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Tropischer Regenwald in Uganda, Afrika.
Tropischer Regenwald in Uganda, Afrika.(Foto: imago/imagebroker)
Mittwoch, 08. August 2018

Trotz massiver Abholzung: Forscher messen Zuwachs an Baumflächen

Wird die Erde grüner? Einer Studie zufolge wächst der Baumbestand auf der Erde - trotz umfangreicher Abholzungen in den Tropen. Andere Forscher sehen die Untersuchung skeptisch. Im Zentrum des Streits steht die Frage: Wann ist ein Wald ein Wald?

Wird unser Planet grüner oder nicht? Diese Frage wird in der Wissenschaft heftig diskutiert. Eine US-Studie stärkt nun jene Position, welche die Baumbedeckung des Planeten auf einem guten Weg sieht. Forscher um den Geografen Xiao-Peng Song von der University of Maryland berichten im Fachblatt "Nature", dass die Erde an Baumflächen gewinne, zudem würden kahle Gebiete abnehmen.

Das Team wertete Satellitenbilder aus den Jahren 1982 bis 2016 aus und analysierte die Veränderungen der Landbedeckung. Diese teilten sie in drei Kategorien: kahle Böden, kurzer Pflanzenbewuchs und Baumbewuchs, zu dem Vegetation über fünf Metern Höhe zählte. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Baumbedeckung im Beobachtungszeitraum trotz der Abholzungen vor allem in den Tropen um über sieben Prozent zunahm. Konkret sind dies 2,24 Millionen Quadratkilometer, die vor allem durch Zuwächse in subarktischen, subtropischen und gemäßigten Zonen hinzugekommen seien. Der Anteil kahler Flächen sank demnach um 1,16 Millionen Quadratkilometer - vor allem in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten Asiens.

"Baumbewuchs nicht synonym mit Wäldern"

Die Wissenschaftler schreiben, Baumbewuchs sei nicht synonym mit Wäldern. Diese Unterscheidung betont auch Melvin Lippe vom Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie, der an der Studie nicht beteiligt war. Solche Untersuchungen ließen vor allem Aussagen über die Quantität der Landbedeckung zu, nicht aber über deren Qualität, sagt er. Insgesamt sei die Studie sauber, vor allem der lange Analysezeitraum sei eine große Stärke.

Die lange Zeitreihe beinhalte aber auch einen Nachteil, so Lippe: "Die ersten Satellitenbilder hatten eine Auflösung von einem Quadratkilometer, was eher ungenau ist." Heute könne die Auflösung unter einem Quadratmeter liegen.

Generell beobachteten die Geografen um Song große regionale Unterschiede. So nahm der Baumbewuchs insbesondere in den Bergen zu, während er in trockenen und halbtrockenen Regionen - etwa in Australien, China und im Südwesten der USA - zurückging.

Größter Verlust in Südamerika

Wald in Brasilien: Dort schwand die Baumfläche am stärksten.
Wald in Brasilien: Dort schwand die Baumfläche am stärksten.(Foto: imago/AGB Photo)

Die größten Verluste an Baumbewuchs gab es demnach in Südamerika: In Brasilien schwand diese Fläche um 385.000 Quadratkilometer oder 8 Prozent, in Argentinien um 113.000 Quadratkilometer oder 25 Prozent, in Paraguay um 79.000 Quadratkilometer oder 34 Prozent. Hier mussten die Bäume vor allem Ackerflächen weichen. Zum Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von 357.000 Quadratkilometern. In anderen Regionen wie dem Westen der USA waren Insekten, Waldbrände, Hitzewellen und Dürren ursächlich für den Schwund.

Alles in allem nehme der Baumbewuchs auf der Nordhalbkugel zu, während er auf der Südhalbkugel schrumpfe. Die Forscher betonen zudem, dass die Veränderungen der Landbedeckung zu 60 Prozent direkt auf menschliche Aktivitäten zurückgingen und zu 40 Prozent auf indirekte Einflüsse wie den Klimawandel.

Veränderte Landnutzung

Dabei unterstreichen sie, dass ihre Ergebnisse nicht einfach bedeuteten, dass der Planet grüner werde, vielmehr zeigten sie eine veränderte Landnutzung durch den Menschen. So schreiben sie von einem mittlerweile "menschlich dominierten Erdsystem".

Auch Experte Lippe vom Thünen-Institut betont, man könne nicht einfach von einem globalen Begrünungstrend sprechen: "Grundsätzlich stimmt das. Das sagt aber nichts darüber aus, wie viel Biomasse das ist oder welche Holzqualität dem Zuwachs entspricht." Man könne davon ausgehen, dass es weniger Primärwälder gebe und mehr von Menschen angelegte Plantagen und degradierte Waldflächen von geringerer ökologischer Qualität.

Forscher-Streit um Begriff Wald

Erst kürzlich stritten Biologen im Fachblatt "Science" darüber, wann ein Wald eigentlich ein Wald ist. Eine Gruppe um Jean-François Bastin von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hatte geschrieben, dass es 4,67 Millionen Quadratkilometer mehr Wald auf der Erde gebe als bisher verzeichnet. Darauf regte sich Kritik von Wissenschaftlern um den Waldökologen Daniel Griffith von der Oregon State University: Bastin und sein Team hätten Wälder ungenau definiert, viele der neu klassifizierten Forste seien eigentlich Savannen.

Einen ähnlichen Streit gab es zwischen der FAO und Umweltschützern: So hatte die FAO 2015 verkündet, dass sich der Schwund der Wälder verlangsame. Seit 1990 sei der weltweite Waldbestand "nur" um drei Prozent geschrumpft. Umweltschützer halten dem entgegen, dass die FAO auch industrielle Baumplantagen als Wälder zähle. Das verfälsche Zahlen über die Waldbedeckung der Erde und verschleiere das wahre Ausmaß der Waldvernichtung.

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Quelle: n-tv.de