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"Stille, gefährliche Epidemie" Jeder Vierte hat Geschlechtskrankheit

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Die WHO empfiehlt mehr Aufklärung - auch darüber, dass Kondome schützen.

(Foto: dpa)

Manche Krankheitserreger, die beim Sex übertragen werden, nisten sich ohne Beschwerden ein. Viele Betroffene stecken daher andere an, ohne es zu merken. Schätzungen der WHO zeigen jetzt: Weltweit nehmen etwa Syphilis und Chlamydien zu. Letztere sind besonders in einer Region am weitesten verbreitet.

Mit sexuell übertragbaren Krankheiten stecken sich weltweit pro Tag mehr als eine Million Menschen an. Das geht aus einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor. Jedes Jahr gibt es unter 15- bis 49-Jährigen nach einer neuen Schätzung 376 Millionen neue Infektionen mit Trichomonaden, Chlamydien, Gonokokken oder Syphilis, wie die WHO berichtete.

Was sind STI?

STI ist die Abkürzung für sexually transmitted infections, also alle sexuell übertragbaren Infektionen. Mit STI werden Krankheiten bezeichnet, die auch oder hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr oder andere sexuelle Spielarten übertragen werden.
Als Geschlechtskrankheiten dagegen werden nur jene bezeichnet, für die es eine gesetzliche Meldepflicht an die Behörden durch den behandelnden Arzt gibt oder gab.
Fachärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten, aber auch Urologen oder Gynäkologen sind die richtigen Anlaufstellen für Betroffene.
Als klassische sexuell übertragbare Infektionen werden Syphilis, Gonorrhoe, Ulcus Molle und Lymphogranuloma venereum eingestuft. Zu den neueren STI gehören HIV und AIDS, Hepatitis B, Herpes genitalis, Chlamydien, Trichomanden, Filzläuse und Krätze oder auch die Infektion mit Humanen Papillomaviren (HPV).

Oft infiziere sich ein Mensch mit mehreren Erregern gleichzeitig oder mehrfach im Jahr. Die Gesamtzahl gilt für 2016 und liegt gut fünf Prozent höher als bei der vorherigen Schätzung für 2012. Infektionen mit Viren, wie etwa dem HI-Virus, wurden für beide Schätzungen nicht berücksichtigt.

"Dies ist eine stille und gefährliche Epidemie", sagte eine der Autorinnen, Melanie Taylor. Jeder vierte Mensch sei mit einer der Krankheiten infiziert. Zwar steckten sich jedes Jahr etwa gleich viele Frauen und Männer neu an. Doch seien die Bakterien bei Frauen hartnäckiger. Dadurch seien diese deutlich mehr betroffen als Männer. "Dies ist ein Weckruf", sagte Peter Salama, WHO-Direktor für flächendeckende Gesundheitsversorgung. "Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen, damit jeder Mensch überall Dienste in Anspruch nehmen kann, um diesen beeinträchtigenden Krankheiten vorzubeugen und sie zu behandeln."

Für die neuen Schätzungen haben WHO- und externe Experten 130 Studien und mehr als 900 Datensätze ausgewertet. Der Bericht umfasst nur die vier genannten Krankheiten. Zusätzlich sind nach Angaben der WHO Hunderte Millionen Menschen von Herpes- oder Humanen Papillomviren (HPV) betroffen, die ebenfalls bei Sexualverkehr übertragen werden.

Mögliche Folgen: Totgeburten oder Unfruchtbarkeit

Die vier Krankheiten könnten schwerwiegende Folgen haben, darunter Eileiter-Schwangerschaften, Totgeburten, Unfruchtbarkeit, Herz-Kreislauferkrankungen sowie Arthritis, warnen die Autoren. Allein 2016 seien rund 200.000 Babys von mit Syphilis infizierten Müttern kurz vor oder kurz nach der Geburt gestorben. Damit sei Syphilis die zweithäufigste Todesursache für Babys, nach Malaria, sagte Taylor.

Doch die Krankheiten seien heilbar. Die WHO empfiehlt entsprechend mehr Tests und bezahlbare Medikamente. Sie spricht sich auch für mehr Aufklärung zur Vorbeugung aus, etwa über die Notwendigkeit einer konsequenten Nutzung von Kondomen beim Sexualverkehr. In manchen Ländern sei zur Behandlung von Syphilis jedoch nicht genügend Benzathin-Penicillin vorhanden. Zudem seien immer mehr Gonokokken resistent gegen Antibiotika. Die Gefahr sei, dass die Krankheit eines Tages nicht mehr zu behandeln sei.

Mit Abstand am häufigsten sind nach dieser Untersuchung Infektionen mit Trichomonaden. Sie machen mehr als 40 Prozent aller Fälle aus und betreffen 156 Millionen Menschen pro Jahr. Bei der Infektion führen die einzelligen Parasiten zu einer Entzündung der Geschlechtsorgane und Harnwege. Betroffene Männer haben oft keine Beschwerden und übertragen die Krankheit, weil sie nicht wissen, dass sie infiziert sind.

Gonokokken können auch Augenbindehaut befallen

Am zweithäufigsten sind Erkrankungen durch Chlamydien, die 127,2 Millionen Menschen betreffen. Auch hier treten Beschwerden wie Ausfluss oder Brennen beim Wasserlassen oft nicht oder erst spät auf. Mit Gonokokken - Gonorrhö oder umgangssprachlich Tripper genannt - infizieren sich weltweit jedes Jahr 86,9 Millionen Menschen. Angegriffen sind meist die Schleimhäute der Harnwege und Geschlechtsorgane, die Erreger können aber etwa auch die Augenbindehaut befallen.

An Syphilis erkranken jährlich 6,3 Millionen Menschen. Auch hier dringen Erreger über die Schleimhaut oder Hautrisse in den Körper ein. Betroffene können ein Geschwür bekommen sowie Hautausschläge und Fieber.

Mit einer Trichomonaden-Infektion leben nach der Schätzung weltweit 5,3 Prozent der Frauen und 0,6 Prozent der Männer. Bei Chlamydien sind 3,8 Prozent der Frauen betroffen und 2,7 Prozent der Männer. Bei Gonorrhö und Syphilis sind es weniger als ein Prozent. In Afrika haben 11,7 Prozent der Frauen eine Trichomoniasis. In der Europa-Region - die bis Tadschikistan an der chinesischen Grenze reicht - sind von den vier Krankheiten Chlamydien am weitesten verbreitet: bei 3,2 Prozent der Frauen und 2,2 Prozent der Männer.

Quelle: n-tv.de, aeh/dpa

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