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Zu große Köpfe, zu enge Becken Kaiserschnitte führen zu Kaiserschnitten

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Der erste konservative Kaiserschnitt wurde bereits 1881 durchgeführt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ob bei Mehrlingsgeburten oder Komplikationen: Der Kaiserschnitt rettet Leben. Doch die operative Maßnahme führt indirekt auch dazu, dass es in Zukunft immer mehr solcher Eingriffe geben wird.

Die steigende Anzahl an Kaiserschnitten führt indirekt dazu, dass immer mehr Neugeborene einen zu großen Kopf für eine natürliche Geburt haben. Das schreibt ein Team um Philipp Mitteröcker von der Universität Wien im Fachmagazin "PNAS". Heute passten 10 bis 20 Prozent mehr Kinder nicht durch den Geburtskanal als noch vor rund fünf Jahrzehnten. Dieses Problem tauche nun bei schätzungsweise 3,3 bis 3,6 Prozent der Geburten auf - im Vergleich zu rund 3 Prozent vor 50 Jahren.

Mithilfe eines mathematischen Modells ermittelten die Forscher den Einfluss von Kaiserschnitten auf die "natürliche Auslese". Früher kam es demnach für Mütter und Kinder häufig einem Todesurteil gleich, wenn das Neugeborene nicht durch den Geburtskanal passte. Dadurch wurden körperliche Eigenheiten wie ein zu schmales Becken nicht an die nächste Generation weitergegeben.

Kein Selektionsdruck mehr

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Selbst sechs Kilogramm schwere Kinder können manchmal ohne Kaiserschnitt zur Welt kommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Heute retten Kaiserschnitte in solchen Fällen das Leben von Mutter und Kind. Damit werde der "Selektionsdruck" hin zu einem verhältnismäßig kleineren Kopf und einem breiteren Becken außer Kraft gesetzt, sagte Mitteröcker.

Bestehen bleibe nur die langfristige - entgegengesetzte - Entwicklung: hin zu schmaleren Becken der Mütter und größerem Kopf der Neugeborenen. Genau bis zu dem Punkt, an dem die Geburt dadurch unmöglich wird, hat das Vorteile: So sei ein schmaleres Becken günstiger für die Fortbewegung, sagte Mitteröcker. Zudem könne es bei einem sehr breiten Becken bei der Geburt zu einem sogenannten Gebärmuttervorfall kommen. Dabei senkt sich das Organ ab, was gefährlich sein kann.

Daneben erhöhten sich die Überlebenschancen von Babys, je größer sie bei der Geburt seien, sagte Mitteröcker. Auch weil sie weniger anfällig für Krankheiten seien.

Rätsel der Evolution geklärt

Mit seinem mathematischen Modell erkläre Mitteröcker "eines der großen Rätsel in der menschlichen Evolution", sagte Philipp Gunz, Anthropologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der nicht an der Studie beteiligt war. Die Untersuchung beantworte nämlich die Frage, warum schmale Becken und große Köpfe im Laufe der Evolution nicht verschwunden sind, sagte Gunz.

Außerdem lasse sich mit dem neuen Ansatz vorhersagen, wie der menschliche Körper sich wohl innerhalb von wenigen Jahrzehnten verändern werde.

Künftig werde der Anteil problematischer Geburten weiter steigen, schreiben die Forscher um Mitteröcker. Das werde "aber kaum dazu führen, dass eines Tages alle Babys nur mehr durch Kaiserschnitt geboren werden können", sagte Mitteröcker.

Denn: Auch in die andere Richtung beeinflusse der medizinische Fortschritt die Evolution. So überlebten heute auch sehr kleine Babys, die früher wohl gestorben wären - und können ihre Gene eines Tages weitergeben. Außerdem könnten im Bauch von Frauen nicht unbegrenzt große Kinder wachsen - das gebe der Stoffwechsel der Mütter schlicht nicht her.

Folgen des aufrechten Gangs

In Deutschland entschieden sich im Jahr 2015 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 31,1 Prozent der werdenden Mütter für eine Kaiserschnittgeburt.

Dass der Mensch überhaupt im Vergleich zu anderen Primaten recht häufig Geburtsprobleme hat, liegt nach Forschermeinung am aufrechten Gang. Dadurch bekamen Frauen ein schmaleres Becken, lange bevor sich das überdurchschnittlich große Gehirn von Homo sapiens entwickelte.

Generell sei es nichts Ungewöhnliches, dass der technologische Fortschritt Einfluss auf den Körper nehme, sagte der Anthropologe Gunz. So habe sich seit den Jäger-und-Sammler-Zeiten der Kiefer des Menschen deutlich verkleinert - wegen der veränderten Nahrung. Und die Entwicklung und Verbreitung von Medikamenten habe einen starken Einfluss auf das Immunsystem und die Evolution der Krankheitserreger.

Quelle: n-tv.de, Violetta Kuhn, dpa

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