Fakten & Mythen

Nur mies drauf oder schon krank? Jede Depression muss behandelt werden

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Wo hört die Melancholie auf, wo fängt die Depression an? Wer sich länger als zwei Wochen müde, niedergeschlagen oder traurig fühlt, sollte einen Arzt aufsuchen.

(Foto: imago/Westend61)

Jede Depression ist ein Tiefpunkt im Leben. Durch die psychische Störung wird die Lebensqualität der Betroffenen und oftmals auch die ihrer Angehörigen enorm eingeschränkt. Aus einem lebenslustigen, liebevollen Partner kann ein todtrauriger, interessenloser Jemand werden. Da die Erkrankung individuell sehr verschieden verläuft, gibt es auch eine Menge Irrtümer darüber. n-tv.de klärt auf.

Depressionen sind nachvollziehbare Reaktionen auf schwierige Lebensumstände.

Falsch! "Ganz wichtig ist zu unterscheiden zwischen einer depressiven Verstimmung zum Beispiel nach Verlusterlebnissen und einer echten Depression", sagt Professor Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe in einem Gespräch mit n-tv.de. "Wenn man sich nach Schicksalsschlägen oder Misserfolgen mal für einige Tage müde, niedergeschlagen oder traurig fühlt, so ist das Teil des oft auch bitteren Lebens und keine Erkrankung. Derartige Verstimmungen werden nach einiger Zeit von besseren Gefühlen abgelöst", so Hegerl weiter. Halten diese Symptome allerdings länger als zwei Wochen an, dann sollte man einen Arzt aufsuchen. Eine echte Depression ist nämlich eine behandlungsbedürftige Erkrankung wie andere Erkrankungen auch. "Die Depression kann sich innerhalb weniger Tage oder auch über mehrere Wochen hinweg entwickeln. Sie verläuft meistens in Phasen und dauert unbehandelt oft mehrere Monate ", weiß der Experte. Bei schweren Verläufen fühlt der Betroffene gar nichts mehr. Innere Leere und das Gefühl von Sinnlosigkeit sind bei vielen vorherrschend. Da Depression eine schwere und oft auch lebensbedrohliche Erkrankung ist, sollte rasch professionelle Hilfe gesucht werden. Ein erster Schritt, um zu erfahren, ob man an einer Depression leidet, kann ein Selbsttest im Internet sein, der den Besuch beim Facharzt und eine ärztliche Diagnose aber nicht ersetzt.  

Nur wer viel Stress hat, kann auch eine Depression bekommen.

Stress an sich macht nicht automatisch depressiv. Auch wenn Dauerstress ungesund ist und als ernst zu nehmender Faktor für die Entstehung einer Depression gilt, reicht er als Ursache für die Entstehung einer Depression nicht aus. Auch das Gegenteil von Stress, nämlich Langeweile und ein Defizit an Aufgaben kann ein Faktor für das Auslösen einer Depression sein. Das Gefühl der Überforderung ist jedoch bei der Mehrheit der Menschen mit Depressionen vorherrschend, egal, ob der Erkrankung eine tatsächliche Überforderung vorausgegangen ist oder nicht.

Ein langer Urlaub kann helfen, um eine Depression abzuwenden. 

Bei depressiv Erkrankten bessern sich die Erschöpfung und die anderen Krankheitszeichen nicht durch eine mehrwöchige Auszeit oder Urlaub. Die Depression reist nämlich mit. Bei einigen Betroffenen kann die vermeintlich schönste Zeit des Jahres sogar dazu führen, dass die Symptome als noch unerträglicher wahrgenommen werden. Selbst eine Krankschreibung bei Depression ist nicht für jeden Betroffenen hilfreich. Die Symptome einer Depression können sich bei zu viel Ruhe sogar verstärken.

Die Depression trifft nur sensible Menschen.

Falsch! Eine Depression kann jeden treffen, ganz egal, wie sensibel, oberflächlich, selbstsicher oder erfolgreich jemand ist. Eine Depression ist nämlich kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Erkrankung wie andere auch. Die Ursachen einer Depression sind multifaktoriell, genauso wie die Auslöser. Auch Alter und Geschlecht sind nicht ausschlaggebend für die Erkrankung an einer Depression. Bestimmte Umwelteinflüsse und eine bestimmte genetische Disposition kann das Risiko, an einer Depression zu erkranken, erhöhen. Leiden Mutter oder Vater an einer Depression, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder ebenfalls an einer Depression erkranken, zwei- oder dreifach erhöht.

In den letzten Jahren gibt es immer mehr Menschen mit Depressionen.

Auch wenn Krankenkassen von einem starken Anstieg an Patienten mit Depressionen berichten, halten Experten dagegen. "Weil immer mehr Menschen professionelle Hilfe suchen und Depressionen wesentlich öfter von Ärzten erkannt werden, gibt es auch mehr Patienten mit Depressionen", bestätigt Hegerl die Expertenansicht. Der Anteil der Betroffenen in der Bevölkerung allerdings habe sich dagegen nicht verändert. Hegerl weist auf den Rückgang der Suizide in den letzten Jahrzehnten hin. "Depressionen gelten als die häufigste Ursache für einen Suizid. Vor 30 Jahren lag die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland bei rund 18.000 Menschen im Jahr. Gegenwärtig geht man von knapp 10.000 Suiziden jährlich aus. Das ist zwar immer noch eine schreckliche Zahl, trotzdem ist es eine gute Entwicklung", betont der Professor. Allerdings gibt es andere psychische Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz oder bestimmte Suchterkrankungen, die häufiger werden.

Antidepressiva helfen nicht und machen darüber hinaus sogar abhängig.

Eine Depression verläuft zwar individuell, trotzdem kann die Diagnose vom Fachmann meist sicher gestellt werden. Die Wahl der wirksamsten Therapie stellt für den behandelnden Arzt eine wichtige Aufgabe dar. Häufig wird die Behandlung medikamentös mit Antidepressiva eingeleitet. Wegen des Auftretens von unerwünschten Nebenwirkungen, einer relativ langen Wartezeit bis zum Eintreten einer Wirkung und unterschiedlicher Therapieerfolge ist die Medikamentengruppe in Verruf geraten, nicht besser zu wirken als ein Placebo und darüber hinaus auch noch Abhängigkeiten zu verursachen. Tatsächlich kann der behandelnde Arzt die Wahl des richtigen Medikamentes aus einem breiten Spektrum von Antidepressiva, die sich derzeit auf dem Markt befinden, treffen. Egal, ob die Wirkstoffe aus der Klasse sogenannter Wiederaufnahme-Hemmer kommen oder die Botenstoffe des Gehirns auf andere Art und Weise beeinflussen: "Antidepressiva sind gut wirksame Medikamente, und fast immer gelingt es, ein Antidepressivum zu finden, das wirksam ist und auch gut vertragen wird", sagt Hegerl. Abhängig machen moderne Antidepressiva nicht, weder körperlich noch psychisch. Wenn Antidepressiva abgesetzt werden sollen, so sollte das langsam und schrittweise erfolgen. Bei abruptem Absetzen kann es einen sogenannten Rebound (Absetznebenwirkungen) geben, mit Unruhe und körperlichen Mißempfindungen sowie der Gefahr des Wiederauftretens der depressiven Symptome. Derartige Absetzreaktionen findet man auch bei anderen Medikamenten. Diese sind also kein Zeichen einer Abhängigkeit.

Depressionen kann man auch mit Schlafentzug erfolgreich behandeln.

Richtig! Schlafentzug ist eine sehr wirksame Behandlungsform, die Patienten in vielen Fachkliniken angeboten wird. Zu ihrer Überraschung bemerken mehr als 60 Prozent der Patienten mit Depressionen, dass sich nach einer durchwachten Nacht in den frühen Morgenstunden die Stimmung plötzlich aufhellt und die Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit abklingen. "Viele depressiv Erkrankte leiden morgens nach dem Aufwachen am stärksten unter ihrer Depression und das sind die Patienten, die auch am besten auf die Wachtherapie ansprechen", erzählt Hegerl aus der Praxis. Die Wachtherapie basiert auf der Annahme, dass eine durchwachte Nacht die Neigung zum Schlaf erhöht. Aus diesem Grund schaltet das Gehirn einen Gang runter und die Betroffenen werden innerlich ruhiger. Was sich rabiat anhört, wird in vielen Kliniken als einfache, aber wirksame Standardtherapie angeboten. Das Problem dieser Behandlung ist, dass die Symptome nach einem Nickerchen am folgenden Mittag oder der nächsten Nacht bei vielen Patienten wieder zurückkehren. Dennoch kann die Methode den Betroffenen Hoffnung machen, auch wenn die Besserung des Zustandes nur vorübergehend ist.

Depressionen beginnen immer in der dunklen Jahreszeit.

Falsch! Wie schon erwähnt, entwickelt sich eine Depression schleichend mit multifaktoriellen Ursachen. So tritt sie auch über das ganze Jahr weitgehend gleichmäßig verteilt auf. Was viele gesunde Menschen zu Beginn der dunklen Jahreszeit verspüren, ist der Herbst- oder Winterblues - ein Stimmungstief, das durch vermehrte Dunkelheit, Kälte und zu wenig Bewegung an frischer Luft bedingt ist. Daneben gibt es die sogenannte saisonale Depression (SAD), die allerdings eher selten auftritt. Betroffene leiden, anders als Patienten mit einer typischen, nicht-saisonal abhängigen Depression, unter Gewichtszunahme in Folge von Heißhunger auf Süßigkeiten und einer verlängerten Schlafdauer.

Nur Erwachsene können Depressionen bekommen.

Falsch! Kinder und Jugendliche, egal in welchem Alter, können Depressionen entwickeln. Die Symptome sind nach Altersgruppen jedoch sehr unterschiedlich. Säuglinge und Kleinkinder bis drei Jahren können apathisch und teilnahmslos sein. Sie machen immer wieder die gleichen Bewegungen und verletzen sich manchmal selbst. Viele sind sehr anhänglich oder jammern oft. Insgesamt sind sie in ihrer Entwicklung zurück, leiden unter Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Auch Kinder im Kindergartenalter zeigen solche Symptome. Sie sind zudem sehr ängstlich und unsicher. Manche von ihnen kapseln sich ab und wollen nicht mit anderen Kindern spielen. Je älter Kinder werden, umso mehr entwickeln sie die typischen Symptome der Depression. Bei Jugendlichen zeigen sich zu Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten, Bauch- und/oder Rückenschmerzen, Schuldgefühle und übermäßige Selbstkritik im Wechsel mit aggressivem Verhalten. Die Schwierigkeit, bei Jugendlichen eine Depression zu diagnostizieren, besteht darin, dass die Symptome wie beispielsweise Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen und Gereiztheit den Auswirkungen der Pubertät gleichen. Ein weiteres Problem besteht bei dieser Altersklasse darin, dass Hilfe von außen nicht angenommen wird oder werden kann. Ob es sich bei den Heranwachsenden tatsächlich um eine Depression handelt oder um Pubertätserscheinungen, kann nur ein Kinder- und Jugendpsychologe herausfinden.

Quelle: n-tv.de

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