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Das Besondere an Covid-19 "Jede Lungenentzündung ist gefährlich"

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Im Röntgenbild können erfahrene Pneumologen erkennen, ob es sich um eine durch Bakterien oder Viren verursachte Pneumonie handelt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Covid-19 ist eine Erkrankung, die vor allem die Lunge befällt. Das Virus verhält sich in vielen Dingen wie andere verwandte Vertreter auch, macht jedoch in einer Sache eine Ausnahme. Was das für Auswirkungen hat, erklärt der Pneumologe und Autor Dr. Michael Barczok im Gespräch mit ntv.de.

Welche Herausforderungen bringt das neue Coronavirus für Ärzte?

Prinzipiell muss man bei diesem Virus zwischen zwei verschiedenen Gruppen von Infizierten unterscheiden. Die einen erkranken an Covid-19 und entwickeln Symptome, die mit denen einer Grippe-Erkrankung oder eines grippalen Infekts vergleichbar sind. Manchmal kommen Durchfälle hinzu. In schweren Fällen entsteht eine Lungenentzündung, die wir mit Röntgenaufnahmen sichtbar machen können. Die anderen hingegen tragen zwar das Virus in sich und geben es auch weiter, haben aber nur geringe oder gar keine Symptome. Und das ist das besonders Gefährliche an dieser neuen Infektionskrankheit und der entscheidende Unterschied im Vergleich zu einer Influenza oder einer Infektion mit Sars oder Mers.

Was hat das für Auswirkungen?

Das Problem für uns Ärzte ist, dass es für eine Infektion mit Sars-CoV-2 keine typischen Symptome gibt. Bei den Vorläufern des aktuellen Virus und auch bei der Grippe gab es Infektionskrankheiten, bei denen wir Ärzte davon ausgehen konnten, dass nur wer schwer krank ist, hustet und Fieber hat, auch infiziert ist. Bei diesem Virus verhält es sich anders, was dazu führt, dass wir nicht sicher sagen können, wie lange jemand, der das Virus in sich trägt, dieses weitergeben kann. Bisher gehen wir von 14 Tagen aus. Für diesen Zeitraum werden auch Quarantänen ausgesprochen. In der Diskussion sind allerdings auch schon längere Zeiträume von bis zu 27 Tagen.

Das Virus soll über den Rachen aufgenommen werden. Wieso entsteht denn dann eine Lungenentzündung?

Ja, das Sars-CoV-2 wird über den Rachen aufgenommen, geht dann aber bei den Personen, die daran schwer erkranken, schnell in die Tiefe der Lunge über und befällt dort die Lungenbläschen und das Lungengewebe. Das führt zu Lungenentzündungen und damit zu lebensbedrohlichen Zuständen. Solange das Virus dagegen in der Nase oder im Rachen ist, scheint es vom Immunsystem besser bekämpfbar zu sein als in der Lunge.

Wie unterscheiden Sie als Pneumologe denn eine Lungenentzündung, die durch das neuartige Coronavirus entstanden ist, von anderen Lungenentzündungen?

Das ist in der Tat ein Problem. Es gibt zwar den Test auf Sars-CoV-2, aber bis die Ergebnisse da sind, vergeht ja immer eine gewisse Zeit. Das ist für Patienten, die eine Lungenentzündung haben, schlecht. Auch wenn die Covid-19-Erkrankung keine spezifischen Symptome hat, fragen wir unsere Patienten danach. Wir wissen bisher, dass diese vom leichten Halskratzen und Hüsteln über hohes Fieber bis hin zur lebensbedrohlichen Atemnot reichen können. Als Zweites versuchen wir herauszubekommen, ob es eine Beziehung zu einer bekannten Problemregion oder bereits infizierten Menschen gibt. Viele Patienten weisen aber schon von selbst darauf hin. Wir machen dann einen Abstrich und schicken diesen ins Labor. Ein Röntgenbild machen wir dann, wenn der Patient wirklich krank ist. Darauf können Pneumologen meistens schon erkennen, ob es sich um Bakterien oder Viren als Verursacher der Lungenentzündung handelt. In diesem Fall wird der Patient ins Krankenhaus eingewiesen. Besteht der Verdacht auf eine Infektion mit dem neuen Coronavirus, wird er mit allen erforderlichen Maßnahmen im Krankenhaus untergebracht.

Wie geht es dann weiter?

Egal, ob es sich um eine Infektion mit dem neuen Coronavirus oder einem Grippevirus handelt, beide Erkrankungen sind als lebensgefährliche Komplikation anzusehen. Wir Ärzte haben dann das Problem, dass es keine wirksamen Medikamente gegen diese Viren gibt. Wir versuchen, Patienten mit einer Pneumonie über die kritische Phase mit Symptomlinderung hinwegzubringen. In dieser Zeit klärt sich, ob der Körper es von selbst schafft, den Erreger zu bekämpfen oder nicht. Dieser Zeitraum ist zwar meistens nur wenige Tage lang, diese entscheiden aber tatsächlich über Leben und Tod. Im einigen Fällen gehört die maschinelle Atemunterstützung dazu. Sehr viel mehr können wir leider bisher nicht tun.

Mit Michael Barczok sprach Jana Zeh

Quelle: ntv.de