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Corona-Schutz von 70 Prozent Ist der Astrazeneca-Impfstoff ein Reinfall?

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Die groß angelegten Studien für den Astrazeneca-Impfstoff wurden in Großbritannien und Brasilien durchgeführt

(Foto: dpa)

Ein weiterer Corona-Impfstoff beweist einen Schutz vor Covid-19. Das Unternehmen Astrazeneca meldet jedoch eine geringere Wirksamkeit als die Konkurrenz: Im Schnitt liege diese bei 70 Prozent. Dennoch bewerten Experten die Ergebnisse als positiv. Und das aus verschiedenen Gründen.

Mit dem britischen Pharmariesen Astrazeneca hat bereits der dritte westliche Hersteller positive Ergebnisse zur Wirksamkeit zu einem Corona-Impfstoff gemeldet. Allerdings ist das zusammen mit der Universität Oxford entwickelte Präparat im Schnitt nur zu 70 Prozent wirksam - das geht aus Zwischenergebnissen klinischer Studien in Großbritannien und Brasilien hervor. Ist der Impfstoff seinen Konkurrenten von Biontech/Pfizer und Moderna unterlegen? Letztere hatten eine Wirksamkeit ihrer Impfstoffe von jeweils um die 95 Prozent vermeldet.

Astrazeneca hatte zwei verschiedene Dosierungen getestet: Zum einen wurden zwei volle Dosen im Abstand von mindestens einem Monat geimpft - bei diesem Dosierungsschema zeigte sich eine Wirksamkeit von nur 62 Prozent. Wurde das Vakzin jedoch zunächst mit einer halben Dosis verabreicht, gefolgt von einer vollen Dosis im Abstand von mindestens einem Monat, lag die Wirksamkeit bei 90 Prozent. Dabei war das Unternehmen davon ausgegangen, dass zwei Dosen wirksamer sein sollen. Durch die kombinierte Analyse beider Dosierungsschemata ergibt sich eine durchschnittliche Wirksamkeit von 70 Prozent.

Der Impfstoffkandidat von Astrazeneca und der Universität Oxford mit der Bezeichnung "AZD1222" oder "ChAdOx1 nCoV-19" ist ein rekombinanter viraler Vektorimpfstoff. Er basiert auf einer abgeschwächten Version von Adenoviren von Schimpansen. Er soll Erbmaterial des Virus in menschliche Zellen einschleusen und zielt darauf ab, die Immunabwehr anzusprechen und Infektionen vorzubeugen.

Wirksamkeit "ziemlich gut"

Florian Krammer, Professor im Bereich Impfungen an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York, kommentierte auf Twitter die Wirksamkeit von 90 Prozent als "ziemlich gut" - allerdings seien die 62 Prozent des zweiten Dosierungsschemas "nicht sehr beeindruckend". Möglicherweise sei eine Immunität gegen den Vektor ein Problem, so Krammer. Er regte an, dass andere Impfstoffe - wie die von Biontech/Pfizer, Moderna oder Novavax - als Verstärker dienen könnten.

Der Kinderarzt Alasdair Munro, der an der klinischen Studie von Astrazeneca in Großbritannien beteiligt war, kommentierte die Meldung von Astrazeneca auf Twitter mit den Worten "Es funktioniert". Aus seiner Sicht besonders erstaunlich: Die Mitteilung des Unternehmens deutet darauf hin, dass der Impfstoff auch vor asymptomatischen Infektionen schütze. "Das ist eine große Sache - ein Impfstoff, der die Übertragung verhindert."

Munro betonte zudem, dass es keine Enttäuschung sei, wenn der Impfstoff von Astrazeneca nicht an die Wirksamkeit der Konkurrenz heranreicht. "Wenn ein niedriges Dosierungsschema wirklich zu 90 Prozent wirksam ist, ist das erstaunlich." Und selbst wenn nicht, koste der Impfstoff von Astrazeneca deutlich weniger als die mRNA-Impfstoffe, wie Biontech/Pfizer und Moderna sie verwenden, schrieb Munro. Einen ersten Hinweis auf den Preis gab das italienische Gesundheitsministerium im Juni, als es erklärte, eine Dosis koste rund 2,50 Euro in Europa. Astrazeneca sprach im Juli davon, den Impfstoff für wenige Dollar je Dosis herstellen zu können.

Lagerung unter normalen Bedingungen

Ein anderer Vorteil: Während die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna bei tiefen Temperaturen gelagert werden müssen, kann der Astrazeneca-Impfstoff normal gekühlt für mindestens sechs Monate aufbewahrt und transportiert werden. Auch Krammer bezeichnete den Impfstoff-Erfolg besonders in dieser Hinsicht als "sehr positiv".

Astrazeneca-Chef Pascal Soriot betonte zudem, die niedrigere Dosierung - die sich mit 90 Prozent als wirksamer erwiesen hat - biete einen großen Vorteil, da dadurch mehr Menschen schneller geimpft werden könnten. Das niedrigere Impfschema von 1,5 Dosen sei zudem noch besser vertragen worden, erklärte Forschungschef Mene Pangalos. Gespräche mit der US-Behörde FDA sollen noch diese Woche beginnen, auch mit den Behörden in Großbritannien und Europa sind die Entwickler im Kontakt.

Anders als AZD1222 von Astrazeneca basieren die Impfstoffe von Biontech und Moderna auf der sogenannten mRNA-RNA (Boten-RNA), die den menschlichen Zellen die Information zur Produktion von Proteinen und damit zur Bekämpfung der Krankheitserreger vermitteln soll. Der Vorteil: Ein solcher Impfstoff soll schneller in großem Maßstab hergestellt werden können als herkömmliche.

Quelle: ntv.de, kst/rts