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Vom Parasiten zum Symbionten Haarbalgmilben werden eins mit dem Menschen

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Einem internationalen Forschungsteam ist es erstmals gelungen, eine vollständige DNA-Analyse des Demodex folliculorum zu erstellen.

(Foto: imago images/Kalcutta)

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Sie werden auf uns geboren, sie ernähren sich von uns, sie paaren sich auf uns und sie sterben auf uns: Die winzigen Haarbalgmilben sind so sehr auf den Menschen angewiesen, dass sie sich allmählich vom Parasiten zum Symbionten entwickeln, finden Forscher heraus. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil.

Sie sind etwa 0,3 Millimeter lang und leben auf uns, mit uns, von uns: Haarbalgmilben der Art Demodex folliculorum. Die meisten Menschen sind Wirte für diese Milben, die den Großteil ihres kurzen Lebens kopfüber in unseren Haarfollikeln, vorrangig im Gesicht, verbringen. Tatsächlich ist der Mensch sogar der einzige Lebensraum für Demodex folliculorum. Ihr gesamter Lebenszyklus dreht sich darum, abgestorbene menschliche Hautzellen zu fressen.

Neue Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass Demodex folliculorum für sein Überleben so sehr auf den Menschen angewiesen ist, dass die mikroskopisch kleinen Milben dabei sind, sich von einem Ektoparasiten zu einem internen Symbionten zu entwickeln - und zwar zu einem, der eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehung mit seinem Wirt eingeht. Mit anderen Worten: Diese Milben verschmelzen allmählich mit unserem Körper, sodass sie dauerhaft in und auf uns leben.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen, eine vollständige DNA-Analyse unserer winzigen Mitbewohner zu erstellen. Durch die Sequenzierung der Genome kann das Team um Alejandra Perotti Schlüsse über Paarungsgewohnheiten, Körpermerkmale und die evolutionäre Zukunft von Demodex folliculorum ziehen. "Wir haben festgestellt, dass diese Milben eine andere Anordnung von Genen für Körperteile haben als andere ähnliche Arten, weil sie sich an ein geschütztes Leben in Poren angepasst haben", erklärt die Biologin von der University of Reading in Großbritannien. "Diese Veränderungen in ihrer DNA haben zu einigen ungewöhnlichen Körpermerkmalen und Verhaltensweisen geführt."

Haarbalgmilben sitzen in unseren Haarfollikeln von Gesicht, Wimpern und Brustwarzen. Während ihres kurzen zweiwöchigen Lebens ernähren sich vom Talg, der von den Zellen in den Poren abgegeben wird - ihre einzige Nahrungsquelle. Dabei sind sie weder Nahrungskonkurrenten, Feinden noch anderen Bedrohungen ausgesetzt.

Nächtlicher Milben-Sex auf unserem Gesicht

Diese isolierte Existenz, in der sie nicht mit anderen Milben konkurrieren und auch keine anderen Wirte befallen, führte laut der neuen Studie, die in der Fachzeitschrift "Molecular Biology and Evolution" erschienen ist, zu einer genetischen Reduktion. Das bedeutet: Sie sind zu extrem einfachen Organismen geworden, ihr Genom ist auf das Wesentliche reduziert. So werden die winzigen Beine von nur drei einzelligen Muskeln angetrieben, und ihr Körper verfügt über das absolute Minimum an Proteinen - gerade einmal so vielen, dass sie überleben können. Demodex folliculorum besitzt demnach die geringste Anzahl an Proteinen, die jemals bei dieser oder einer verwandten Art beobachtet wurde.

Die Gen-Reduktion ist auch der Grund für ihr nächtliches Verhalten, heißt es in der Studie. Die Haarbalgmilben kommen nur im Schutz der Dunkelheit heraus, um langsam und mühsam über die Haut zu krabbeln, einen Partner zu finden und sich hoffentlich zu paaren, bevor sie wieder in die sichere Dunkelheit eines Follikels zurückkehren.

Denn den Milben fehlt der UV-Schutz. Zudem haben sie das Gen verloren, das dafür sorgt, dass sie bei Tageslicht erwachen. Gleichzeitig sind sie aber auch nicht in der Lage, Melatonin zu produzieren - einen Stoff, der kleine wirbellose Tiere nachts aktiv werden lässt. Das übernimmt der Wirt für sie. Menschen geben nämlich nachts Melatonin über die Haut ab, die Demodex folliculorum dann fressen. Nur so ist es ihnen möglich, sich zu paaren und fortzupflanzen.

Das Sexualleben der Haarbalgmilben ist dabei auch eher ungewöhnlich. Im Gegensatz zu anderen Milben haben sich die Fortpflanzungsorgane durch die spezielle Gen-Anordnung auf die Vorderseite des Körpers verlagert, wobei der Penis des Männchens vom Rücken aus nach vorne und oben ragt, schreiben die Forscherinnen und Forscher. Das bedeutet, dass er sich für die Paarung unter dem Weibchen positionieren und an einem menschlichen Haar festklammern muss.

Die evolutionäre Sackgasse

Die mühsame Paarung ist für das Überleben der winzigen Kreaturen wichtig. Doch der potenzielle Genpool ist sehr klein: Es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten zur Erweiterung der genetischen Vielfalt. Dies könnte bedeuten, dass die Haarbalgmilben auf dem Weg in eine evolutionäre Sackgasse sind, vermuten die Studienautoren. Schlimmstenfalls könnten sie aussterben. So etwas wurde bereits bei in Zellen lebenden Bakterien beobachtet, allerdings noch nie bei einem Tier, heißt es in der Studie.

Was zunächst nach keinem großen Verlust klingt, muss nicht unbedingt ein Vorteil für den Menschen sein. Bislang ging die Wissenschaftswelt davon aus, dass Demodex folliculorum keinen Anus hat und stattdessen Kot in seinem Körper ansammelt, der nach dem Tod der Milbe freigegeben wird und Hautkrankheiten verursachen kann. Dies widerlegt das Forschungsteam in seiner Studie. Die Haarbalgmilben haben demnach sehr wohl einen Anus, der wohl wegen seiner geringen Größe früher einfach übersehen wurde.

"Milben wurden schon für vieles verantwortlich gemacht", sagt Henk Braig, Mitautor der Studie und Zoologe an der Universität Bangor in Wales. "Die lange Verbundenheit mit dem Menschen könnte aber auch darauf hindeuten, dass sie einfache, hilfreiche Aufgaben haben könnten, zum Beispiel, die Poren in unserem Gesicht offenzuhalten".

Und noch ein weiterer Irrglaube über diese Milbenart wurde in der Studie widerlegt. Die Milben haben im Nymphenstadium, also im jungen Alter, viel mehr Zellen als später im Erwachsenenstadium. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass parasitisch lebende Tiere ihre Zellzahl schon früh in der Entwicklung reduzieren. Der Forschungsarbeit zufolge zeige all das, dass die Milben auf dem Weg von Parasiten zu Symbionten sind.

Quelle: ntv.de

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