die Grippe etwa sei noch immer viel schlimmer als eine Erkältung. Dasselbe gelte noch stärker für Masern und erst recht für Pocken. Zwar sei es möglich, dass Sars-CoV-2 derart mutiert, dass es weniger tödlich wird, so Bergstrom. Allerdings sei dies dann eher ein "Glücksfall".

Vorstellung "viel zu simpel"

Auch Edward Holmes, Evolutionsbiologe von der University of Sydney, bezeichnete gegenüber der "Zeit" die Vorstellung, dass ein Erreger mit der Zeit harmloser wird, weil es von Vorteil für ihn ist, als "viel zu simpel". Ob ein Virus harmloser oder gefährlicher werde, hänge von zahlreichen Faktoren ab, wie etwa dem Übertragungsweg, so Holmes. Als Beispiel nennt er das RHD-Virus, das 1996 erneut in Australien und wieder gegen Kaninchen eingesetzt wurde. Erstaunlicherweise wurde der Erreger mit der Zeit noch tödlicher. Möglicher Grund, so Holmes: Das Virus wurde von Fliegen von Kaninchenkadavern auf andere Kaninchen übertragen. Tote Kaninchen waren also gut für seine Ausbreitung.

Dieser Mechanismus spielt bei Covid-19 zum Glück keine Rolle. Aber auch bei Sars-CoV-2 gibt es Hinweise darauf, dass neue Varianten gefährlicher sind als ihre Vorgänger. In zwei verschiedenen Studien aus Kanada und Schottland wurden Patienten, die sich mit der Delta-Variante infiziert hatten, häufiger ins Krankenhaus eingeliefert als Patienten, die sich mit Alpha oder dem ursprünglichen Virus angesteckt hatten. Für den Mythos vom harmloser werdenden Virus ein echter Rückschlag. Bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens Omikron oder einer seiner Nachfolger ein evolutionärer Glückstreffer für die Menschheit ist.

Quelle: ntv.de

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